Berlin - Mit Bus oder Bahn fahren? Bloß nicht! Angst vor Corona hat dazu geführt, dass viele Menschen dem öffentlichen Verkehr fernbleiben. Doch eine aktuelle Zahl der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bestätigt die Erkenntnis, dass er kein Hotspot der Ansteckung ist. „Seit Beginn der Pandemie im Frühjahr haben sich von den mehr als 15.000 Beschäftigten im BVG-Konzern weniger als 80 mit dem Coronavirus infiziert“, sagte Eva Kreienkamp, die neue Vorstandsvorsitzende des Landesunternehmens. „Der Großteil hat sich zudem nicht bei uns auf Arbeit, sondern offenbar zu Hause oder im häuslichen Umfeld angesteckt.“ Bei der BVG führt die Corona-Krise zu einem riesigen Finanzloch – und zu Veränderungen. Nun hat die Chefin erste Pläne vorgestellt.

„2019 war ein Superjahr für den Nahverkehr“, sagt die Mathematikerin, die im Oktober von der Mainzer Verkehrsgesellschaft zur BVG gewechselt ist. „Die BVG wurde für 1,126 Milliarden Fahrten genutzt, auch die Fahrgeldeinnahmen erreichten einen Rekordwert.“ 2020 kam Corona. „Und ich habe noch nie erlebt, wie eine Branche so schnell einen anderen Ruf bekommen kann. Einen deutlich angeknacksten Ruf: Menschen sagen, dass sie Angst haben, sich in Bahn oder Bus anzustecken. Viele fahren lieber mit dem Auto.“

Zu den alten Problemen, zu denen Mängel bei der Qualität und der Fahrgastinformation zählen, kommen nun die Auswirkungen von Corona hinzu. „Wenn wir Glück haben, wird sich die Zahl der Fahrgäste in diesem Jahr auf knapp 800 Millionen summieren“ – rund 70 Prozent des Aufkommens von 2019, berichtete Kreienkamp. „Viele Arbeitnehmer haben entdeckt, dass sie genauso gut zu Hause arbeiten können wie im Büro.“

„Weniger Fahrgäste bedeuten auch weniger Einnahmen“, so die 58-Jährige weiter. „In diesem Jahr verzeichneten wir allein bei den Fahrgeldeinnahmen bis Ende August Einbußen in Höhe von 115 Millionen Euro.“ Für das gesamte Jahr erwartet die BVG ein Finanzloch von rund 190 Millionen Euro. Auch andere Negativeffekte machen sich bemerkbar. Zum Beispiel: Wenn sich Bahnen und Stationen abends leeren, kommen die Schmierer, mehr als zuvor. „Die Schäden durch Graffiti haben enorm zugenommen.“

Sechs Milliarden Euro können investiert werden

Immerhin: „Die Fahrgäste unterstützen uns, indem sie Mund und Nase bedecken. Die Maskentragequote pendelt zwischen 95 und 98 Prozent, ein sehr guter Wert.“ Die Verkehrsmittel sind nur noch selten überfüllt, aber es gebe Ausnahmen: Im Schülerverkehr werde es oft eng. „Dort, wo es erforderlich ist, werden wir den Buseinsatz der Nachfrage anpassen“, kündigte Kreienkamp an. Spätestens nach den Weihnachtsferien würden Busse neu verteilt. „Das kann bedeuten, dass auf stark genutzten Linien größere Fahrzeuge fahren“ – und anderswo kleinere. „Solange es kaum Touristen in Berlin gibt, brauchen wir auf der Linie 100 auch keine Doppeldecker mehr.“

Wie berichtet bekommen alle rund 1500 Busse im Fahrerbereich Glasscheiben, die das Fahrpersonal vor Ansteckung schützen. Ende des Jahres soll die Hälfte der Flotte darüber verfügen.

„Im nächsten Jahr wird sich die Frage, wie die BVG mit ihrem Geld umgeht und wie sie auf Veränderungen reagiert, noch dringlicher stellen“, erwartet Eva Kreienkamp. 2021 dürfte vielleicht sogar noch schwieriger werden als 2020: „Selbst wenn immer mehr Menschen geimpft werden, wird die Zahl der Touristen, Geschäftsleute und Messegäste niedriger bleiben als früher.“ Das bedeute weitere Einnahmeausfälle. „Auch wenn die Fahrgastzahlen 2021 den früheren Stand noch nicht wieder erreichen werden, wäre ich aber dagegen, den Verkehr auszudünnen. In der Krise zu sparen bedeutet, sich nach unten zu sparen. Wenn wir das Angebot verschlechtern, wird sich das Mobilitätsverhalten verändern, und Menschen werden sich langfristig von uns abwenden.“ Dann würden sich Menschen langfristig vom Nahverkehr abwenden.

Auch wenn die Gegenwart schlecht aussieht, die BVG müsse weiter an neuartigen digitalen Angeboten für die Zukunft arbeiten, sagte die Vorstandschefin. „Die Frage lautet: Wollen wir kurzfristig handeln oder langfristig denken? Die Herausforderung, der Klimakrise zu begegnen, bleibt auch in Coronazeiten bestehen. Die BVG muss reagieren, indem sie neue, flexible Angebote ausbaut. An Jelbi-Stationen finden unsere Fahrgäste Mieträder, E-Scooter und Mietautos. Der Berlkönig, ein On-Demand-Angebot, das auf Anforderung der Fahrgäste verkehrt, ergänzt den übrigen Nahverkehr.“

BVG-Tickets soll es auch in Drogeriemärkten geben

Trotz Corona werde weiterhin investiert – der Verkehrsvertrag ermögliche Ausgaben von sechs Milliarden Euro bis 2035, erläuterte die BVG-Chefin. In Sicht seien auch neue Verkehrsangebote, die per App gebucht werden könnten. „Der Senat möchte, dass On-Demand-Angebote in größerem Maße in den Nahverkehr integriert werden. Sie sollen Teil der Daseinsvorsorge werden“, berichtete die BVG-Chefin. „Wir bereiten eine Ausschreibung vor, die dazu führen soll, dass es künftig in ganz Berlin dauerhaft mehr solcher Angebote gibt. Rufbusse, Sammeltaxis, barrierefreie Beförderung von mobilitätseingeschränkten Fahrgästen: Das sind die Themen. Wir suchen Unternehmen, mit denen wir solche digitalen Angebote einrichten können.“

„Wir arbeiten auch daran, neue Absatzmöglichkeiten zu erschließen und neue Kunden zu gewinnen So wird es zum Beispiel in Drogeriemärkten Karten geben, die an der Kasse mit einem Guthaben aufgeladen werden können. Dieses Guthaben kann dann bei der BVG genutzt werden,“ hieß es weiter. „In U-Bahnhöfen, Bussen und Straßenbahnen werden Lesegeräte installiert, wo sich die Fahrgäste vor jeder Fahrt anmelden und später wieder abmelden können. Das Prinzip heißt Check-in/Check-out.“

Noch in diesem Jahr will die BVG 117 Straßenbahnen bestellen, so Kreienkamp. Ein Teil der neuen Züge soll Platz für 290 bis 310 Fahrgäste haben. Heute ist die Kapazität geringer: maximal 240 Reisende. Das Straßenbahnnetz wird um 40 Prozent erweitert. „Für die Neubaustrecken brauchen wir noch mal rund 160 Straßenbahnen zusätzlich.“ Dafür soll die Ausschreibung spätestens Anfang 2022 starten.

An diesem Freitag geht ein neuer U-Bahn-Abschnitt in Betrieb. „Mit der Verlängerung der U5 in Mitte hat die BVG Projekt GmbH bewiesen, dass sie ein großes Bauvorhaben im Zeit- und Kostenrahmen fertigstellen kann“, sagte die Vorstandsvorsitzende. „Nun ist es an der Zeit, gemeinsam mit dem Senat zu überlegen, welche weiteren U-Bahn-Projekte vorbereitet werden sollten.“ In BVG-Kreisen hat die Verlängerung der U7 zum BER und nach Heerstraße Nord mehr Sympathien als die ebenfalls diskutierte Zweigstrecke der U6 zum früheren Flughafen Tegel. Sie würden Bereiche erschließen, in denen viel gebaut wird, der Luftverkehr werde wieder zunehmen.

Die Diskussion hat begonnen. Die BVG werde sich beteiligen, sagt Eva Kreienkamp.