Hätte sich die Dame von den Grünen einfach ans Thema gehalten, dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Dann wäre June Tomiak als Schülerin vielleicht nicht zu den Grünen gestoßen. Dann würde sie wohl nicht am Donnerstag mit nunmehr 19 Jahren als jüngste Abgeordnete ins Berliner Landesparlament einziehen. Und dann säße sie an diesem Oktobernachmittag nicht in einem Café in Mitte, um zu erzählen, wie sie Berufspolitikerin geworden ist, kaum dass sie mit der Schule fertig war.

Aber die Dame von den Grünen hielt sich eben nicht ans Thema, und June Tomiak ärgerte sich darüber. In Berlin demonstrierten die angestellten Lehrer für bessere Arbeitsbedingungen. Oppositionspolitiker trugen Solidaritätsadressen vor. „Die Frau von den Grünen wollte dann aber lieber über den Weltfrauentag reden“, erinnert sich June Tomiak. Als Schülerin des Gottfried-Keller-Gymnasiums in Charlottenburg gehörte sie zu den Demonstranten. Ein paar Tage später marschierte sie in ein Büro der Grünen und machte ihrem Ärger Luft. „Ich glaube nicht, dass der Mitarbeiter so richtig verstanden hat, wovon ich redete.“ Aber er versprach, ihre Beschwerde weiterzuleiten. Dann unterhielten sie sich über Politik. Etwas später wurde June Tomiak Mitglied der Grünen Jugend.

Klassen- und Schülersprecherin

Schaut man auf die Zahlen, dann ist Politik in Berlin eine Angelegenheit der 40- bis 60-Jährigen. Gerade einmal fünf Mitglieder des neuen Abgeordnetenhauses, das sich an diesem Donnerstag konstituiert, haben das Rentenalter erreicht. Bruni Wildenhain-Lauterbach (SPD) ist mit 69 Jahren die älteste Parlamentarierin. Nur zwei sind unter 30: Herbert Mohr von der AfD wurde 1988 geboren. June Tomiak, Jahrgang 1997, ist mit Abstand das jüngste Mitglied des Abgeordnetenhauses.

Zum Vergleich: Mehr als 19 Prozent der Berliner Bevölkerung sind älter als 65 Jahre. Fast 30 Prozent sind jünger als 30. Bruni Wildenhain-Lauterbach und June Tomiak gehören also Altersgruppen an, die zusammen fast die Hälfte der Stadtbevölkerung bilden. Doch im Abgeordnetenhaus sind sie eine Randgruppe. Immerhin mit dem Privileg, die erste Sitzung des neuen Parlaments zu eröffnen. Bruni Wildenhain-Lauterbach leitet die Sitzung am Donnerstag. June Tomiak, Erstsemesterstudentin im Fach Kultur und Technik an der TU, ist Beisitzerin und hat unter anderem die Aufgabe, die Namen der Abgeordneten zu verlesen.

Ob sie Angst hat, jetzt die Berufsjugendliche im Abgeordnetenhaus zu werden? June Tomiak lacht die Frage weg. „Natürlich werde ich mich zur Jugendpolitik äußern. Das betrifft mich ja schließlich auch selbst.“ Dass sie gehört wird, darüber braucht sie sich wohl keine größeren Sorgen machen. Man muss dazu wissen: Bei den Grünen entscheidet die Basis, wer einen Platz auf der Landesliste bekommt, und die ist manchmal unberechenbar. June Tomiak musste sich beim Parteitag im März als beinahe Unbekannte durchsetzen. Als Kandidatin für Listenplatz 9 fiel sie durch, im zweiten Anlauf wurde sie auf Platz 15 gewählt.

„Obwohl ich erst 19 Jahre alt bin, bin ich schon eine alte Häsin“, rief sie den Delegierten entgegen. Tatsächlich übertrifft ihre politische Erfahrung die mancher deutlich älterer Bewerber. Sie hat eigentlich nichts ausgelassen, war Klassen- und Schülersprecherin, Mitglied der Schulkonferenz, des Jugendparlaments, des Bezirks- und des Landesschülerausschusses. Dort traf sie auch auf Schulsenatorin Sandra Scheeres und Bildungsstaatssekretär Marc Rackles (beide SPD). „Er beschwerte sich, dass unsere Anträge immer so lang sind“, erzählt sie. Darauf habe sie ihn gefragt, welche Anträge er meine, schon längere Zeit habe es keinen gegeben, der länger als eine halbe Seite war. Es wurde deutlich, dass Rackles schon länger nicht mehr gelesen hatte, was die Schüler ihm schrieben.

Die Schule für alle

June Tomiak hat unbestreitbar rhetorisches Talent. Sie spricht ungekünstelt, beinahe druckreif – was nicht selbstverständlich ist, wenn eine 19-Jährige ein Interview gibt –, fixiert ihr Gegenüber mit dem Blick. Ihren Kakao rührt sie während des Gesprächs kaum an. An ihrer Schule hätten nicht die Noten im Mittelpunkt gestanden, sondern die Inhalte und die Auseinandersetzung mit ihnen, sagt sie. Bürgerkinder aus Charlottenburg seien dort auf die Jugend aus dem Soldiner Kiez gestoßen. Selbst hat sie den größeren Teil ihrer Jugend in Wedding verbracht, in einer Patchwork- und Regenbogenfamilie, ist also mit den verschiedensten Milieus in Berührung gekommen.

Sie wolle eine Schule für alle, sagt Tomiak. Fragt man sie konkret, ob sie in den Koalitionsverhandlungen die Abschaffung des Probejahrs am Gymnasium durchsetzen will – einer der größeren Streitpunkte –, dann antwortet sie aber diplomatisch: „Wir wollen alle Chancengleichheit in der Bildung erreichen. Wie wir an diesen Punkt kommen, werden wir sehen.“

Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe Jugendpolitik, wo es etwa um Jugendhilfe geht. Die Stimmung in der Gruppe sei gut, sagt sie, mehr verrät sie nicht. Findet sie es als Vertreterin der Grünen Jugend, die innerhalb der Partei den linken Rand markiert, denn überhaupt richtig, in eine Koalition zu gehen? „Natürlich“, sagt sie. „Wir müssen Kompromisse machen. Dafür können wir Sachen umsetzen.“

An Wille scheint es bei ihr nicht zu mangeln. Und an Zeit? Formell ist das Abgeordnetenhaus ein Halbzeitparlament, tatsächlich haben viele Abgeordnete 70-Stunden-Wochen. „Ich werde nicht Vollzeit studieren“, sagt June Tomiak. In der Schulzeit hat es ja auch geklappt, das Engagement mit anderen Aufgaben zu vereinen. „Ich habe Prioritäten gesetzt. Mein Abischnitt war nicht berauschend. Aber das ist okay. Ich bin zufrieden.“