Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Geheimtipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse, aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal wurden unsere Fragen nicht nur beantwortet, der in Ost-Berlin geborene Radiomoderator Jürgen Kuttner hat sogar noch eine Frage selbst hinzugefügt (siehe Punkt 12). Viele Berliner kennen ihn durch seine Sendungen bei Fritz und Radioeins, wo er eine Zeitlang auch zusammen mit seiner Tochter Sarah Kuttner moderierte. Seit vielen Jahren hält der 64-Jährige zudem monatliche „Videoschnipselvorträge“ an der Berliner Volksbühne. Nicht weit vom Rosa-Luxemburg-Platz entfernt ist Jürgen Kuttner denn auch zu Hause: Mit Frau und Hund wohnt er in Prenzlauer Berg.

1.          Herr Kuttner, seit wann sind Sie schon in der Stadt?

Schon seit vor meiner Geburt, die übrigens im Krankenhaus der Volkspolizei (das das erste Laboratorium für systematische Blutalkoholuntersuchungen der Welt hatte! Seit 1926!) stattfand. Von daher waren meine ersten Berufswünsche Volkspolizist und das, wovon Frau Jarasch Häuptling sein wollte. Der erste Wunsch wäre beinahe in Erfüllung gegangen: Nach meiner Armeezeit wurde mir, als ich meinen Personalausweis abholen wollte, angeboten, zur Polizei zu gehen: „Zwei Monate Ausbildung und Sie können Streife laufen!“ Naja.

2.           Was ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Sommer auf’m Balkon.

3.           Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

Ins Grüne. Aber nicht schon immer. Als Berliner Hinterhofgöre war ich eigentlich Stadtist. Als ich mit Mitte 30 anfing, Natur erst mal akzeptabel und okay und dann sogar schön zu finden, wusste ich: Jetzt werd’ ich alt.

4.           Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Den Potsdamer Platz und das Alexa. Diese menschenverachtende Angeber-Architektur und diese brutalistische Deppen-Playmobil-Ästhetik sind das absolute Großfressen-gegen-Berlin.

Imago/Jürgen Ritter
Hier werden Sie Jürgen Kuttner niemals beim Einkaufsbummel begegnen: im Alexa in Mitte.

5.           Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Das Hally Gally in der Hufelandstraße. Das Refugium für einen leider aussterbenden Typus Mensch.

6.           Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Ach, Shopping … „Deine Hobbys? Party, chillen, shoppen!“ Nicht so meins. Beim Klamottenkauf eher Läden, wo es Sachen ohne Logo gibt. Kapielski sagte schon vor Jahren: Die Beschriftung der Menschen schreitet unaufhaltbar fort.

7.           Der beste Stadtteil Berlins ist …

Sagen wir so: Der beste Stadtteil Berlins war der Prenzlauer Berg. Proleten, Alte, Akademiker, Kranke, Künstler und „Künstler“, Studenten, Beamte, Bekloppte und Kneipen, wo man den jeweils anderen begegnete.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Jürgen Kuttner kam 1958 in Ost-Berlin zur Welt, sein Vater war Materialkontrolleur bei den Verkehrsbetrieben, seine Mutter arbeitete bei der Sparkasse. Nach Abitur und NVA bekam Kuttner zunächst keinen Studienplatz und arbeitete erst mal als Clubleiter, Hausmeister und bei archäologischen Grabungen.

Mit 22 Jahren konnte er an der Humboldt-Uni sein Studium der Kulturwissenschaft aufnehmen, wo er 1987 promovierte. Bis zur Wende war er beim Verband Bildender Künstler der DDR beschäftigt. 1990 war er maßgeblich an der Gründung der Ostausgabe der taz beteiligt.

Seine Radio-Laufbahn begann Kuttner beim DDR-Jugendsender DT64, nach der Wende war seine „Sprechfunk“-Sendung lange Zeit fester Bestandteil des Fritz-Radioprogramms, zuletzt dienstagabends im „Blue Moon“. 2019 nahm Kuttner zusammen mit Radioeins das frühere Konzept wieder auf und ging mit „Kuttners Sprechfunk“ per Livestream auf Sendung. Der Stream ist auch als Podcast verfügbar.

Kuttner wirkt immer wieder auch an verschiedenen Theaterprojekten als Regisseur, Autor und Darsteller mit. Seit 1996 hält er monatlich sogenannte Videoschnipselvorträge an der Volksbühne, der nächste Termin ist am 17. Juni.

8.           Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Das Stadtmarketing mit seiner Absicht, das „Gesamtkunstwerk in aller Welt zu vermarkten“, „die Ausstrahlung unserer Stadt und die Marke Berlin zu erhalten“ ... „Be Berlin“? Oder: „Berlin. Bewegt“ und „Endlich wieder. Berlin“? Auf sowas kommen nur Leute, die noch nie in Lichtenberg oder im Märkischen Viertel oder Spandau oder Rudow oder Hellersdorf waren. Eben Frage 7, letzter Typus ...

9.           Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Bleiben Sie mir weg mit Änderungen! Ist schon schlimm genug und kann nur noch schlimmer werden.

10.         Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Die, die es sich leisten können, sollen wegbleiben. Die, die es sich nicht leisten können, sollen kommen.

11.         Cooler als Berlin ist nur noch …

Ost-Berlin. ;-)

12.        Was finden Sie gut an Berlin?

Die schlechte Laune als subversives Gegengift zur diensteifrigen Service-Dauer-Gutgelauntheit. „Sehr gern!“