Der Asphaltboden ist hart. Aber das scheint die hundert bis zweihundert jungen Menschen vor der Bühne nicht zu stören. Sie sitzen im Schneidersitz im Freien vor dem Tempodrom und singen. „Ich liebe dich, Gott segne dich.“ Die jungen Stimmen klingen leidenschaftlich. Es sieht schön aus, wie sie da sitzen und singen. Kein Grund, sich lustig zu machen, auch wenn es natürlich schon etwas lustig wirkt, wie sie da so versunken auf dem Boden hocken.

Kirchentag-Hoodies sind schon ausverkauft

Es ist Kirchentag, Tag drei von fünf und wir haben uns an diesem Tag zum Anhalter Bahnhof aufgemacht, wo der Kirchentag seinen jüngeren Besuchern ein eigenes Programm anbietet. In der Sportsprache könnte man jetzt sagen, die erste Halbzeit ist fast rum. Man sieht es an der Kleidung. Nahezu jeder auf dem Festgelände zwischen Tempodrom und Bahnhofsruine trägt inzwischen einen orangefarbenen Schal, einen Beutel, ein T-Shirt, einen Pulli mit dem Kirchentagslogo oder in Orange. Das ist die Farbe des diesjährigen Kirchentags. Sie betont das Gemeinsame am Erlebnis des Protestantentreffens.

Gleich neben der Bühne steht ein kleines Zelt. Menschen warten in einer Schlange davor. Hier werden die Devotionalien des diesjährigen Kirchentages verkauft. Im Zelt steht Harry Herrmann bereit. Gemeinsam mit zwei Helferinnen hält er bereit, was man vom Kirchentag mit nach Hause nehmen kann. Die Dinge liegen auf einem orangefarbenen Tuch, das einen Tisch bedeckt: Müslischalen, Kerzen, Seife, ein Quartett. In Regalen liegen orangefarbene T-Shirts in Stapeln bereit. Die Renner sind schon aus. „Die Sweatshirtjacke mit den großen Augen auf der Kapuze ist ausverkauft, genau wie der Rucksackbeutel zum Wenden – Berlin auf der einen Seite, Wittenberg auf der anderen“, sagt er. Auch weg ist eine Powerbank für Handys mit Logo, und Schals gibt es sowieso nicht bei ihm, sondern nur bei den Pfadfindern, die sie überall auf dem Kirchentag gegen eine Spende von vier Euro abgeben.

Gar nicht begehrt ist das Klimaschutzquartett

Noch zu haben sind Liederhefte, Buttons, Kerzen, Schlüsselbänder und die Frühstückskombi aus Tasse und Müslischüssel. Ein regenbogenfarbener Holzfisch an einer Kette hängt noch da. Nach dem Ärger, den es gab, weil eine Berliner Lehrerin einen ähnlichen Fisch beim Unterricht in einer Schule um den Hals getragen hat, ist das allerdings ein Stück, das durchaus Diskussionsstoff bieten kann. Aber die T-Shirts dürfen Lehrer in Berliner Schulen vermutlich auch nicht tragen, weil sie sich in religiöser Hinsicht ja grundsätzlich neutral geben müssen. Gar nicht begehrt ist das Klimaschutzquartett. „Leider ein Ladenhüter“, sagt Harry Herrmann. Alles, was am Sonntag noch übrig ist, geht zurück in den Onlineshop, der während des Kirchentags Pause macht oder wird für kommende Kirchentage umgearbeitet.

Schlangen gibt es am Anhalter Bahnhof aber nicht nur vor Harry Herrmanns Zelt. Es ist viel los an diesem Vormittag. Auf dem Sportplatz wird Lacrosse und Fußball gespielt, im Tempodrom Theater. Jugendliche stehen dort auf der Bühne. In dem Theaterstück geht es um Organspende. Dazu spielt eine Jugendband Rockmusik. Nebenan finden Workshops statt. Das Hauptthema: Flucht und Frieden.

Eine Nacht unter freiem Himmel

Draußen, rings um den Sportplatz haben Gemeinden und Initiativen Buden aufgebaut. Jugendliche gestalten das Programm. Sie bieten gruppendynamische Spiele an, präsentieren Industriekritik wie zum Beispiel: „Was steckt hinter der Werbung von Coca-Cola?“ In einem Zelt werden gespendete Lebensmittel in Gemüsesuppe verwandelt: Die gibt es kostenlos.

Auf einem Hocker neben einer Fotowand sitzt Laila Buhr. Die 17-Jährige ist mit der Evangelischen Jugend aus Hamburg gekommen. Zu sechst sind sie angereist und übernachten auf Isomatten im Klassenraum einer Schule in Hermsdorf. Es ist ihr zweiter Kirchentag. Sie war vor zwei Jahren auch schon in Stuttgart dabei. „Kirchentag ist so cool“, sagt sie. Die Stadt sei voll mit netten Menschen, das Erlebnis einfach großartig. „Beim letzten Mal war ich Besucher, diesmal wollte ich mithelfen. Ich habe großen Respekt vor denen, die das organisieren“, sagt sie.

In Drei-Stunden-Schichten arbeitet sie jetzt mit. An diesem Tag betreut sie ein Fotoprojekt, am nächsten wird sie auf dem Messegelände helfen. Dann kommt für sie das Highlight. Gemeinsam mit Tausenden anderen Jugendlichen will sie die Nacht von Sonnabend auf Sonntag auf einer Wiese in Wittenberg unter freiem Himmel verbringen. Dann wird das Gemeinschaftserlebnis für sie perfekt sein.