Havelberg - Dieses Schiff wird kommen. Ganz sicher. Was im letzten Spätsommer noch als fixe Idee durch den Kopf des Berliner Schauspielers David Schellenberg waberte, geht in wenigen Tagen als tonnenschweres, avantgardistisch anmutendes „Theater- und Traumschüff“ vom Stapel. An diesem Wochenende wird das einem Katamaran ähnelnde Gefährt mit seinen strahlend weißen Wänden und den großen, gläsernen Schiebetüren in der Kiebitzberg-Werft von Havelberg zu Wasser gelassen.

Vor der imposanten Kulisse des Domes wird es seine Taufe und seine erste große Premieren-Vorstellung erleben. Und schon ab Montag nächster Woche wollen es die Skipper David Schellenberg und Jakob Plutte, ein Schauspielkollege und Freund im Geiste, zu den kleinen Brandenburger Häfen an der Havel zwischen Rathenow und Hennigsdorf steuern.

Bis in den September hinein werden sie dort auf ihrer Jungfernfahrt mit Kollegen, Freunden und den Einheimischen vor Ort Theater spielen. Ein Schiff wird kommen und das Brandenburger Land, den Fluss und die märkischen Dörfer zur Bühnenkulisse machen. Niemand zweifelt mehr daran. Und doch klingt es noch immer so, als sei es nur ein Traum. „Ich staune immer noch, dass dieses Teil jetzt wirklich hier steht“, sagt David Schellenberg. Der 28-Jährige hat für sein Traumschüff-Projekt ein sicheres Bühnen-Engagement sausen lassen. „Ich war nicht glücklich. Die Distanz zum Publikum war mir zu groß.“ Er will mit seiner Kunst dort hin, wo der Alltag der Menschen ist – ihre Freuden, ihre Nöte, ihr Streit. „Mir schwebte schon einige Zeit eine mobile Bühne in der Tradition des Wandertheaters vor“, sagt er. Und da der gebürtige Berliner und langjährige aktive Ruderer das Leben am Fluss als seine zweite Leidenschaft bezeichnet, war es bis zur Idee vom Theaterfloß, von den schwimmenden Brettern, die die Welt bedeuten, gar nicht mehr so weit.

Strampeln für die Beleuchtung

Nicht mal ein Jahr später ist aus dem Traum ein handfestes Narrenschiff im besten Sinne des Wortes geworden. Die von Weimarer Bauhaus-Studenten entworfenen und aufgebauten Wände lassen sich wie die Vorhänge im Theater hin- und herschieben. So lässt sich die Mitte des Schiffes – die Bühne – zum Wasser und zur Landschaft hin öffnen. Das Dach ist dicht und als weitere Spielebene nutzbar. In der kleinen Bordküche gibt es fließend Wasser. In den Kojen der Crew liegen schon die Schlafsäcke. Die von Berliner TU-Studenten entwickelte und installierte autarke Energieversorgung mit Solarpaneelen, Windrad am Schiffsmast und Strom erzeugendem Fahrrad funktioniert. „Da setzen wir bei den Vorstellungen einen Zuschauer drauf, der uns Licht auf die Bühne bringt“, sagt Jakob Plutte mit spürbarer Vorfreude.

Er gehört wie David Schellenberg und all die anderen jungen Frauen und Männer, die seit Tagen dem Regen trotzen und an allen Ecken des Bootes für den letzten Feinschliff sorgen, zu den Mitstreitern von Deutschlands erster gemeinnütziger Theatergenossenschaft „Traumschüff“ geG. Es sind Schauspielkollegen, Autoren, Sänger, Theaterpädagogen, Kulturwissenschaftler, Web-Designer, die über die sozialen Netzwerke, über das Berliner und Potsdamer Kulturleben vom Projekt erfahren haben und aus der Idee eines Einzelnen ein Gemeinschaftswerk machten.

Begegnung auf Augenhöhe

Sie haben nicht nur die Studenten aus Weimar und Berlin sowie die Profis von der Havelberger Schiffsbau-Manufaktur mit ins Boot geholt. Sie haben sich über Finanzierungsmodelle, Genehmigungsverfahren, Fördergelder, kommunale Hierarchien, Hafen- und Schifffahrtsrecht schlau gemacht. Sie wissen nicht alles, aber vieles über Schiffsschrauben und Bootsanstriche. „Was ich hier in dem halben Jahr über Finanzfragen, die Arbeit mit Behörden, die Motivierung eines Teams gelernt habe, das ist schon phänomenal“, sagt zum Beispiel die Kulturwissenschaftlerin Hanna Legleitner, die sich im Vorstand der Genossenschaft engagiert.

Über eine Crowdfunding-Kampagne im Internet und weitere Spenden kam schließlich das Geld für das Material zusammen. Knapp 50.000 Euro und ein Vielfaches an ehrenamtlichen Arbeitsstunden stecken in dem Kulturdampfer. Darüber hinaus fördern verschiedene Stiftungen die künstlerische Arbeit. Denn schließlich wurde nicht nur das „Traumschüff“ gebaut, sondern parallel auch das eigens für die Premierentour entwickelte Stück „Bibergeil“ mit Schauspielern, Sängern und Musikern inszeniert.

Die Autorin Nicola Schmidt hat die Menschen in der Region gefragt, was ihnen unter den Nägeln brennt. So kam sie auf das Für und Wider zum Schutz des Nagers an Havel und Oder. Es geht darum, wie Menschen, die völlig anderer Meinung sind, trotzdem miteinander leben und auskommen können. „Wir wollen den Leuten, die zu uns kommen, auf Augenhöhe begegnen“ sagt David Schellenberg, der zum ersten Mal Regie führt. „So hoffen wir, die zu erreichen, die normalerweise nicht ins Theater gehen.“ Das Schiff, auf dem er und seine Mitstreiter gerade die letzten Pinselstriche anbringen, ist der beste Beweis dafür, dass diese Einladung ernst gemeint ist.