Ihr Vater nennt sie „Rosinenbomber“, ihr Kumpel begrüßt sie stets als „Fattie“ – Cindy, die Heldin des Kinofilms „Schönefeld Boulevard“, ist wirklich keine Modelschönheit wie Cindy Crawford. Dafür hat eine junge Berlinerin in dieser Rolle ein außergewöhnliches Debüt: Die 22-jährige Julia Jendroßek.

„Schönefeld Boulevard“ ist eine Tragikomödie über eine 18-jährige, die in der Nähe der Baustelle des neuen Berliner Flughafens wohnt. Lange hatten die Produzenten nach einem körperlich passenden Talent gesucht. Als „schrecklich“ erlebte Autorin und Regisseurin Sylke Enders dieses langwierige Casting, das sie bis nach Österreich führte.

In der Verzweiflung wurde sogar über die Verwendung eines künstlichen „Fatsuits“ nachgedacht, das Sylke Enders aber als zu aufwendig und zudem unglaubwürdig empfunden hätte. Als der Drehstart schon bedrohlich nahe rückte, fanden die Filmemacher endlich ihre Cindy: Julia Jendroßek wurde von der Produzentin Susann Schimk auf dem Demotape einer Kollegin entdeckt: Guckt Euch doch mal das Mädchen mit der Zahnlücke an!

Keine Ballerinenfigur

Obwohl Julia Jendroßek gar nicht wusste, was sie erwartet, fanden sie und Regisseurin Enders schnell zueinander. „Endlich mal eine, deren Mundwinkel nach oben zeigen“, erinnert sich Sylke Enders. Julia Jendroßek ist zwar kein Schauspielprofi, tritt aber schon, seit sie vier ist, gern vor anderen Leuten auf. Zuerst als Frau Holle im Kindergarten, erinnert sie sich im Gespräch im Café am Helmholtzplatz. Gleich um die Ecke ist sie zur Schule gegangen. Sie trat mit ihrem Akkordeon auf, sang, tanzte sogar im Friedrichstadtpalast – ohne dass sie jemals eine Ballerinenfigur gehabt hätte.

In der Theater-AG der Käthe-Kollwitz-Oberschule fand sie so engagierte Gleichgesinnte, dass sogar ein Spielfilm namens „Die Angsthasen“ entstand – der die Filmproduzenten schließlich zu Julia Jendroßek führen sollte. Inzwischen hatte sie begonnen am Theater zu arbeiten, war Regieassistentin am Deutschen Theater und zuletzt am Schauspiel Hannover. Auch wenn es sich für Julia Jendroßek noch seltsam anfühlt – inzwischen sagt sie von sich: „Ich bin Schauspielerin.“

Dass sie als Cindy aus Schönefeld ihren Körper ausstellen muss, war für sie kein Problem. „Ich kenne meinen Körper doch seit 22 Jahren“, erklärt sie. Beschreibungen wie weiblich, mollig oder rundlich findet sie allerdings unpassend: „Ich bin doch kein Ball!“ Sie selbst definiert sich positiv: „Eher kräftige Figur, luxuriös ausgestattet.“

Anders als ihre Kinorolle Cindy, die anfangs von Mitschülerinnen mit gemeinen Fotos aus der Umkleidekabine bloßgestellt wird, hat Julia Jendroßek in der Schule nie einen Anflug von Mobbing erlebt – blöde Sprüche auf der Straße allerdings schon. Deshalb findet sie den Umgang mit Cindy im Film nicht überspitzt dargestellt. Ob in der Umkleidekabine oder in intimen Szenen in Bett und Badewanne – Julia Jendroßek hat keine Eitelkeit gezeigt, betont Regisseurin Sylke Enders. Nur vor den Szenen mit Cindys Hund hatte sie anfangs Angst: „Ich habe eine Hunde-Phobie!“ Doch selbst diese Scheu überwand sie schnell.

Inzwischen hat Julia Jendroßek die ersten Vorführungen vor Publikum erlebt, so auf dem Filmfest in München. „Ich war komplett überrascht, dass unser Film so lustig ist. Denn für Cindy ist vieles gar nicht lustig.“

Reisen ohne Großflughafen

Auch für die Karriere von Julia Jendroßek hat „Schönefeld Boulevard“ schon einiges ins Rollen gebracht. Sie fand eine Agentur und eine erste Rolle im Fernsehen. Im ZDF-Film „Die Deutschlehrerin“ mit Iris Berben gehört sie zu einer Gruppe von Schülerinnen, die die Toleranz der Lehrerin auf eine Probe stellen. Ihre Filmauftritte geben ihr das Selbstbewusstsein, sich trotz früherer Ablehnungen nochmals an staatlichen Schauspielschulen zu bewerben. Dazu hofft sie auf Angebote, in denen eben nicht nur ihre kräftige Statur, sondern vor allem ihr Spiel gefragt ist.

In ihrer Vita gibt sie an, sie hätte in diversen deutschen Städten, dazu in Basel, Wien, Madrid, Dublin und New York eine Unterkunft. „Dort leben und studieren tatsächlich überall Freunde von mir. Ich reise sowieso gern herum.“ Dazu braucht Julia Jendroßek nicht mal einen neuen Großflughafen.

„Schönefeld Boulevard“ feiert am heutigen Mittwoch, den 10. September, um 20.30 Uhr, Berlin-Premiere im Kino in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg. Karten gibt es nur noch an der Abendkasse.