Sie brüllen und pöbeln, sie beschimpfen nicht nur andere Spieler, Trainer und Schiedsrichter, sondern sogar ihre eigenen Kinder. Aggressive Eltern am Spielfeldrand werden für den Berliner Fußballverband zu einem immer größeren Problem. „Die verbalen Beleidigungen sind schlimmer geworden“, sagt der Vize-Präsident des Berliner Fußballverbandes, Gerd Liesegang. Der 61-Jährige hat mehr als 30 Jahre als Jugendleiter gearbeitet, heute ist er im Dachverband der mehr als 3500 Teams für die Gewaltprävention zuständig.

Liesegang sagt, wenn er heute manche Eltern auf dem Fußballplatz erlebe, habe er den Eindruck, sie hätten „ihr gesamtes gutes Benehmen am Eingang abgegeben“. Kinder werden beschimpft, rassistisch und homophob beleidigt. „Das scheint modern geworden zu sein“, sagt Liesegang. „Aber es muss doch auch anders gehen. “

Kampagne gegen aggressive Eltern

Mit der Videokampagne „Nein zu aggressiven Eltern“ reagiert der Verband auf das Problem mit den überehrgeizigen Eltern. Bereits Ende 2017 veröffentlichte der Verband ein Video. Nun folgt Teil zwei. Darin kommen junge Spieler zu Wort, die das Verhalten ihrer Eltern kritisieren. „Papa, sei leise!“ „Mama, sei nicht so peinlich!“ „Papa spielt mal wieder Trainer!“ Mit solchen Sätzen beschweren sich die jungen Spieler. Das Video ist im Internet abrufbar, Vereine können es auch auf ihren Internetseiten anzeigen lassen.

Zu hohe Anforderungen

In jeder Saison finden auf Berliner Sportplätzen etwa 35.000 offizielle Spiele statt. Jedes Wochenende gibt es etwa 1800 Ansetzungen. Etwa 800 von ihnen sind Spiele von Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren, bei etwa 400 Spielen stehen Spieler im Alter von 13 bis 19 Jahren auf dem Rasen. Und am Rand schauen Eltern zu. Doch die sind nicht immer entspannt. „Viele Eltern stellen an ihre Kinder zu hohe Anforderungen“, sagt Liesegang. „Sie haben am Sonnabend die Sportschau gesehen und denken, am Sonntag müssten ihre Kinder genauso spielen.“

Wohl jeder Erwachsene, dessen Kinder im Verein spielen, kennt solche Situationen: Mütter und Väter treiben mit lauten Sprüchen ihre Kinder an, sie geben Spielanweisungen, beleidigen die gegnerische Mannschaft und den Schiedsrichter. „Der Unparteiische ist immer das Feindbild, er wird nicht freundlich behandelt, dabei setzt er doch nur die Regeln um“, sagt Liesegang.

Es bleibt nicht nur bei Beschimpfungen

Es sind oft junge Schiedsrichter, die die Nachwuchsspiele leiten. Doch weil sie immer häufiger beschimpft werden, geben einige ihre ehrenamtliche Arbeit auf. Dem Verband fehlen Schiedsrichter.

Bestimmte Bezirke und Sportvereine, in denen Eltern besonders häufig pöbeln, will Liesegang nicht nennen. „Das passiert überall“, sagt er.

Und es gab auch schon Vorfälle, in denen es nicht bei Beschimpfungen blieb. Eltern schubsten sich gegenseitig, es kam zum Gerangel. Im vergangenen Jahr musste ein Schiedsrichter das Spiel zweier F-Jugendmannschaften der Berliner Landesklasse abbrechen. Eltern hatten das Spiel permanent mit Zwischenrufen gestört, die Fußballer verunsichert und provoziert. Sie hielten auch nicht genügend Abstand zum Spielfeld.

Fair-Play-Liga mit besonderen Regeln

Das Sportgericht des Fußballverbandes verurteilte den Verein, zu dem diese Eltern gehörten. Sebastian Lingens, Vize-Vorsitzendes des Sportgerichts sagt: „Die von zuschauenden Eltern verursachten Verfahren nehmen vor allem bei den ganz jungen Teams zu.“ Doch die Mütter und Väter selbst können gar nicht belangt werden. Das Sportgericht darf nur gegen Mitglieder der Vereine verhandeln. Und Eltern gehören meist nicht dazu.

Das Problem gibt es es nicht nur in Berlin. Der Deutsche Fußballbund (DFB) versucht, mit Aktionen gegen die aufgeheizte Stimmung auf Kinder-Fußballplätzen vorzugehen. Er hat eine genannte Fair-Play-Liga mit besonderen Regeln erstellt. So soll es einen 15 Meter breiten Abstand zwischen Spielfeldrand und Zuschauern geben. „Diese Regel bewirkt, dass es viel ruhiger auf dem Feld ist“, erklärt der DFB. „Die Eltern stehen zu weit weg, um sportlich Einfluss auf ihre Kinder zu nehmen. Anfeuerungsrufe gibt es noch, aber nicht mehr diese Menge an teils aggressiven Kommandos, die die Kinder nicht verarbeiten können.“

Ein Stellvertretersieg für die Eltern

Manche Vereine stellen zudem Schilder mit den Regeln auf. Darauf stehen dann Sätze wie: „Das sind Kinder. Das ist ein Spiel. Der Trainer macht das als Hobby. Der Schiri ist auch ein Mensch. Das ist nicht die WM.“ Auf manchen Plätzen hängen auch Banner. Darauf steht dann, Eltern seien die treuesten Fans ihrer Kinder. Vize-Präsident Liesegang sagt: „Eltern sollten auch mal Kindern der gegnerischen Mannschaft applaudieren und sie loben.“

Die Berliner Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin Bettina Hannover von der Freien Universität warnt vor den Folgen für Kinder, deren Eltern sich am Spielfeldrand derart daneben benehmen. „Für Kinder ist das eine unheimliche Belastung und ein schwerwiegender Konflikt“, sagt die Professorin. Eltern sollten sich auf dem Sportplatz fair verhalten. Wenn sie hingegen das Spiel stören, finden Kinder dieses Verhalten peinlich. „Doch Kinder können ihr Missfallen gegen die eigenen Eltern nicht offen zeigen, weil sie eine untergeordnete Rolle spielen“, sagt die Psychologin.

Kinder werden funktionalisiert

Mit ihrem aggressiven Verhalten würden Eltern ihre Kinder funktionalisieren. Sie sollen einen Stellvertretersieg für die Erwachsenen davontragen. „Offenbar haben diese Eltern keine anderen eigenen Erfolge, auf die sie aufbauen können.“

Die Wissenschaftlerin schlägt vor, störende Eltern zu bestrafen. „Es sollte auf jedem Fußballplatz Schilder mit klaren Regeln geben. Wenn sich Eltern nicht daran halten, bekommen sie einen Platzverweis.“