Lilis Augen huschen umher. Der Oberkörper windet sich nach rechts, nach links, als würde Lilli gleich abstürzen und einen Ast zum Festhalten suchen. Sie zieht die Nase hoch, alle paar Sekunden. Lili ist 16 Jahre alt und hat in den vergangenen Tagen jede Droge genommen, die sie finden konnte. Speed, Ecstasy, Gras, Meth. Ganz egal. Sie war in Discos und Shisha-Bars, sagt sie, dann in einem Versteck, ein Verschlag irgendwo in Berlin. Nun sitzt sie hier auf dem Bordstein am Bahnhof Zoo. Und Frank Fischer weiß, dass er sie für heute aufgeben muss.

„Komm, nimm einen Joghurt“, sagt er und reicht dem Mädchen einen Becher. Wenigstens essen soll sie, sich ein bisschen stärken vor der nächsten Pille. Das ist alles, was Frank Fischer an diesem Tag für Lili tun kann. Eine kleine Geste, eine von unendlich vielen Winzigkeiten, aus denen vielleicht irgendwann einmal Vertrauen wächst. Oder auch nicht.

„Bei manchen Kids ahne ich, dass sie womöglich vor ihrem dreißigsten Geburtstag an den Drogen sterben werden“, sagt Frank Fischer. Er ist 52 Jahre alt und Straßensozialarbeiter bei der Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not. Sein Job fängt weit hinter dem sozialen Rand an. Dann, wenn alle Instanzen des Hilfesystems versagt haben. Wenn Jugendliche dem Staat bloß noch als Vermisstenfälle bekannt sind. Und wenn nur die Frage bleibt, wie es so weit kommen konnte.

4 544 Meldungen über verschwundene Teenager gingen bei der Polizei im vergangenen Jahr ein, seit Jahresbeginn füllten sich schon 1 762 Akten. Die allermeisten Jugendlichen kehren schnell zurück, nur etwa fünf Prozent bleiben länger als zehn Tage vermisst. Eine davon ist Lili.

Flucht aus zerrütten Familien

„Ich fick den Joghurt“, schnauzt sie Frank Fischer an. Um 20 Uhr, vor einer Stunde, hat Fischer gemeinsam mit seinem Kollegen Sebastian Wegendt einen Beratungsbus neben der Bahnhofsmission geparkt. Im Kofferraum stapeln sich Kisten mit Pflastern, Wundsalben und Kondomen, daneben geschmierte Brote, Getränkepäckchen, Bananen, Äpfel und eine Palette mit gekochten Eiern.

Eine Handvoll Jugendlicher stehen um den Bus herum, ein stilles Mädchen mit grünen Haaren und einem Welpen, drei 18-Jährige in Skaterklamotten mit Pupillen groß wie Lilis. Zweimal pro Woche hält der Bus am Zoo, auch am Alexanderplatz, an der Warschauer Brücke und am Treptower Park. Die Geschichten, die die Streetworker hören, ähneln sich.

 „Nur selten landen Ausreißer aus intakten Familien bei uns im Sleep In oder am Bus“, sagt Sebastian Wegendt. Das Sleep In ist die Notübernachtung des Trägers am Bahnhof Zoo, sie verfügt über 16 temporäre Betten für Wohnungslose bis 20 Jahre. Platz für die, die nicht mehr wissen, wo sonst hin. Aber kein guter Ort für Fälle wie Laurin.

Der 16-Jährige war einer der jüngsten Vermisstenfälle in Berlin. Er nahm Reißaus wegen Problemen in der Schule, hat sich zwölf Tage im Wald versteckt, bevor er nach Hause zurückging. Die verzweifelte Suche der Eltern hat vor zwei Wochen viele Berliner bewegt. „Steht jemand wie Laurin vor der Tür, vermitteln wir ihn direkt an andere Krisenstellen weiter“, sagt der 45-jährige Wegendt. Ein Junge ohne Straßenerfahrung, ohne Kontakt zu harten Drogen – so jemand „soll gar nicht erst mit Betäubungsmitteln und Kriminalität in Kontakt kommen“.

Viele der Klienten von Fischer und Wegendt haben von Kleinauf Gewalt erlebt und lange Jugendhilfekarrieren hinter sich. Lili zum Beispiel. Sie trägt Basecap, Minirock, Stiefletten und einen Stoffmantel. Alles ein bisschen staubig, aber modisch, nicht abgerissen. Als ihr Vater starb, war die Mutter mit den Kindern überfordert. Schon als Zwölfjährige trug Lili die Verantwortung für Haushalt und Geschwister. Ihre Trauer über den Verlust des Vaters verwandelte sie in Zorn, immer öfter mündeten Streits in Handgreiflichkeiten. Als Lili 13 war, brachte das Jugendamt sie in einer betreuten Wohneinrichtung unter – der ersten von vielen.

Nirgends fand sie ihren Platz zwischen den anderen Jugendlichen. Sie eckte an, flog raus oder türmte. Zu ihren Kumpels, die wie sie lieber draußen übernachteten, als sich einer Hausordnung zu beugen. Die ihr Drogen gaben, um die Wucht der Straße zu betäuben. Vor ein paar Wochen meldete eine Suchteinrichtung in Brandenburg Lili als vermisst. Zu der Anzeige sind die Einrichtungen bei Minderjährigen verpflichtet. Doch das Gesetz kann sie nicht zwingen, zurückzukehren.

Denn anders als bei Kindern unter 14 Jahren geht die Polizei bei vermissten Jugendlichen nicht automatisch von einer Gefahr für Leib und Leben aus. Nur dann leitet sie groß angelegte Suchmaßnahmen mit Hubschraubern, Hunden oder Wärmebildkameras ein. Stellen Beamte bei einer normalen Personenkontrolle fest, dass eine Vermisstenanzeige vorliegt, übergeben sie Teenager meist dem Jugendnotdienst. Diese Erste-Hilfe-Stelle der Stadt für junge Menschen in Krisen organisiert die Rückkehr zur Familie oder in eine Wohneinrichtung. Doch nicht selten laufen die Jugendlichen auch aus dem Notdiensthaus in Charlottenburg sofort wieder weg.

So wie Sakzä, den Frank Fischer und Sebastian Wegendt am Nachmittag an der Warschauer Brücke treffen. Er will so genannt werden, das ist sein Straßenname, weil er aus Sachsen stammt. „Eigentlich bin ich clean, ich habe eine Freundin“, sagt er. „Doch irgendwie war Stress, dann bin ich weg.“ Vor ein paar Tagen, oder waren es Wochen? Sakzä ist ausgebrochen, wieder einmal.

Fischer und Wegendt sehen ihm seit acht Jahren beim Weglaufen zu, er war 15, als er zum ersten Mal am Bus stand. Sakzä, ein Heimkind seit dem neunten Lebensjahr, den seine Eltern „immer nur verprügelt haben“, durchfeierte die Tage damals in den Clubs rund um das Ostkreuz. Irgendwann finanzierte er seinen Konsum, indem er selbst Drogen verkaufte. Er saß zwei Jahre wegen Körperverletzung im Gefängnis, lebte bei Freundinnen, auch in Zeltcamps am Berghain und in Marzahn. Nie für lange.

„Für Jungs wie Sakzä ist das Ausbrechen eine Problemlösungsstrategie“, sagt Sebastian Wegendt. „Sie haben gelernt, so zu reagieren, wenn der Druck zu hoch wird.“ Denn neben aller Härte eines Straßenlebens fühlen sich junge Wegläufer am Anfang auch beflügelt. „Selbstwirksamkeit“, nennt Wegendt das. „Die Kids merken, dass sie ihre Situation in der Hand haben, anstatt den Eltern oder einer Heimleitung ausgeliefert zu sein – und verinnerlichen so, dass Türmen ihre Probleme löst.“

Aushalten, dass es schlimmer wird

Anfang Februar, erzählt Sakzä, während er auf einem Klappstuhl neben dem Bus sitzt und sich von Frank Fischer einen Verband um eine Wunde an der Hand wickeln lässt, lag er zwei Wochen im Koma. Eine Lungenentzündung, „beinahe war es das mit mir“. Einst ließ ihn ein Magendurchbruch am Ostbahnhof kollabieren, mehrere Zähne fehlen in seinem Mund. Sakzä weiß, dass die Zeit gegen ihn läuft, dass jedes Jahr auf der Straße ihn kaputter macht. Er weiß auch, dass Frank Fischer und Sebastian Wegendt ihm helfen könnten. Doch er hält gerade keine Hilfe aus.

Gegen den Willen der Jugendlichen fruchtet erfahrungsgemäß kaum eine Therapie. Für die Streetworker ist das der wohl schwierigste Teil ihres Jobs: Geduld haben. Manchmal über Jahre. Und auch aushalten, dass es schlimmer wird. Dass die jungen Leute beim nächsten Treffen Nadelstiche am Arm haben.

„Auf der anderen Seite, das mag paradox klingen, steckt in unseren Busrunden Heiterkeit“, sagt Sebastian Wegendt. „Die Jugendlichen umarmen uns, freuen sich über das Essen.“ An der Warschauer Brücke sitzen an diesem Nachmittag ein paar Punks Mitte 20 bei den Streetworkern. Sie witzeln, verspotten Wegendt und Fischer wegen der Arztbox als „Dr. Basti“ und „Schwester Frank“. Ein bisschen Leichtigkeit, wenigstens für diese Stunden.

Im vergangenen Jahr knüpften die Sozialarbeiter am Bus Kontakte mit 984 jungen Menschen. Etwa die Hälfte war minderjährig. „Gefühlt werden es mehr Leute unter 18“, sagt Sebastian Wegendt. Woran das liegt, kann er nur schätzen. Die Vermisstenstelle im Landeskriminalamt beobachtet, dass die Biografien von Kindern brüchiger werden, ihre Fälle auswegloser. „Möglicherweise halten Wohneinrichtungen aber auch Konflikte nicht mehr so lange aus oder die Vermittlung an die Träger läuft schlechter“, sagt Wegendt.

Erfolgsquote von 80 Prozent

Die Jugendhilfe klagt über schlechte Personalausstattung und eine zu hohe Fallbelastung. Erst am Freitag protestierten Beschäftigte der Berliner Jugendämter dagegen, indem sie der zuständigen Staatssekretärin für Jugend und Familie, Sigrid Klebba, symbolisch ihre überfüllten Aktenordner übergaben.

Hinzu kommt laut Fischer und Wegendt, dass es in Berlin zu wenige Hilfseinrichtungen gibt, die zur Lebenssituation der Straßenkids passen. So dürfe in fast allen Wohngruppen nur leben, wer keine Drogen nehme – für schwerstabhängige Teenager ein Ausschlusskriterium. „Den Entzug wiederum aus einem Straßenleben heraus zu schaffen, ist zehnmal so schwer“, sagt Frank Fischer. In anderen Ländern praktiziere die Jugendarbeit deshalb erfolgreich das Prinzip „Housing First“ – erst ein festes Bett, dann der Entzug und die Lösung der Probleme.

Ob und wann es Sebastian Wegendt, Frank Fischer und ihrem Team in der Beratungsstelle gelingt, die Lage der Jugendlichen zu verbessern, hängt an verschiedenen Faktoren. „Viele kriegen die Kurve nach einem Schlüsselerlebnis. Etwa der Punk, der fast im Kanal vor unserer Notübernachtung ertrunken ist – und ein paar Jahre später als Vertreter im Anzug vor der Tür stand, um uns zu danken. Oder das schwangere Mädchen, das für seine Tochter in den Entzug ging“, erzählt Fischer. Dass Eltern zu einer Lösung beitragen, erleben die Streetworker selten. „Trotzdem schaffen es diejenigen am ehesten, die wenigstens in den ersten Lebensjahren etwas Zuneigung bekommen haben.“

Ein Erfolg ist für die Streetworker, wenn sie es schaffen, Teenager wieder ins Hilfesystem zu manövrieren. Das gelingt, sagen sie, über einen Zeitraum von zehn Jahren bei etwa 80 Prozent. Sie verlassen die Straße dann als junge Erwachsene. Mit vielen Narben. Aber lebend.