Prenzlauer Berg am Nachmittag. Auf den Bürgersteigen sieht es aus, wie es die Legende besagt: Mütter und Väter schieben Kinderwagen vor sich her, der Nachwuchs im fortgeschrittenen Kita-Alter sitzt schon selbst auf dem Fahrrad, manche kutschieren ihre Kleinen auf der Straße mit Lastenrädern in breiten Kästen, als führen sie durch Bullerbü.

An der Kreuzung Dunckerstraße/Stargarder Straße entpuppt sich die heile Welt als Fassade, hinter der das Grauen lauert. Am Starplatz, einer Freifläche mit mehreren Parkbänken und drei Tischtennisplatten, hallen laute Rufe von den ihn umgebenden Backsteinmauern wider. Rund zwei Dutzend Jugendliche belagern an diesem Tag den Platz. In zwei Gruppen stehen sie sich aufgereiht gegenüber, Mädchen wie Jungs auf beiden Seiten, 15 Meter trennen sie voneinander. Alle haben Bierflaschen in den Händen, Nachschub steht in Kästen bereit.

Bierball als alternative Freizeit der Berliner Jugendlichen

Es scheint, als müsse die Mannschaft, die an der Reihe ist, einen Gegenstand in der Mitte treffen, wohl mit einer Plastikflasche, aber die Wiedergabe der Regeln erfolgt hier ohne Gewähr. Gelingt der Treffer, dürfen die eigenen Teammitglieder trinken. Genauer: müssen, denn gewonnen hat die Mannschaft, die ihre Flaschen zuerst geleert hat.

Das Spiel heißt Bierball – und wenn die alternative Freizeitgestaltung der Jugendlichen zu Netflix und Tablet nachmittags so aussieht, möchte man sie recht schnell zurück vor einen leuchtenden Bildschirm setzen. So war das sicher nicht gemeint, als ihre Eltern predigten: „Geht doch mal zum Spielen raus an die frische Luft.“

Eine Jugendliche sitzt auf einer der Straße zugewandten Bank und – es lässt sich nach diesem Anblick nicht schonender formulieren – kotzt sich die Seele aus dem Leib. Eine Freundin streicht ihr mit der Hand über den Rücken. Es ist vor 17 Uhr, am nächsten Tag ist wieder Schule.

An dem Schauspiel ließen sich allerhand soziokulturelle Fragen erörtern

Im Bemühen, das Spektakel hastig zu passieren, fordern die vorbeiziehenden Bullerbü-Eltern ihre kleinen Kinder zum Beeilen auf. Wer will es ihnen verdenken, schließlich starren die Kinder höchst interessiert auf das Treiben. Eine Mutter zieht ihren Spross gar geistesgegenwärtig auf die andere Straßenseite. Die Wahl des exponierten Austragungsortes und die Apathie gegenüber der Umwelt haben etwas Rebellisches. Ist Bierball eine Subkultur, die dem Bürgertum den ausgestreckten Mittelfinger zeigt?

An dem Schauspiel ließen sich allerhand soziokulturelle Fragen erörtern: etwa nach dem Einfluss der Großstadt; ob das die Folgen einer antiautoritären Erziehung sind; ob es sich um einen bloßen Hilferuf von Wohlstandskids handelt, deren Eltern sich mehr der Karriere widmen als ihren Problemen. Oder, warum sie nicht einfach eine Runde Tischtennis spielen.