Berlin - Schläge zum Geburtstag, das sei hier durchaus üblich, sagt der Neuntklässler in der Aula der Neuköllner Otto-Hahn-Sekundarschule. Der Junge ballt seine Hand zur Faust und haut damit seinem Nebenmann auf die Schulter. Eher ein Knuffen ist es. „Wer 16 Jahre alt wird, der bekommt eben 16 solcher Schläge“, sagt der Schüler mit den gegelten, dunklen Haaren dann noch. Er habe diese Geburtstagsschläge, wie er es nennt, schon in seiner früheren Grundschule, der Neuköllner Regenbogen-Schule erfahren.

„Das ging so ab der 4. Klasse los.“ Das Phänomen ist an Schulen vor allem in westlichen Innenstadtlagen seit langem bekannt. Oft wird es einfach hingenommen, meist ist es eher ein kumpelhaftes Auf-die-Schulter-schlagen. In diesem Schuljahr hat bisher nur eine Schule Geburtstagsschläge als Gewaltvorfälle gemeldet, nämlich genau diese Neuköllner Otto-Hahn-Sekundarschule in zwei Fällen, wie die Schulverwaltung bestätigte.

Dabei fielen Schläge so drastisch aus, dass ein Schüler ärztlich behandelt werden musste. „Wir gehen mit den Vorfällen offensiv um“, sagt Schulleiterin Gabriele Holz. Eltern würden benachrichtigt, Schüler ermahnt.

Keine „Deutschenfeindlichkeit“

Eigentlich sind die Schüler hier in der Aula versammelt, weil der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) gekommen ist, um Schul-Pate zu werden. Die Neuntklässler mit allerlei Migrationshintergründen haben nämlich bei den Mitschülern dafür geworben, dass sich ihre Schule zur „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ erklärt.

Über 600 Schüler haben unterschrieben, künftig gegen jede Form der Diskriminierung vorzugehen. Dafür gibt es Gründe: Die Otto-Hahn-Schule ist jüngst nicht nur wegen des Phänomens der Geburtstagsschläge aufgefallen, sondern auch, weil einige Lehrer in der GEW-Mitgliederzeitschrift auf die „Deutschenfeindlichkeit“ von migrantischen Schülern aufmerksam gemacht hatten. Deutsche Schüler würden als „Kartoffel“ beschimpft und ausgegrenzt, hieß es da.

Hinterher machten die Lehrer allerdings klar, dass „Deutschenfeindlichkeit“ der falsche Begriff sei. Tatsächlich scheinen sich die Schüler vor allem über ihre Herkunft zu definieren – und die ist vielfältig. Doch das soll anders werden: Vor Wowereit spielen sie auf der Aulabühne mit den Klischees. Ein Schüler, der in Palästina geboren wurde, will nicht immer als Steinewerfer dargestellt werden, die polnische Schülerin beklagt sich über die vielen Polen-Witze, die sie sich immer anhören muss. Wowereit fügt an, dass er selbst beim Besuch eines Neuköllner Gymnasiums als „schwule Sau“ bezeichnet worden sei. Er forderte die Schüler auf, gegen jegliche Diskriminierung vorzugehen.

Auch bei den Geburtstagsschlägen geht es nicht selten darum, körperlich schwächere Schüler oder Außenseite in der Klasse besonders zu malträtieren. „Es trifft bestimmte Schüler besonders, das ist dann Mobbing“, sagt ein Lehrer einer Moabiter Sekundarschule. Wie die seltsame Sitte der Geburtstagsschläge überhaupt nach Berlin gekommen ist, weiß niemand so genau. „Mir haben bereits Eltern von Schülern berichtet, dass es das schon zu ihrer Schulzeit in Berlin gab“, sagt die Neuköllner Schulstadträtin Franziska Giffey (SPD).

Auch in USA und England bekannt

Klar ist, dass das Phänomen auch in ärmeren Stadtteilen in den USA und England bekannt ist. „Birthday licks“ heißt das dort. Es handelt sich um althergebrachte Männlichkeitsrituale innerhalb einer Gruppe. Manche Lehrer behaupten, dass das Schenken und Geburtstagsfeiern bei einigen Zuwandergruppen in Berlin keine so große Rolle spiele wie traditionell in Deutschland. Einige Schüler würden Geburtstagskinder knuffen oder schlagen, weil sie cool sein wollen, aber auch keine anderen Feierrituale kennengelernt haben.