Schick, schick. So modern wie auf den Bildern, die im Flur der ehemaligen Fachhochschule für Technik und Wirtschaft hängen, stellt man sich eine Jugendherberge gar nicht vor: hellgrüne Wände, hohe Fenster, weiße Möbel und in jedem Zimmer ein kleines Bad. Außerdem zeigen die Simulationen einen gelungen Mix aus Altem und Neuem: ein lichtdurchflutetes Foyer, eine Bar und Veranstaltungsräume und das alles in dem ehrwürdigen Backsteinbau mit hohen Decken, geschwungenen Treppen und alten Holztüren. Mit Erinnerungen an karge Herbergszimmer mit wackligen Doppelstockbetten hat das nichts mehr zu tun.

Soll es auch nicht. Denn aus dem markanten, denkmalgeschützten Gebäude am Ostkreuz,, direkt am Bahnhof und in unmittelbarer Nähe zum Szenekiez um die Sonntagsstraße, soll nicht nur die größte, sondern auch die modernste Jugendherberge Berlins werden. Mit 445 Betten, 18 Seminarräumen und einer großen Aula. Auch das Jugendtheater Strahl, das hier schon spielt, soll auf dem Gelände bleiben. 10 Millionen Euro werden in das Projekt investiert. „Das wird unser Flaggschiff“, sagte Angela Braasch-Eggert, Präsidentin des Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) beim Spatenstich für den behutsamen Umbau. Im Frühjahr 2016 soll alles fertig sein.

Spät genug, sollte man meinen. Denn in den vergangenen Jahren boomte der Berlin-Tourismus, ein Hostel und Hotel nach dem anderen eröffnete. Vor allem bei jungen Leuten gilt die Stadt als angesagt, egal ob für Individual- oder Gruppenreisen. Doch die Zahl der Jugendherbergen in Berlin blieb stets gleich. Drei Stück gibt es: in Tiergarten, am Wannsee und in Reinickendorf. Zusammen haben sie rund 750 Betten.

Seit der Wende habe es die Idee gegeben, in Berlin eine besondere Einrichtung zu schaffen, sagte Angela Braasch-Eggert. Aber daraus wurde zunächst nichts. Es gab Verbesserungen an den vorhandenen Häusern, aber nicht den erwünschten „Leuchtturm“ des DJH. „Dafür wuchs die private Konkurrenz“, so Braasch-Eggert.

Der Grund für die lange Verzögerung: Dem gemeinnützigen DJH beziehungsweise dem Landesverband Berlin-Brandenburg fehlte das Geld. Eine Investition von 10 Millionen hätte der Landesverband Berlin-Brandenburg allein nicht stemmen können, so Angela Braasch-Eggert. Möglich wurde das Hauptstadt-Projekt erst, nachdem der Hauptverband und neun Landesverbände gemeinsam die gemeinnützige Betriebsgesellschaft Jugendherberge Berlin Ostkreuz gGmbH gründeten. Ein bisher einzigartiges Vorgehen, wie Braasch-Eggert betonte.

Unterstützung von der Politik

Unterstützung erhält das DJH von der Politik. Es handle sich hier nicht um ein „weiteres Low-Budget-Angebot für Übernachtungen“, sagte Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba (SPD) am Freitag. Das Jugendherbergswerk gehöre nicht umsonst zu den freien Trägern der Jugendarbeit. Ihm gehe es um die Verbindung von Reisen, Begegnungen und Bildung. „Das wird ein Übernachtungsort, aber auch ein Bildungsort sein.“

Aus ihrer Sicht passt die neue Herberge deshalb gut zum Standort. Denn das Backstein-Haus am Ostkreuz wurde 1907 als Mädchen- und Jungengymnasium errichtet und war immer eine Bildungsstätte. Seit dem Auszug der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft 2009 steht es leer.

Nach dem Umbau werden die Gäste hier nicht nur die Nacht verbringen können, sie haben Platz für Tagungen oder eigene Projekte. Eine kulturelle Bereicherung soll auch das Theater Strahl sein. „Unsere Zielgruppe sind Klassen und Vereine, aber auch Familien und Einzelreisende“, sagt Jessica Braun von der Jugendherberge Berlin Ostkreuz gGmbH. Wer in einer Jugendherberge einchecken will, muss Mitglied sein. Den Ausweis erhält man vor Ort. Die Preise bewegen sich zwischen 25 Euro (Übernachtung/Frühstück, 3- bis 6-Bett-Zimmer) und 47 Euro (Ein-Bett-Belegung, Vollpension).

Die Jugendherberge Berlin Ostkreuz gGmbH erwartet jährlich 100.000 Übernachtungen. Eine Zahl, die Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) gefällt. Er erhoffe sich, dass die Gäste auch den Weg zu den touristischen Einrichtungen im Bezirk finden werden, so Geisel.

Bei VisitBerlin, den Hauptstadtwerbern, sieht man das Engagement des DJH ebenfalls positiv. Die Nachfrage sei sicher da. „Berlin gilt ja als Stadt der Klassenfahrten“, sagte Sprecherin Katharina Dreger, „und es lässt sich feststellen, dass Klassenfahrten Schüler zu Berlin-Fans machen.“