Eine Mädchennase konnte am Wochenende bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Cheerleading schnell mal bluten. So etwas passiert, wenn eine 15-Jährige oben auf der Spitze einer menschlichen Pyramide aus Teamkollegen steht und dann der Salto derart missglückt, dass sie mit dem Gesicht unten auf dem Knie einer Kameradin aufknallt. Selbst dann aber darf sich eine Cheerleaderin nichts anmerken lassen. Immer schön lächeln, schließlich geht es beim Cheerleading ja darum, gute Stimmung zu verbreiten.

Auch Lucca ist Cheerleaderin, seit acht Jahren schon. Sie ist so genannter Backspotter bei den Sis*Stars aus Neukölln. Die 16-Jährige sorgt beim „Group Stand“, wie die menschliche Pyramide offiziell genannt wird, dafür, dass Mädchen überhaupt in die Höhe aufsteigen können. Lucca sorgt dabei durch Drücken und Heben dafür, dass der so genannten Flyer überhaupt nach oben kommt und später auf den Teamkollegen stehend einen Spagat machen kann oder auch einen Salto.

„Wichtig ist, dass wir die Beine des Flyers dabei nicht über dem Knöchel berühren“, sagt Lucca. „Sonst gibt es einen Punktabzug.“ Luccas Aufgabe fällt die Aufgabe zu, genau darauf zu achten, dass die Teamkollegen keinen Fehler machen. Besonderen Spaß am Cheerleading macht ihr die Mischung aus Akrobatik, Anstrengung und dem Anspruch, dabei eine positive Ausstrahlung rüberzubringen, sagt sie. „Das ist anstrengend und gelingt nur im Team“, ergänzt Trainerin Dagmar Gehl.

Luccas Team feuerte früher die Berlin Thunderbirds an, eine American Football-Mannschaft. Doch das ist vorbei. Es gab offenbar Streit um das Geld auf einem gemeinsamen Konto. Die Cheerleader absolvierten nämlich immer mehr eigene Auftritte, für die sie auch Geld bekamen. Jetzt machen die Mädchen wie viele andere Teams das Cheerleading einfach für sich und werden für Auftritte gebucht. Ihr Spruch: „One Dream, One Team, Sis*Stars!“ Es sieht so aus, als hätten sie sich emanzipiert. Auch an ihrer Schule sei Cheerleading inzwischen akzeptiert, sagt Lucca, die das Einstein-Gymnasium in Britz besucht. Ihre Freundin Gina muss heute zuschauen, sie hat sich zuvor beim Flickflack, also einem Handstützüberschlag nach hinten, verletzt. Bänderriss am Knie.

Schon Sechsjährige machen mit

Insgesamt starteten am Wochenende in der Max-Schmeling-Halle 106 Cheerleader-Teams aus ganz Deutschlands. Schon Sechsjährige machen bei den so genannten Peewees mit, das sind Cheerleader unter 12 Jahren. Bei auffallend vielen Teams sind inzwischen auch Jungs dabei. So wie der 13-jährige Michel Dité von den Potsdam Alligators. Er hebt die Mädchen in die Höhe. „Dieser Sport macht kräftig“, sagt er. Tatsächlich waren die ersten Cheerleader, die 1898 zwei American Football Teams in einem Endspiel anfeuerten, ausschließlich Männer. Und Michel Dité gibt noch zum Besten, dass selbst der ehemalige US-Präsident George Bush jr. Cheerleader gewesen ist.

Lucca ist mit ihren Sis*Stars schließlich sogar bis ins Finale der Unter-17-Jährigen vorgedrungen. Melanie Kugler und Julia Pach aus Stuttgart stehen der Jury vor. Die Darbietungen müssten möglichst synchron sein, die Ausstrahlung müsse stimmen, alle Regeln seien zu befolgen und – ganz wichtig – kein Cheerleader dürfe nachlässig mit der Sicherheit seiner Teamkollegen umgehen, erklären sie das Bewertungssystem. Die Sis*Stars beginnen ihre Darbeitung mit Anfeuerungssprüchen, sie werfen mit Pompons und enden mit allerlei Akrobatik. Einmal muss eine Tänzerin einen Salto abbrechen.

Das Team liegt in der Wertung ganz vorne. Doch dann kommen die Cheerleader der Berlin Bears aus Rudow. Auch sie liefern eine exzellente Show. Alle sind jetzt nervös. Als Trainer von pubertierenden Mädchen müsse man immer auch Psychologe, Papa und Mama zugleich sein, sagt der Coach der Berlin Bears. Am Ende werden die Berlin Bears mit knappem Vorsprung zum Sieger erklärt. Markerschütternd schreiend liegen sich vor Freude weinende Mädchen in den Armen.