Wie Eiswasser im Gesicht  

Von Anetta Kahane

Ich war weit weg, an der Pazifikküste. Am Vorabend von Jom Kippur hatte ich mir allein das Gebet Kol Nidrei angehört. Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich die Feiertage nicht in meiner Synagoge in Berlin verbringen konnte und auch sonst nirgendwo, denn in der Umgebung gab es keine Juden. Aus dem Internet hörte ich mir deshalb die schöne Stimme der Kantorin Mimi Sheffer an.

Sie sang das Kol Nidrei, dieses ernste und aufrührende Gebet. Es geht darin um persönliche und allgemeingültige Versprechen, um Verantwortung, Aufrichtigkeit, um das Leben und den Tod. Das Kol Nidrei geht tief und ist existenziell.

In der Nacht brummte mein Handy einige Male. Gerade genug, um es wahrzunehmen, nicht genug, um richtig aufzuwachen. Irgendwann war ich wach und las die Nachrichten aus Halle, über die eingeschlossenen Menschen, die Toten. Ich lief im Zimmer auf und ab, fluchte und lehnte die Wange ans Fenster, als ob das die Furcht aufhalten könnte, die in mir hochkroch.

Dabei kenne ich doch die Rechtsextremisten seit Jahrzehnten, ihre Drohungen waren nie nur leere Worte. Ich laufe für die ja auch mit einem Fadenkreuz auf der Stirn herum. Ich weiß sehr vieles über den Rechtsterrorismus und wer von denen wo und wie aktiv ist und nehme es kühl. Diesmal nicht.

Als würde den Juden der Boden unter den Füßen weggerissen 

Ich lief zum Strand, der um diese Zeit fast menschenleer war. Das Entsetzen der Angehörigen der Opfer über die Todesnachricht, die Angst der Angegriffenen in der Synagoge stieg mir in die Augenwinkel. Ich setzte mich irgendwo hin und begann zu weinen. Es war nicht nur Schreck und Trauer, sondern noch etwas anderes. 

Dieser ewige Antisemitismus, von Generation zu Generation, von Trauma zu Trauma, er beißt wie Eiswasser im Gesicht, er macht, dass viele Juden sich in solchen Momenten fühlen, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Die alten Ängste, nach Luft schnappen, sich fassungslos umsehen. Was passiert hier gerade? Wieder ein Einzelfall?

Man kann sich daran gewöhnen, aber muss man das? Es sind nicht nur die Täter, die solchen Schmerz verursachen. Es ist das Ausmaß an Hass und Irrationalität und die verletzende Gleichgültigkeit eines beistehenden Publikums. Und es sind die zu erwartenden öffentlichen Reaktionen, die ohne politischen Willen nur warme Worte in die Kälte blasen.

An den Tagen danach bekam ich Nachrichten, tröstende, wütende – und schickte genau solche an andere. Und nur wenig später wurde klar, dass diese Nazis und ihre Salonfreunde die Sache aggressiv umdrehten. Eine Flut von ungeheuerlichen Relativierungen begann sich in den sozialen Netzwerken auszubreiten, Verschwörungstheorien überall. Schuldumkehr, die Juden waren es selbst. Irgendwie.

Oder diejenigen, die seit Jahren für demokratische Kultur arbeiten. Sie hätten das inszeniert, damit sie Geld, Geld, Geld kriegen. Die Vogelschisspartei erklärte sich zum größten Freund der Juden und bekam für diesen Blödsinn viel Raum in den öffentlich-rechtlichen Medien. Und irgendwelche islamistischen Gruppierungen wussten nicht, ob sie über den Anschlag jubeln oder sich nicht gleich selbst zu Juden erklären sollten. Mich berührt die Anteilnahme von so vielen Menschen überall im Land. Sie sind die Hoffnung. Alles andere ist zum Heulen.