Hüfthoch wuchert Gras über das Grundstück, umringt ein Backsteinhaus, dem man die vielen Jahrzehnte ansieht. Auf dem löchrigen Dach gedeiht Moos, an manchen Stellen ist der Mörtel aus den Fugen des Mauerwerks geplatzt. Schlechter in Stand sind noch die windschiefen Schuppen nebenan, von denen nicht klar ist, wie lange sie überhaupt noch stehen werden. Auf die meisten Betrachter muss dieser Flecken Erde am Rande des Örtchens Hackenow im Oderbruch wie eine Ruine wirken. Kein Ort, an den es einen hinziehen würde. Kein Ort, an dem sich eine Zukunft aufbauen ließe.

Alexander Hänel ist da ganz anderer Meinung: „Für uns war sofort klar, dass es das hier ist“, beschreibt er das Gefühl, als er den alten Hof das erste Mal sah. Der 29-Jährige in Shirt und Pumphosen sitzt mit seiner Freundin Julia Haase, 27 und ihrer frisch geborenen Tochter Irma auf einer mit Kissen belegten Veranda am Hauseingang. Das Haus samt Grundstück, so baufällig es nun noch daliegt, es soll ihr neues zu Hause werden – und ist damit der größtmögliche Kontrast zu ihrem bisherigen Großstadtleben in Neukölln. Dort das vibrierende Treiben des Berliner Szeneviertels, die Menschen, die Bars, der Verkehr und der Lärm. Hier die Abgeschiedenheit, Ruhe und Natur Ostbrandenburgs. Was bringt sie in jungen Jahren zu diesem radikalen Schritt?

Harte Arbeit für Raumpioniere

Denn mit ihrem Abschied von der Stadt richten sich Alexander Hänel und Julia Haase gegen den großen Trend ihrer Altersgruppe. Die meisten jungen Deutschen zieht es zurzeit in die Großstädte. „Die Städte verzeichnen gerade unter jungen Leuten exorbitante Zuwächse“, sagt Marc Redepenning, Professor für Geographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Wer die Stadt verlässt, gehöre dagegen eher zur Ausnahme. Trotzdem gibt es auch diese Fälle – und ihre Zahl wächst.

Einige junge Berliner verlassen die Großstadt und suchen ihr Wohl auf alten Höfen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Die Fachliteratur nennt sie Back-to-the-landers. Raumpioniere. „Diese Leute suchen sehr bewusst abgelegene Gebiete auf, um da eine Form von Selbstverwirklichung zu finden“, sagt Redepenning.

Darum geht es auch Hänel und Haase. Sie wollen auf dem Land das Leben finden, dass sie sich lange ersehnt haben: Nachhaltig, ressourcenschonend, selbstbestimmt. In Berlin wäre das so nicht möglich. „Das Stadtleben in der heutigen Form ist nicht gesund für Mensch und Gesellschaft. Ein nachhaltiges Leben ist in ländlichen Gegenden viel besser zu erreichen“, sagt Hänel, der noch an der TU Berlin Soziologie studiert und fügt an: „Wir erachten dieses Leben als das sinnvollere.“

Harte Arbeit statt Bilderbuchromatik

Mit der romantischen Vorstellung vom Land, wie sie Magazine wie Landlust hunderttausendfach verkaufen, wird ihr Leben dabei nur bedingt zu tun haben. Besonders die ersten Monate und Jahre werden von harter Arbeit geprägt sein, bis das Gelände endlich im gewünschten Zustand ist. Das Grundstück mit zwei zwischen den Weltkriegen erbauten, einfachen Landarbeiterhäusern und mehreren Schuppen stand seit der Jahrtausendwende leer und verfiel.

Ab 2013 mietete und kaufte später eine andere Gruppe junger Berliner das Gelände, gab den Traum vom Leben auf dem Land aber schnell wieder auf. Die Gebäude verwitterten weiter. In den meisten Räumen bröckeln Tapete und Putz von den Wänden. Die Vorgängergruppe verputzte zwar manche Zimmer neu. Doch wegen des löchrigen Dachs und unsanierten Dachstuhls machen sich bereits wieder Wasser- und Schimmelflecken an der Decke breit.

„Es ist noch ein absolut wilder Zustand“, ist sich auch Hänel bewusst. Eine Mammutaufgabe. Zum Glück müssen sie diese nicht alleine bewältigen. Mit Martin Hollstein, einem alten Studienfreund Hänels, steht schon ein weiterer Mitstreiter und Bewohner für das Projekt fest. Für Holli, wie ihn alle nennen, ist das ganze kein Neuland. Bereits die letzten drei Jahre verbrachte der 35-Jährige auf einem Hofprojekt.

Auf seine Erfahrung – und auch die handwerklichen Fähigkeiten – bauen sie. Bei einem Mitbewohner soll es aber nicht bleiben. Perspektivisch können es bis zu zehn Hofbewohner werden, meint Hänel. Mehr als die derzeitigen drei Erwachsenen seien auf Dauer aber mit Sicherheit nötig, um die Aufgaben zu bewältigen – auch aus finanzieller Sicht.

Über den Sommer arbeitet Hänel dafür noch in Teilzeit als Koch auf Festivals. Doch zukünftig soll die Lohnarbeit Stück für Stück abgelöst werden. „Perspektivisch wollen wir das ökonomisch Notwendige hier auf dem Hof erledigen“, sagt er. Zunächst einmal wollen sie sich dafür weitestgehend selbst versorgen und darüber hinaus landwirtschaftliche Produkte verkaufen. Irgendwann möchten sie auf dem Hof auch Seminare abhalten und Gruppenausflüge beherbergen. Visionen haben sie eine Menge.

Ein erster Schritt ist mittlerweile auch gemacht: Vor kurzem kamen zu einer Bauaktion viele Freunde und Bekannte zu Besuch. Nicht nur die Wiesen sind jetzt zum Teil gemäht, auch zwei der alten Ställe wurden abgerissen, Zimmer in den Wohnhäusern entrümpelt und Balken im Dachstuhl abgestützt. Der Weg bleibt dennoch weit. Dass es nicht leicht wird, ist auch Hänel klar. „Wir wissen, dass wir hier in den kommenden Jahren viel Geld, Schweiß und Arbeit reinstecken werden.“ Davon, dass sich das ganze lohnen wird, ist er überzeugt.

Ort der Kreativität

Dafür verzichten sie derzeit auch auf manche Annehmlichkeit. Nach einem Rohrbruch haben sie derzeit weder warmes Wasser, noch ein funktionierendes Wasserklosett. Trink- und Kochwasser müssen sie schubkarrenweise an einer Wasserstelle am anderen Ende des Grundstücks holen. Fällt es ihnen bei all dem Mühsal tatsächlich leicht das komfortable Leben in der Großstadt mit all seinen Annehmlichkeiten und Angeboten hinter sich zu lassen?

„Es ist ein Wechselspiel zwischen den Sehnsüchten“, sagt Hänel. Auch er kennt die Vorzüge des Stadtlebens. Die Stadt sei natürlich kreativ, es wimmele vor Begegnungen und Kultur. „Ich kann verstehen, dass viele nicht aus der Stadt weg wollen.“ Jedoch sei es ein Trugschluss zu glauben, dass es Kultur und Kreativität auf dem Land nicht gäbe, meint der neue Landbewohner. Schon jetzt kenne er in der Gegend einige Festivals, Theaterstätten und offene Gärten. Zudem soll ihr eigener Hof ja auch bald ein Ort der Kreativität werden.

Von ihrer Entscheidung, der Stadt den Rücken zu kehren, ist Hänel daher überzeugt. „Für mich ist es dort mehr und mehr zum Ballast geworden.“ Lärm, Stress, all dem möchten sie auf dem Land entkommen, stattdessen nachhaltig und selbstbestimmt Leben. Egal wie hart der Weg dorthin ist, ihren Traum wollen sie sich erfüllen.