Man sollte meinen, dass die Erinnerung an alte Fernsehsendungen langsam verblasst und irgendwann ganz verschwindet. Besonders bei Sendungen mit so leicht verderblicher Ware wie Popmusik. Aber gerade daran hält sich immer ein gewisses Interesse, weil der Mensch mit einzelnen Lebensphasen wie der Pubertät bestimmte Musik verbindet. Der Song, zu dem man zum ersten Mal die künftige Frau geknutscht hat, bleibt wichtig. Das erklärt, warum DVD-Boxen mit Sendungen wie „Formel Eins“ herausgekommen sind. Ende Mai erscheint nun auch eine DVD-Box mit dem Besten aus „bong“, der Popmusik-Wertungssendung des DDR-Fernsehens. Von der liefen 1983 bis 1989 genau 75 von Jürgen Karney moderierte Folgen.

Zum Gespräch darüber treffe ich ihn in der Surf- und Segelschule Müggelsee. Bis zur Trennung von seiner Frau lebte er nur drei Minuten von dort entfernt. Inzwischen wohnt Karney in Teltow, nimmt den längeren Anfahrtsweg zur Idylle am See aber gern in Kauf. Mit den Seglern und Surfern pflegt er kumpelhaften Umgang: „Wenn richtig Wind weht, surfe ich. Sonst bin ich eher auf einem Segelboot unterwegs.“

Über die DVD-Box freut er sich. Sie bietet die Möglichkeit, mit dem Abstand von einem knappen Vierteljahrhundert auf seine Arbeit zu schauen und dabei festzustellen: Das war damals ja gar nicht alles so miefig-piefig wie man heute oft denkt. In „bong" wurde unglaublicher Aufwand betrieben, um die Musiktitel technisch anspruchsvoll und optisch originell zu präsentieren. „Wir haben uns viel Zeit genommen, Kulissen gebaut.“ Das war natürlich teuer: „Der Produktionsleiter hatte oft so eine sorgenvolle Stirnfalte.“ Abgestimmt, welcher Titel in der nächsten Sendung wiederkommen sollte, wurde per Postkarte. Die meisten Karten bekam Inka Bause, für die mal 40 000 Zuschauer stimmten.

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Karney erinnert sich gut an die Entstehung der Produktion „bong“, die eine andere Wertungssendung ersetzen sollte: „Das ‚Schlagerstudio‘ mit Chris Wallasch kam in die Jahre und in die Kritik. Man fragte mich, ob ich Lust hätte, an der Entwicklung einer neuen Sendung mitzuwirken und die dann auch zu moderieren.“

In einem Team von sechs Leuten war man sich einig, dass es weniger um Schlager und mehr um Popmusik gehen sollte. Strömungen wie die Neue Deutsche Welle – Lieder wie „FKK“ (von der Gruppe Juckreiz) und „Kurschatten“ (Thomas Lück) gehörten musikalisch auf jeden Fall dazu – sollten ihr Podium finden, obwohl es die NDW offiziell in der DDR gar nicht gab. Karney: „Wenn man eine Popmusiksendung macht, muss man den Zeitgeist bedienen und darf keine alten Freundschaften pflegen.“ Schlagersänger wie Ljupka Dimitrovska und Roland Neudert blieben auf der Strecke und traten nie in „bong“ auf.

Studienreise ins "Hitparade"-Studio

Bei der Arbeit griff man zu Tricks: „Unser erstes Konzept wurde abgelehnt. Dann haben wir vier Abwandlungen erarbeitet und irgendwann die erste Idee mit einem neuen Titel versehen und wieder eingereicht. Plötzlich fand man die gut.“ So kam es zur Sendung und ihrem seltsam einprägsamen Titel „bong“. Karney verdiente als Autor und Moderator zunächst 1 500 DDR-Mark pro Ausgabe, später 2 800. Nächstes Jahr könnte ihm „bong“ noch mal einige hübsche Honorare bringen: „Wir planen für 2014 eine Tournee mit einem großen Konzertveranstalter aus Leipzig und versuchen, alle zusammen zu bekommen, die damals den Silbernen Bong gewonnen haben.“ Er nennt schon mal Namen wie Inka Bause, Olaf Berger, Petra Zieger und Arnulf Wenning.

Obwohl Karney sich mit „bong“ viel mehr an „Formel Eins“ orientierte, bekam er 1987 die Genehmigung für eine „Studienreise“ ins Studio der ZDF-„Hitparade“ in der West-Berliner Oberlandstraße. Er begegnete dort ganz unterschiedlichen Typen von Kollegen: „Mein Eindruck: Dem damaligen Hitparaden-Moderator Viktor Worms war wurscht, was damals im Osten lief.“

Ganz anders hat Karney die Redakteure in Erinnerung, mit denen er sich unterhielt. Die schauten, das merkte man, regelmäßig, was die TV-Kollegen im Osten so trieben. „Ich traf auch viele sehr interessierte Musikerkollegen wie Frank Zander, die die Musikantenszene in der DDR spannend fanden und immer auf dem Schirm hatten, was im Osten so lief. Frank war dann auch der Erste, den ich direkt nach dem Mauerfall in meine Radiosendung im Osten holte. Das verbindet uns bis heute.“