Politikverdrossenheit? Von wegen! Viele Berliner Parteien verzeichnen derzeit Zulauf. Das hat vor allem mit den Veränderungen in der politischen Landschaft zu tun. Wir stellen sechs junge Parteimitglieder vor.

SPD – Nele Deichmüller (15)

Eigentlich ist Juso-Chef Kevin Kühnert schuld. Als er Anfang des Jahres 2018 mit seiner No-GroKo-Kampagne durchs Land zog und die SPD aufmischte, wurde auch die gebürtige Berlinerin Nele Deichmüller auf die Jusos aufmerksam. „Das war mein Türöffner“, sagt sie. Gerade mal 14 Jahre alt war die Schülerin, als sie in den Jugendverband der SPD eintrat. Die Standhaftigkeit, der Mut, die starke Haltung der Jungsozialisten, das habe Eindruck bei ihr gemacht. „Da wollte ich mitmachen, mich auch engagieren.“ Die No-Groko-Kampagne – „Wow!“

Nele Deichmüller ist inzwischen 15 Jahre. Sie geht in die zehnte Klasse eines Gymnasiums. Seit neun Jahren spielt sie Geige, liest Bücher – alles, was ihr in die Hände fällt. Gerade ist es die Autobiografie Michelle Obamas. Auch Kafka verschlingt sie. Und Nele debattiert gern. Im Unterricht, auf dem Schulhof, mit ihren Eltern, bei den Jusos, mit den Jusos. Wenn man mit Nele spricht, dann hat man das Gefühl, sie sprudelt über – so viel Lebensenergie und auch Neugier auf die Welt spricht aus jedem ihrer Sätze.

Nele ist eins von 20.129 Mitgliedern

Bei den Jusos kann sie all das ausleben, sagt sie, auch wenn Nele auch hier – wie überall – „zu den Jüngsten gehört“. Bei den Jusos fühlt sie sich unter ihresgleichen: Politisch engagierte Jugendliche, die nicht akzeptieren wollen, dass Politik ohne sie stattfindet.

Dass sie gern ihre Meinung vertritt, das hat ihre Mutter schon früh gemerkt. Neles erstes Wort sei „Nein“ gewesen, erzählt die Mutter.

Inzwischen ist Nele auch in die SPD eingetreten. Ganz frisch, seit Dezember ist sie Mitglied der Sozialdemokraten und eins von derzeit 20.129 Mitgliedern, am 31. Dezember 2017 waren es 19269. Auch hier gab es quasi ein Schlüsselerlebnis: Der Landesparteitag Mitte November in Berlin. Für die meisten Jugendlichen in ihrem Alter wäre so ein Event wohl eher Strafe gewesen. Bei Nele fangen die Augen an zu leuchten, wenn sie von dem Parteitag erzählt. „Hier kann man richtig was bewegen“, sagt sie. Vor allem von Franziska Giffey, Familienministerin und Ex-Bezirksbürgermeisterin von Neukölln, sei sie beeindruckt gewesen. Die Rede habe ihr gefallen.

Nele wünscht sich mehr Durchhaltevermögen

„Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann mal in die Politik zu gehen“, sagt Nele. Aber festlegen wolle sie sich da nicht. Früher wollte sie Ärztin werden, dieser Plan bröckle nun. Vielleicht mal Politikwissenschaft studieren. Oder Gesellschaftswissenschaft. Oder Jura. Bloß nicht festlegen, neugierig und offen bleiben. Das ist ihre Devise.

Aber sie wäre nicht Nele, wenn sie nicht auch etwas an der SPD auszusetzen hätte. Die junge Sozialdemokratin würde sich wünschen, dass die SPD ihren Standpunkt in der Großen Koalition stärker vertritt und vor der Union nicht immer wieder so einbricht. Dabei fällt ihr sofort die Abtreibungsdebatte zum Paragrafen 219a ein. Da sei die SPD ihrer Meinung nach nicht konsequent genug gewesen. Die Debatten, die die SPD jetzt führt, könnten eine große Chance sein.

Und aus der Partei wieder austreten, weil die Umfragewerte so schlecht sind? „Ich mache das doch nicht von Zahlen abhängig“, sagt sie, „sondern von Inhalten.“ Vor allem das Thema Bildung liegt ihr am Herzen.

Marode Schulen, zu wenig Lehrer, ausfallender Unterricht. Nele kann ein Lied davon singen. Ein halbes Jahr lang fiel bei ihr der Ethik-Unterricht aus. „Ausgerechnet Ethik“, sagt sie. Noch etwas stört sie: Ob Politikunterricht, Bundestag oder Partei – überall dominieren Männer den Betrieb. Zeit, das zu ändern, findet Nele.

Die Linke – Johannes Grill (27)

Johannes Grill ist erst seit knapp einem Jahr bei der Linken, aber schon voll eingespannt in die Sacharbeit: Alle zwei Wochen trifft sich seine Basisorganisation im Neuköllner Norden – die Mitglieder haben den 27-Jährigen kürzlich zu einem ihrer beiden Sprecher gewählt. Jetzt sammelt Grill Ideen für parteiinterne und öffentliche Veranstaltungen, wie zum Beispiel Expertengespräche zur Lage in Katalonien, der Seenotrettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer oder Gentrifizierung im eigenen Kiez.

Er hat sich auch einer der Arbeitsgemeinschaften angeschlossen, die sich in der Berliner Linken neben den Ortsgruppen mit bestimmten Themen beschäftigen. Der Fokus dort: Drogenpolitik. Die Genossen diskutieren über die Legalisierung von Marihuana oder die Möglichkeit, dass Berliner Clubbesucher chemische Drogen vor dem Konsum auf Unreinheiten überprüfen lassen können.

Ein Thema, über das viele Konservative verächtlich die Achseln zucken. Johannes Grill – selbst begeisterter Clubgänger – fasst die Relevanz in einem Satz zusammen: „Das kann Leben retten.“ Immer wieder sammelt er außerdem Unterschriften für Volksinitiativen wie „Berlin Werbefrei“, die der Linken nahesteht und per Volksentscheid die Außenwerbung im öffentlichen Raum begrenzen lassen will.

Protest als „politische Tunte“

Jede Menge Arbeit. Dabei wollte Johannes Grill eigentlich nie einer Partei beitreten. Er kommt aus St. Wendel im Saarland, hat in Frankfurt am Main erst einen Bachelor in Psychologie abgeschlossen. Doch die Analyse des Individuums reizte ihn am Ende weniger als das große gesellschaftliche Bild. Also studierte Grill zusätzlich Sozialwissenschaften und wechselte schließlich für einen Master in Gender Studies an die Berliner Humboldt-Uni.

Er engagierte sich bisher lieber in freien linken oder queeren Gruppen, protestierte als „politische Tunte“, wie er sagt, in Glitzerkostümen bei Demos und arbeitete als Referent für LGBTI im Allgemeinen Studierendenausschuss an der HU. Doch dann hatte die AfD bei der Bundestagswahl 2017 einigen Erfolg, und Johannes Grill hatte den Drang, ein Gegengewicht im Parteiengeflecht unterstützen zu wollen. Sein Partei-Eintritt sei auch eine Reaktion darauf gewesen, dass die AfD jetzt im Bundestag sitze, sagt er.

Selbstdenken statt Schablone

Sicher, im „schönen Nord-Neukölln“ fühle er sich pudelwohl. Aber nur wenige Kilometer weiter, in den südlichen Kiezen Britz und Rudow, kursierten immer wieder sogenannte Feindeslisten von Rechtsextremisten, brannten im vergangenen Jahr immer wieder Autos von Menschen, die sich gegen Rechts und für die Demokratie einsetzen. Johannes Grill will diese Zustände nicht hinnehmen.

Für ihn gibt es nicht die eine einzige, wahre Partei. Potenziell sympathisiert er ebenso mit den Grünen – allerdings hätten die sich in der Vergangenheit zu oft bei sozialen Fragen „verkauft“ und zum Beispiel Hartz IV mitgetragen. Die Linke hingegen sei sich als ewige Oppositionspartei im Bund größtenteils treu geblieben.

Außerdem gäbe es keinerlei Zwang, sich der Parteilinie zu unterwerfen. Über jedes Thema werde heftig und kontrovers gestritten. Selbstdenken statt Schablone – das werde gefördert.

Bei allem Engagement bleibt Johannes Grill aber auch kritisch, hinterfragt sich und seine Arbeit bei der Linken immer wieder selbst. „Restzweifel sollte man als Demokrat immer haben“, sagt er.

FDP – Lea Diedenhofen (21)

Es ist besser, nicht zu regieren als falsch regieren – dieser oftmals zitierte Satz von FDP-Chef Christian Lindner, gesagt nach dem Scheitern der Jamaika-Koalitionsverhandlungen im Jahr 2017, hat Lea Diedenhofen überrascht und überzeugt. „Das fand ich mutig“, sagt die 21-Jährige heute.

Kurz vorher hatte Lea Diedenhofen zum ersten Mal ihr Kreuz auf der Liste bei einer Bundestagswahl setzen dürfen. Sie wählte die FDP. Danach habe sie sich überlegt, dass dies alle vier Jahre doch nicht ihr einziger politischer Beitrag sein könne. „Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die rechtspopulistische AfD so viel Zulauf bekommt“, sagt sie. Es mache einfach Sinn, sich bei einer Partei zu engagieren, wenn man etwas bewirken wolle.

Digitalisierung und Bildung sind Lea wichtig

Die Kölnerin, die vor zwei Jahren wegen ihres Jurastudiums an der Uni Potsdam nach Berlin zog, klickte sich erneut durch die Parteiprogramme. „Ich liebäugelte auch mit den Jusos“, erzählt die junge Frau. Dass der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz seine Erfolgswelle nicht nutzen konnte, habe sie aber enttäuscht.

Und so trat Lea Diedenhofen Anfang des Jahres 2018 in die FDP und in den Jugendverband Junge Liberale (Julis) ein. Bei der Berliner FDP ist sie damit nun eines von 3340 Mitgliedern – Ende 2017 waren es übrigens 3214 Mitglieder.

Vor allem das Thema Digitalisierung und Bildung ist ihr wichtig. 2016 hatte die Kölnerin gerade ihr Abitur abgelegt und sich da schon so manches Mal geärgert, dass viele ihrer Lehrer so wenig digital arbeiteten. „Wir bekamen White Boards an der Schule, und die meisten Lehrer schrieben weiter mit Kreide auf die Tafeln“, erzählt sie.

Jung, modern, digital geprägt

FDP-Chef Lindner hat damit bei Lea Diedenhofen offenbar einen Nerv getroffen. Seine Kampagne war jung, modern – und vor allem digital geprägt. „Digital first. Bedenken second. Denken wir neu“, war nur einer seiner Plakatsprüche im Wahlkampf. Die FDP setzte damals beim Wahlkampf ganz bewusst auf Lindner als Galionsfigur der Partei.

Lea Diedenhofen trägt Turnschuhe, Strickpulli und Jeans. Sie sieht weder aus wie das Klischee einer Jura-Studentin noch wie das einer FDP-Wählerin. Rechtswissenschaften habe sie ohnehin nur aus Versehen angefangen zu studieren. Ihre Freunde seien „eher links bis grün“, sagt sie, „und sehr interessiert für das, was ich da mache“.

„Ich finde gut, was die Berliner FDP macht“

Und was macht sie nun genau? Gleich auf der ersten Sitzung der FDP in ihrem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde sie Anfang des Jahres als Delegierte für den Landesparteitag der FDP gewählt. „Aufregend“, sagt sie, „aber vor allem fand ich es gut, gleich so eingebunden zu werden.“ Bei den Jungen Liberalen kümmert sie sich unter anderem um die Presse- und Social-Media-Arbeit. Vor allem im Jugendverband will sich Lea Diedenhofen erst mal ausprobieren und lernen. Für ein politisches Amt will sie deshalb vorerst nicht kandidieren. „Irgendwann vielleicht mal“, sagt sie.

Die kleinste Partei im Abgeordnetenhaus besetzt in der Stadt ein hochemotionales Thema: Sie will den Flughafen in Tegel offenhalten. Was denkt die junge Berlinerin darüber? „Da bin ich ohne Meinung“, sagt sie. Jedenfalls könne sie nicht verstehen, warum manche die FDP deswegen als monothematisch empfänden. „Ich finde gut, was die Berliner FDP macht.“

Nur ein Thema gibt es, für das sich die Studentin mehr Engagement wünschen würde. „Das ist das Thema Umwelt.“

AfD – Carolin Matthie (26)

Carolin Matthie hat als „Postergirl der deutschen Waffenlobby“ oder die „Schöne mit den Waffen“ bundesweit Schlagzeilen gemacht. Denn die 26-Jährige dreht Videos für You Tube, sie hat Zehntausende Follower auf der Fotoplattform Instagram und nutzt diese Reichweite unter anderem, um für mehr Waffen in den Händen der Bürger zu werben. Eigentlich trägt Carolin Matthie auch in Berlin immer eine Schreckschusspistole bei sich, weil sie sich – wie sie sagt – nicht immer sicher fühle. Die Waffe ziehen musste sie allerdings noch nie, räumt sie ein.

An diesem Tag aber hat Carolin Matthie ihre Waffe zu Hause gelassen, weil sie gleich im Anschluss zum Winterurlaub in die Schweiz reist. Durch die Sicherheitschecks am Flughafen schafft es ihre Walther nicht.

Vor einem halben Jahr ist die Influencerin in die AfD eingetreten. Etwa 1500 Parteimitglieder haben die Rechtspopulisten inzwischen in Berlin.

„Hart, hitzig und realitätsnah“ 

Warum hat sie die AfD als Heimathafen gewählt, die so umstritten ist wie keine andere Partei? Bei den älteren Parteien hätten sie die über Jahrzehnte etablierten Hierarchien abgestoßen, sagt Carolin Matthie. „Ich will jetzt etwas verändern, nicht erst wenn ein Kollege in Rente geht.“ Der Plan scheint aufzugehen: Ende November wurde sie zu einem von elf Mitgliedern im AfD-Vorstand für den Bezirk Treptow-Köpenick gewählt. Außerdem herrsche bei der AfD eine „andere Debattenkultur“, sagt sie. Es gebe kaum Tabu-Themen, stattdessen werde „hart, hitzig und realitätsnah“ diskutiert.

Carolin Matthie ist das Streiten gewohnt. In ihrer Schulzeit im thüringischen Weimar habe sie eine Lehrerin gehabt, die ihre Schüler früh zu eigenen politischen Standpunkten ermutigte. Carolin Matthie trat der Jungen Union bei, blieb der CDU-Jugendorganisation auch noch im Studium treu. Allerdings sei die Arbeit im Studentenparlament oft nicht zielführend gewesen, sagt sie, die Organisation zu chaotisch.

Eher libertär als konservativ

2012 zog Matthie nach Berlin, inzwischen studiert sie im neunten Semester Informatik und Physik am Campus Adlershof der Humboldt-Uni. In ihrer Freizeit schießt sie auf Zielscheiben und liebt Eiskunstlaufen – beides am liebsten im Wettkampfmodus, alleine, nicht im Team.

Eher libertär als konservativ – so beschreibt sich Carolin Matthie selbst. Sie sei nicht religiös, wolle später auch nicht mit Kind zu Hause bleiben. Doch wer das traditionelle Rollenbild leben wolle, der solle die Chance dafür haben. Zu oft unterstütze die Politik das nicht. „Ich vertrete den Standpunkt: Jeder kann machen, was er will – so lange er niemandem damit schadet“, sagt sie.

„Postergirl der AfD“?

Nicht wenige Kritiker finden, dass ihre Parteikollegen in der AfD durch ihren Populismus die politische Sacharbeit behindern, dass sie den Rechtsruck in Deutschland ganz neu befeuern und zum Teil offen den Schulterschluss mit Extremisten suchen. Zu solchen Vorwürfen sagt Carolin Matthie: Die Partei sei jung und noch im Findungsprozess. Extreme Kräfte gebe es außerdem in jeder Partei – auch bei der Linken.

Vom thüringischen Landeschef Björn Höcke, Mitbegründer des sogenannten völkischen Flügels, distanziert sie sich: „Ich teile seine rhetorischen Strategien nicht.“

Jung, weiblich, gut aussehend – ob sie nicht Sorge hat, dass sie vom „Postergirl der Waffenlobby“ nun zum „Postergirl der AfD“ wird? Nein, sagt Carolin Matthie. Sie interessiere sich ja gerade für die Öffentlichkeitsarbeit. „Ich werde für keine Position werben, die ich nicht selbst vertrete.“

Grüne – Philipp Kahlert (30)

Philipp Kahlert ist neu in der Partei der Grünen. Mit Politik beschäftigt er sich aber schon sein ganzes Leben lang. Als der Bundestag mit seiner Verwaltung 1999 von Bonn nach Berlin verlegt wurde, zog Philipp Kahlert mit seinen Eltern mit. Ganz einfach war das nicht mit elf – von einem Ort mit Kleinstadtflair ins große, für Kinderaugen oft graue Berlin.

Berlin aber sollte nicht Zentrum seines Lebens bleiben. Nach dem Abitur studierte der heute 30-Jährige Politikwissenschaft in Halle. Philipp Kahlert wohnt weiter in Berlin, pendelt an mehreren Tagen pro Woche mit Bahn oder Bus die etwa 170 Kilometer hin, 170 Kilometer zurück. Ein Leben zwischen zwei Städten, das er bis heute führt.

Lange zögerte Phillipp mit dem Parteieintritt

Im April hat er seinen Master abgeschlossen und trat an der Uni eine Stelle am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen an. Sein Forschungsthema ist die Europäische Union. Nun schreibt er seine Doktorarbeit über die politische Führung in der EU und die Vormachtstellung von Deutschland und Frankreich. In Paris studierte er ein halbes Jahr dank des europäischen Austauschprogramms Erasmus.

Während seine Kommilitonen in der Politikwissenschaft bereits während des Studiums reihenweise in Parteien eintraten und dort zum Teil auch gute Jobs fanden, zögerte Philipp Kahlert lange. „Als Wissenschaftler wollte ich neutral und unbefangen bleiben“, sagt er.

„Politik ist immer ein Kompromiss“

Warum er sich schließlich doch gebunden hat? „Ich will mich aktiv für Europa einsetzen“, sagt Kahlert. Denn er sei überzeugt: Nur ein starkes, soziales, solidarisches Europa könne die größten Probleme unserer Zeit lösen – auch das europaweit auftretende Phänomen des erstarkenden Rechtspopulismus müsse gemeinsam angegangen werden, nicht auf Ebene der Nationalstaaten.

Nur: Welche Partei sollte es sein? Für Kahlert war das nicht sofort klar. „Politik ist immer ein Kompromiss – auch das Eintreten in eine Partei ist schon einer“, sagt er. Beim Blick auf die Grundpositionen sei für ihn auch die SPD in Frage gekommen. Doch die Grünen hätten in den vergangenen Jahren weniger faule Kompromisse machen müssen, seien klarer in der Ausrichtung, überzeugender in ihrem Europa-Programm. Und: Die Grünen seien weniger festgefahren in der Rechts-gegen-Links-Spaltung, handelten weniger reflexhaft. „Die Grünen arbeiten sehr sachorientiert“, sagt Philipp Kahlert. „Sie sind in der Lage, komplexe Probleme erst mal zu analysieren.“

Vorfreude auf die Europawahl

Auch von der jungen Führungsriege der Partei ist er überzeugt. Robert Habeck, Bundesvorsitzender seit Januar, könne er sich gut als Kanzlerkandidaten vorstellen. Bleiben die Umfragewerte der Partei auf dem Hoch, auf dem sie zurzeit schweben, haben die Grünen eine gute Chance darauf, erstmals einen grünen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Der Erfolg zeigt sich auch an den Mitgliederzahlen der Berliner Grünen: Etwa 7500 feste Anhänger haben sie inzwischen – 1000 mehr als noch Ende 2017.

Der überzeugte Europäer Kahlert ist im Oktober der Partei beigetreten, seither gab es noch nicht viele Treffen seiner Ortsgruppe. Viel aus der Praxis kann er also nicht berichten. Ob es ihm gefallen wird, über Fahrradwege zu diskutieren oder über das lokalpolitische Kleinklein, bleibt abzuwarten. Immerhin aber steht im Mai ein Highlight ganz nach seinem Geschmack an: die Europawahl.

CDU – Judith Vogl (27)

In der Familie von Judith Vogl hat das Wählen der CDU Tradition. Die 27-Jährige kommt aus der Nähe von Göppingen in Baden-Württemberg. Ihre Eltern sind überzeugte CDU-Wähler. Als Judith Vogl 14 Jahre alt war, trat sie mit ihren Schwestern der Jugendorganisation der Partei bei. Bei der Jungen Union hat sie viele ihrer Freunde kennengelernt, hat an Ausflügen teilgenommen und zum ersten Mal im Kleinen miterlebt, wie Politik gemacht und wie ein Wahlkampf organisiert wird. „Superspannend“, sagt Judith Vogl.

In die CDU für Erwachsene wollte Judith Vogl in ihrer Heimat allerdings nicht eintreten. Zu hoch war der Altersdurchschnitt im Verband – und nach ihrem Geschmack war die Sicht dort auch in vielen Positionen zu konservativ. Also blieb es bei der Jungen Union, während sie die Realschule abschloss, eine Ausbildung als Optikerin machte und im Anschluss ihr Abitur nachholte. Zum Studium der Optometrie zog Judith Vogl vor vier Jahren nach Berlin. Inzwischen steckt sie im Master.

Ihr Ortsverband Grunewald-Halensee sei viel jünger und weniger dogmatisch als der in der Heimat. Aber für sie gab erst der Erfolg der AfD den Ausschlag, in diesem Jahr der CDU beizutreten. Die Macht der Rechtspopulisten habe sie erschreckt. Sie habe beschlossen: „Wenn ich will, dass sich etwas ändert, dann muss ich selbst mehr tun.“ Und: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Judith gefällt Merkels Arbeit

Besonders die CDU hat Wähler an den Bundestagsneuling AfD verloren. Angela Merkel mit ihrer Asylpolitik ist eines der größten Feindbilder der Rechtspopulisten. Auch hinsichtlich vieler anderer Themen laufen diese der konservativen Union den Rang ab mit steileren Thesen und viel härteren Forderungen. Knapp eine Million Wähler sind bei der Bundestagswahl 2017 von der Union in das Lager der AfD gewechselt – so viele wie von keiner anderen Partei.

Judith Vogl will sie zurückgewinnen, für das „christliche Menschenbild und Grundsatzdenken“, in dessen Sinne sie erzogen wurde. Dafür will sie reden, aufklären, den Bürgern die Politik ihrer Partei wieder näherbringen. Angela Merkel, sagt Judith Vogl, habe exzellente Arbeit geleistet: die Arbeitslosigkeit niedrig gehalten, Deutschland in Europa mit Gewicht vertreten. Das komme oft zu kurz. Auch Menschen zu helfen, die Hilfe bedürfen, sei christlich. 2015 sei das Offenhalten der Grenzen deswegen dringend nötig gewesen. „Merkel wurde von einigen osteuropäischen Ländern im Stich gelassen, sie hatte keine andere Wahl“, sagt sie.

„Ich bin für Videoüberwachung, ich habe nichts zu verbergen“

Einmal im Monat macht Judith Vogl in ihrem Ortsverband Grunewald-Halensee jetzt Arbeit am Bürger, so nah es nur geht: Dann steht sie am Infostand der CDU an wechselnden Plätzen im Kiez und redet mit Passanten, die gerade von der Arbeit oder vom Einkaufen kommen. Sie spricht dann über jedes Thema, das die Bürger interessiert: die fehlenden Stellen bei Polizei und Feuerwehr, die horrenden Mietpreise, die sich auch der Mittelstand nicht mehr leisten kann, oder auch das mangelnde Sicherheitsgefühl in der Stadt. Judith Vogl: „Ich bin für Videoüberwachung, ich habe nichts zu verbergen.“

Hoffnung für das neue Jahr macht Judith Vogl auch die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Parteichefin der CDU. Egal, wie viel Angela Merkel in ihrer Amtszeit auch geleistet habe – alles habe eben seine Zeit. AKK, die Saarländerin, habe lange mit Merkel gearbeitet und stehe ihrer Politik nahe. „Sie wird beibehalten, was gut war. Und ändern, was Merkel falsch gemacht hat“, hofft Judith Vogl.