Die Nachricht ploppt auf ihrem Handy auf. „Wenn du vor mir stehst, hast du keine große Fresse mehr“, liest Samira Alabi. Sie heißt eigentlich anders, ist damals 12 Jahre alt. Die Drohung stammt von einer Mitschülerin. Sie kündigt Streit an. Gebrüll. Schimpfworte. Adrenalin. Schon wieder. Morgen, überlegt Samira, gehe ich mal nicht in die Schule. Eine Auszeit, einen oder zwei Tage. Dann weitersehen.

Fünf Jahre ist das jetzt her. Im Nachhinein war es die wohl folgenschwerste Entscheidung im Leben der jungen Frau. Sie markiert den Beginn eines Kapitels, dessen Konsequenzen Samira Alabi noch immer spürt. Denn mit der Auszeit begann eine Schulschwänzerkarriere. Dutzende Fehltage. Ein verpatzter Abschluss. Heute, mit 17 Jahren, ist Samira Alabi eine von 13 582 jugendlichen Arbeitslosen in Berlin.

Etwa jeder zehnte Teenager unter 25, sogar jeder achte unter 20, steht in der Hauptstadt ohne Erwerb da. Das sind doppelt so viele junge Leute wie im Bundesschnitt. Zwar sinkt die Quote etwas, doch hält Berlin bei der Jugendarbeitslosigkeit seit Jahren den Negativrekord. Obwohl in der Stadt junge Unternehmen wachsen und mit rasantem Tempo Arbeitsplätze entstehen, bleibt ein großer Teil der Jugendlichen von dieser Entwicklung abgekoppelt. 

13.582 junge Arbeitslose, dazu eine Dunkelziffer von Heranwachsenden, die nicht in der Statistik auftauchen, weil sie nicht einmal arbeitslos gemeldet sind. „Bleiben Jugendliche auf der Strecke, berauben wir uns unserer Zukunftschancen“, mahnt die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Eine Stadt, der die Fachkräfte fehlen, grabe sich ihr Wachstum ab. Und sie zahlt drauf.

„Ich war Teil einer Clique“

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergab vor ein paar Jahren, dass Jugendliche ohne Ausbildung die öffentlichen Haushalte in Deutschland pro Jahr rund 1,5 Milliarden Euro kosten. Denn aus den Jugendarbeitslosen von heute werden mit erhöhter Wahrscheinlichkeit die Langzeitarbeitslosen von morgen. Arbeitslosigkeit in jungen Jahren begünstigt Kriminalität, Antriebslosigkeit und Gesundheitsprobleme – hat also „dramatische Konsequenzen für unsere Gesellschaft als Ganzes“, heißt es in dem Bericht. 13.582 junge Berliner, die irgendwie ihre Tage rumkriegen, ohne Job, ohne Perspektive. Es fehlt an Daten, Erklärungen fallen höchst unterschiedlich aus. 

Als Samira Alabi beschließt, ein paar Tage nicht zur Schule zu gehen, ist sie in der siebten Klasse der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf. Keine Problemschule, im Gegenteil: Jedes Jahr gehört die Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe zu den beliebtesten Einrichtungen der Stadt. Dennoch eskalieren auch hier Teenagerkonflikte. „Ich war Teil einer Clique“, erzählt Samira. Sie spricht leise, aber nicht unsicher, schiebt sich den schwarzen Pony immer wieder aus dem Gesicht. Es ist Vormittag, sie sitzt in einem Unterrichtsraum beim Bildungsträger Trias am S-Bahnhof Wilhelmsruh. Dort, wo sie hinführen soll, diese Geschichte, die mit einem Mädchenstreit beginnt. Mit Lästereien, die Erwachsene vielleicht als Pubertätszank abtun, die aber doch massive Folgen haben können.

Schuldistanz hat viele Ursachen

„Eine Gruppe Mädchen hat Lügen über uns verbreitet“, sagt Samira Alabi. „Wir seien Schlampen und sowas.“ Ihre Freundinnen halten dagegen, scharen die großen Schwestern um sich. Sie wollen stärker sein. Und doch fühlt sich Samira erschöpft, wenn sie abends im Bett liegt. „Mir haben sie auf dem Flur hinterhergezischt: ,Guck mal, wie hässlich sie ist!’ Meiner Freundin rissen sie die Haare aus. Die haben uns gemobbt.“
Immer öfter treffen sich die Freundinnen am Kurt-Schumacher-Platz anstatt in der Schule. Sie gehen ins Clou, das Einkaufszentrum, sitzen dort auf den Bänken, fahren zur East Side Gallery, machen Fotos und bearbeiten die Bilder mit bunten Filtern.

Samira Alabi wird eine von Tausenden Jugendlichen, die in Berlin täglich die Schule schwänzen. Mehr als 2000 Oberschüler blieben dem Unterricht im vergangenen Schuljahr länger als vier Wochen fern. Auch hier hält Berlin im bundesweiten Vergleich die rote Laterne. Die Ursachen für die Schuldistanz sind vielfältig. Schlechte Schulleistungen, Mobbing, Angstzustände oder andere psychische Probleme können eine Rolle spielen. Oft liegt es auch an falschen Freunden, oder aber Schüler müssen sich um Eltern oder Geschwister kümmern.

Die Bildungsverwaltung will die notorischen Schwänzer zurück an die Schulbank holen, indem sie sie in temporären Kleinklassen unterrichtet. In Reinickendorf gibt es seit Anfang des Schuljahres so eine, berichtet Matthias Holtmann. Er ist Schulleiter der Max-Beckmann-Oberschule, an der Samira Alabi einst verloren ging. „Das Konzept ist gut“, sagt er. „Aber wir würden uns wünschen, Schüler flexibler in die Klassen rotieren zu können. Denn ihre Krisen halten sich nicht an das Schulhalbjahr.“ Und wer einmal mit dem Schwänzen begonnen habe, sei später schwer wieder einzufangen. 

Auch Samira Alabi merkt, dass sie frühmorgens kaum noch rauskommt. Sie sieht die ersten Sechsen auf dem Zeugnis. „Am Anfang denkt man dann: Oh, mein Gott.“ Sie nimmt sich vor, wieder regelmäßiger hinzugehen, fühlt sich aber mit jedem Fehltag unwohler in der Schule. Der Anschluss an den Unterrichtsstoff ist weg, damit auch der Glaube, überhaupt einen Abschluss schaffen zu können. Auch der Kontakt zu den Mitschülern schwindet. Im achten Schuljahr hat sie über 50 Fehltage.

 „Sie weiß ja, wie stressig es in der Schule ist“

Lehrer sprechen mit ihr, auch der Schulleiter, der Vorgänger von Matthias Holtmann. Eine Sozialpädagogin besucht sie zu Hause. Nach fünf unentschuldigten Fehltagen setzt es eine Versäumnisanzeige. Jetzt droht ein Bußgeld, sie geht wieder ein paar Tage zur Schule. Doch das Netz für Kinder in Krisen, das an der Max-Beckmann-Oberschule mit aktuell vier Sozialarbeitern vergleichsweise gut aufgestellt ist, fängt Samira nicht auf. Denn ihre Mutter hält zu ihr, misstraut den Lehrern und schreibt ihr Entschuldigungen. „Sie weiß ja, wie stressig es in der Schule ist“, erklärt die junge Frau. 

Samira Alabi hat acht Geschwister. Ihr Vater stammt aus Nigeria. Heute lebt er in Italien, glaubt sie. Ihre Mutter bessert die Sozialhilfe mit Mini-Jobs auf, sie macht sauber in Hotels. So gut es eben geht, hält sie die Großfamilie in der Vier-Zimmer-Wohnung zusammen. Ein Kraftakt, der oft wenig Luft für die Bedürfnisse der zehn Einzelnen lässt.

„Die Eltern sind der wichtigste Faktor"

Ein Drittel aller Berliner Schüler wächst wie das Mädchen in Familien auf, die Sozialtransfers beziehen. Dass in Deutschland die soziale Herkunft großen Einfluss auf den Bildungserfolg hat, dass aus Familien ohne Geld also besonders häufig Kinder ohne Chancen kommen, belegen Studien.
Die Soziologin Heike Solga vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung bescheinigt der Stadt eine besonders heterogene Schülerschaft. „Lange herrschte unter Arbeitern hohe Arbeitslosigkeit. Wir erleben heute noch die Kinder derer, die nach der Wende um die Jobs kämpften“, sagt sie. 

Schulleiter Matthias Holtmann will dennoch nicht von vererbter Bildungsarmut sprechen. „Wichtiger als der soziale Status ist ein gemeinsames Wertesystem der Eltern, ein Umfeld von Respekt und Verlässlichkeit.“ Doch gebe es in Berlin eben auch Familien, die sich selbst ein System verpasst hätten, in dem andere Dinge zählten. Anerkennung durch eigene Autoritäten, Loyalität oder Familienbande etwa. „Die Eltern sind der wichtigste Faktor: Sind sie dahinter, schaffen Kinder den Schulabschluss“, sagt Holtmann.

Schnittstelle nach der zehnten Klasse

Samira Alabi schafft ihn nicht. Sie schwänzt auch die Prüfungen. Ohne mittleren Schulabschluss oder Berufsbildungsreife verlässt sie die Sekundarschule. Sie bricht ab. So wie jeder zehnte Schüler in Berlin.
Das ist wieder so eine Zahl, doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verweist darauf, dass Berlin verglichen mit anderen Ländern auch eine hohe Inklusionsquote habe. „Unter den Schulabbrechern sind also verhältnismäßig viele Kinder mit Förderbedarf“, sagt sie. Dennoch hat der Senat in den vergangenen Jahren aufwendige Reformen angestoßen, damit mehr Schüler den Abschluss schaffen. Acht Jahre nachdem die Haupt-, Gesamt- und Realschulen in den Sekundarschulen aufgingen, ist die Quote aber fast unverändert. 

Zwei Drittel der frühen Schulabgänger sind später im Alter von 18 bis 24 Jahren nicht erwerbstätig. Deswegen machen Experten die Schnittstelle nach der zehnten Klasse als besonders entscheidend aus. Gelingt es nicht, mit den Schülern eine Perspektive zu entwickeln, bevor sie die Mittelstufe verlassen, laufen sie Gefahr, in unbekannte Richtung zu entschwinden.

Die neue Jugendberufsagentur soll deswegen Heranwachsende früher und passgenauer bei der Berufswahl unterstützen. In jedem Bezirk vereint sie die Angebote von Jobcenter, Arbeitsagentur, Jugendamt und beruflichen Schulen unter einem Dach. Das Problem: Die Jobcoaches erreichen nicht alle. Rund 2000 bis 3000 junge Leute gehen ihnen jedes Jahr durch die Lappen. Sie erscheinen nicht zu den Terminen in der Schule oder lassen das Formular für die Datenweitergabe irgendwo verschwinden. „Unwillige Jugendliche bekommen so keine Beratung und bleiben anonym“, bemängelt Jürn Jakob Schultze-Berndt, arbeitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. In Hamburg etwa würden Schüler per Schulgesetz zwangsberaten. 

Jugendliche ohne Anschlusspläne absolvieren dort nach der zehnten Klasse ein Vorbereitungsjahr und bleiben so länger unter Beobachtung. Das ist möglich, weil die Schulpflicht elf Jahre gilt, ein Jahr länger als in Berlin. Auch Bildungssenatorin Scheeres fordert seit langem ein zusätzliches Pflichtschuljahr – bekommt aber Gegenwind aus der Arbeitsverwaltung. Senatorin Elke Breitenbach (Linke) will nicht auf Zwang setzen. „Wir hatten bis Anfang der 2000er-Jahre ein elftes Pflichtschuljahr und es war ein teurer Rohrkrepierer, der nicht mehr Jugendliche in Arbeit brachte“, sagt sie. Im Koalitionsvertrag steht nichts zu dem Thema.

Der Weg ans OSZ ist leicht

So hängt es oft an der Arbeit der Pädagogen, ob Schulabbrecher sich im Nichtstun einrichten oder einen Neuanfang wagen. Samira Alabi erinnert sich: „Eine Sozialarbeiterin der Schule überlegte mit mir. Ich erzählte, dass mir Mode Spaß macht, dass ich gerne Klamotten kombiniere.“ Sie schlägt das Oberstufenzentrum für Bekleidung und Mode vor. Ein integriertes Berufsausbildungsvorbereitungsjahr mit den Kernfächern, dazu Textiltechnik, Modeethik und Praktika. „Mitte der Zehnten wusste ich, dass ich ans OSZ gehe. Das war beruhigend.“ 

Kritiker sehen hier jedoch ein Strukturproblem: Der Weg ans Oberstufenzentrum ist leicht, mit Ablehnung ist kaum zu rechnen. Die Bildungsgänge ähneln der Schule auf komfortable Weise. Deswegen, so klagt die IHK, stellen sich Jugendliche schon in der Mittelstufe gedanklich auf das OSZ ein, anstatt über eine Ausbildung im Betrieb nachzudenken. Unter anderem können sie dort von der Schulbank aus einen Beruf erlernen und eine Kammerprüfung ablegen, ohne an eine Firma gebunden zu sein.

Konkurrenz zwischen betrieblicher und schulischer Ausbildung

„Die Struktur stammt noch aus einer Zeit, in der Berlin viele Arbeitslose hatte und alle Ausbildungsplätze besetzt waren“, sagt Constantin Terton, Bereichsleiter für Fachkräfte bei der IHK. Heute bildeten vollschulische Ausbildungswege aber oft Kräfte aus, die der Markt gar nicht suche. „Wir hatten zum Beispiel im letzten Jahr 422 arbeitslos gemeldete Mediengestalter und nur 16 offene Stellen“, erklärt er. 

Es dürfe keine Konkurrenz zwischen betrieblicher und schulischer Ausbildung geben, so der Experte. „Es kann nicht sein, dass Schüler am OSZ nur eine Extrarunde auf dem Weg zum Beruf drehen oder vielleicht sogar das OSZ ohne Abschluss wieder verlassen.“ Die IHK fordert, die Anmeldung für die Oberstufenzentren nicht schon im Februar zu ermöglichen, wenn auch die Ausbildungsbewerbungen rausgehen, sondern erst im Frühsommer.

30 Prozent Fehlzeiten

Eine gute Idee, heißt es in der Arbeitsverwaltung. Nicht praktikabel, entgegnet die Bildungsverwaltung, denn im Sommer beginne ja schon das Schuljahr. Im Koalitionsvertrag steht nichts zu dem Thema.
Samira Alabi hätte sich den Neustart am Oberstufenzentrum leichter vorgestellt. „Es war schwer, sich morgens fertig zu machen und pünktlich in der Schule zu sein“, sagt sie. Sie fiel wieder in alte Muster. „Ende des ersten Halbjahres hatte ich wieder fast 30 Prozent Fehlzeiten.“

Dann beginnen die Praktika. Insgesamt neun Wochen schnuppert das Mädchen in ein Altersheim, in einen Stoffladen und eine Drogerie. Sie trägt Stoffballen umher, lernt, wie man Nähte setzt und berät Kunden vor den Waschmittelregalen. Das macht ihr Spaß, plötzlich ist sie eine Expertin. „Die Leute behandeln dich in dem Kittel mit mehr Respekt.“ Sie spürt, dass sie eine Hilfe ist. Knapp schafft sie das zweite Halbjahr, wird zur Abschlussprüfung zugelassen, die den mittleren Schulabschluss verspricht. Die Noten sind nicht gut, sie muss in die Nachprüfung. Aber im Sommer 2017 hat Samira Alabi ein Abschlusszeugnis in der Hand.

„Die wollen bestimmt nur Abiturienten“

Ungefähr zu dieser Zeit begegnet sie zum ersten Mal Marion Dunkel. Die 42-Jährige ist Arbeitsvermittlerin bei der Jugendberufsagentur in Reinickendorf. „Eine Ausbildung als Verkäuferin in der Mode – das wäre es“, sagt Samira zu der großen, schlanken Frau, die sie von nun an betreuen wird. Sie verschickt ein paar Bewerbungen, zu Tom Tailor, H&M, Vero Moda, Zara und Hunkemöller. Die meisten melden sich nicht zurück. „Die wollen bestimmt nur Abiturienten“, denkt das Mädchen.

Das glaubt ihre Arbeitsvermittlerin nicht. Sie hat den Eindruck, dass die Ansprüche der Firmen sinken. Jeder dritte Betrieb bietet mittlerweile gezielt Nachhilfe für Auszubildende an, um Schwächen im Schreiben oder Rechnen auszugleichen. Zwar ist Berlin in diesem Bereich immer noch die Stadt mit den größten Defiziten, doch klagen laut einer Umfrage nur 45 Prozent der Firmen über die Schulkenntnisse. Über 60 Prozent nennen hingegen fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation bei den Bewerbern als größtes Ausbildungshindernis. „Ausbilder nehmen Kandidaten mit einer Vier in Mathe, jedoch nicht mit etlichen Fehltagen“, sagt Marion Dunkel.

Viele Jugendliche kennen nur zehn Berufe

Dabei stehen die Unternehmen unter Druck. Ihnen fehlen Fachkräfte, seit Jahren bewerben sich immer weniger Jugendliche um eine duale Ausbildung. 2007 gab es noch etwa 35.000 Bewerber, im vergangenen Ausbildungsjahr waren es nur 20 816. Die Zahl der unbesetzten Stellen hat sich seit 2009 mehr als vervierfacht. „Es gibt heute mehr Jugendliche, die Abitur machen und studieren“, sagt Arbeitssoziologin Heike Solga. „Auch die Gruppe der gering qualifizierten jungen Leute, mit denen Betriebe aber kaum arbeiten wollen, ist relativ groß. Die klassische Mitte, die früher aus der Realschule kam, wird kleiner.“ Auf der anderen Seite kritisiert der Senat, dass sich auch die Unternehmen aus der Ausbildung zurückziehen. 

Marion Dunkel berät aktuell etwa 140 Kunden, wie die Teenager in der Jugendberufsagentur genannt werden. „Fast alle Mädchen wollen Kosmetikerin oder Modeverkäuferin werden, Jungs immer Kfz-Mechatroniker.“ Deswegen sind einige Jobs überlaufen, für andere findet sich niemand. „Erschwerend hinzu kommt, dass viele Jugendliche überhaupt nur zehn Berufe kennen.“ Die Vorstellungen sind unklar. Jeder dritte Azubi bricht in Berlin seine Ausbildung vorzeitig ab.

Aktivierungsprojekte, Weiterbildungen, Jobcoachings

Für Samira Alabi ist es im vergangenen Herbst erst einmal zu spät für eine Stelle. Das Ausbildungsjahr hat im September begonnen, viele Bewerber sind irgendwo untergekommen. Aber nicht alle. Laut Statistik sind 11 Prozent unversorgt – und bei 30 Prozent gibt es keine Angaben zum Verbleib. Abzüglich derer, die sich arbeitslos gemeldet haben, bleiben 4000 junge Menschen, die nach erfolgloser Ausbildungsplatzsuche untergetaucht sind. Zumindest vorübergehend. 

Um Samira Alabi nicht wieder abdriften zu lassen, schlägt Marion Dunkel ihr ein Berufsvorbereitungstraining bei Trias vor. Hier sitzt sie nun an diesem Vormittag in dem Unterrichtsraum, wo auch Aktivierungsprojekte, Weiterbildungen und Jobcoachings stattfinden. Das Wort „Respekt“ steht in bunten Buchstaben an der Wand, rund herum hängen gebastelte Collagen. Signiert mit Namen. Auch dem von Samira, und dem von ihrer Freundin, die wir Kathrin nennen sollen. Kathrin Kühne.

Plötzlich erwachsen sein

Die Mädchen sind Freundinnen geworden. Sie haben bei Trias in den vergangenen Monaten zusammen für den Kassenschein gelernt: Vom Nullbon, über die Artikelcodierung und den Kassensturz bis zu den Grundregeln des Geldverkehrs. Am Ende stand ein Zertifikat, das die Chancen der Frauen auf einen Job im Einzelhandel erhöhen dürfte.
Kathrin Kühne ist 24 Jahre alt und hat einen sechsjährigen Sohn. Christoph kam zur Welt, bevor sie ihren Schulabschluss machen konnte. Sie blieb zu Hause, stritt mit Christophs Vater über Unterhalt, verlor sich inmitten von Windeln, Schnullern und Nebenkostenabrechnungen. Sie musste erwachsen sein, ganz plötzlich. Und hatte das Gefühl, sie schafft das nicht. Sie wurde krank. Depressionen. Panikattacken. Nicht einmal Busfahren ging mehr. 

Vor einem halben Jahr kam sie voller Zweifel zu Trias, mit schwitzenden Händen: „Kann ich jeden Tag um 8 Uhr irgendwo sitzen?“ Es war das erste Mal seit langem, dass sich ihr Alltag nicht um den Sohn drehen sollte. Sie blieb. Hörte nicht auf die Freundinnen, die ihr rieten, lieber noch ein Kind zu kriegen. Sie will ein Happy End für ihre Geschichte, sagt sie. Eine Geschichte, die so anders ist als Samiras, dass man begreift, wie breit Politik ansetzen muss, um diesen Jugendlichen wieder Perspektiven zu eröffnen.

Gleichgültigkeit gegenüber allem

„Manche hier haben keine Wohnung, andere keine Eltern, andere nehmen Drogen“, sagt Kathrin Kühne. „Wieder andere haben gar keinen Bock auf Arbeit, die wollen lieber auf Hartz IV bleiben“, ergänzt ihre Freundin. „Hier waren gerade drei Typen, die haben ständig rumgebrüllt: ’Wallah’ hier, ’Wallah’ da. Einer hat eine Tür eingetreten und in den Mülleimer gepinkelt.“ Die Jungs flogen aus dem Projekt. 

Steffen Fischer hat viele solcher Geschichten parat. Er ist Jobcoach bei Trias, sagt, „es ist oft Gleichgültigkeit. Gegenüber allem.“ Fischer erzählt von Eltern, deren Tochter keinen Ausbildungsvertrag unterschreiben sollte, weil sie dann aus der Bedarfsgemeinschaft für das Arbeitslosengeld fällt. Von Jugendlichen ohne Abschluss, die ihm verkündeten, für unter 3000 Euro stünden sie nicht auf. Die ihn fragten, warum sie ins Projekt kommen sollten, wo sie doch nichts dafür bekämen. Von einer Haltung, die davon zeugt, niemals andere Vorbilder gehabt zu haben als Menschen im Leistungsbezug. Von jungen Leuten ohne Träume.

„Wenn man Absagen bekommt, ist das extrem demotivierend“

„Misserfolg ist für uns, wenn Jugendliche zum dritten oder vierten Mal vom Jobcenter hierher vermittelt werden“, sagt Steffen Fischer. Viel Handhabe für Teenager, die nicht zu den Beratungsterminen kommen oder die Weiterbildung verweigern, hat die Jugendberufsagentur nicht. Wer noch bei seinen Eltern wohnt, spürt die Sanktionen oft gar nicht. Sie treffen bloß Mütter und Väter, die ein bisschen weniger vom Monatssatz überwiesen bekommen. 

Samira Alabi hat gerade wieder zwei Bewerbungen verschickt. Eine Drogerie hat sie in die nächste Vorstellungsrunde eingeladen. Doch sie merkt auch, wie leicht es ist, wieder in alte Muster abzurutschen. Einfach mal nichts tun. Nur ein paar Tage. „Besonders, wenn man Absagen bekommt, ist das extrem demotivierend“, sagt sie. „Als würde man nicht gebraucht.“