Berlin - Wie bekämpft man Missstände? Mit juristischem Wissen. Davon ist der Menschenrechtsaktivist und Jurist Christian Leupold-Wendling überzeugt. Deshalb hat der er 2018 zusammen mit zwei Mitgründern eine App entwickelt, die dieses Wissen zugänglicher macht. Das verstaubte Image von komplexen Gesetzestexten in dicken Büchern schreckt nicht nur Laien ab, auch Leupold-Wendling selbst hat sich als Student damit schwergetan. Einfache Formulierungen, ein spielerischer Charakter und ein Community-Teil für Fragen sollen helfen, die Scheu vor dem Paragrafen-Dschungel abzulegen.

„Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen juristischer Bildung und dem Zugang zum Rechtssystem“, sagt der gebürtige Spandauer. Die Idee für die App entstand bei seiner Arbeit für die International Justice Mission. Nach einem Praktikum bei der Menschenrechtsorganisation gründete Leupold-Wendling noch während des Jurastudiums das deutsche Büro der International Justice Mission mit. Dort hat er Staatsanwälte erlebt, die bestimmten Themen ausweichen, Witwen, die nicht wissen, dass sie auch nach dem Tod des Mannes ein Recht auf ihr Land haben und Menschen, die in Schuldknechtschaft verharren, obwohl das illegal ist.

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Der Gründer Christian Leupold-Wendling.

Doch auch in Deutschland führe fehlende Bildung oft dazu, dass sowohl Betroffene als auch Juristen Unrecht nicht als solches erkennen und bekämpfen. In vier Bereichen will Leupold-Wendling mit seiner App ansetzen: Schule, Verbraucherbildung, Grundrechte und Berufsgruppen, die ihren Beruf rechtskonform ausüben müssen. „Gesellschaften verrechtlichen immer mehr und es entstehen neue Bereiche, wie zum Beispiel das EU- Recht“, sagt der 37-Jährige. Umso wichtiger sei es, einfache Zugänge wie Jurafuchs zu entwickeln.

Leupold-Wendling rechnet damit, dass Rechtskunde als Pflichtfach, über NRW und Sachsen-Anhalt hinaus, bald in den übrigen Bundesländern eingeführt wird und dann auch Schüler die App nutzen. Unsere Demokratie setze mündige Bürger voraus. Verbraucherfragen können zum Beispiel sein: Kann ich als Mieter Miete einbehalten, wenn meine Wohnung verschimmelt ist? Kann ich dieses Bild teilen oder verletze ich das Urheberecht?

Auch die eigenen Grund- und Menschenrechte werden bei bei Alltagsproblemen relevant, wie beispielsweise bei Racial Profiling oder indirekter Sterbehilfe. Der vierte Bereich sind Lehrende, die Polizei oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Davon nutzen auch schon einige die App.

Jurafuchs vermittle einen Querschnitt aus diesen Rechtsfragen so, dass Nutzer und Nutzerinnen sie kontinuierlich lernen und verstehen können, statt nur einmal vor der Prüfung zu pauken. Orientiert haben sich die Gründer an den Sprachlern-Apps Duolingo und Babbel. Kleine Belohnungen sollen motivieren, eine Rangliste zeigt, dass einige Nutzer die App seit zweieinhalb Jahren täglich nutzen. Wer ein paar Hundert vereinfachte Fälle für einen Rechtsbereich durchspiele, entwickle ein Gefühl dafür, wie einzelne Paragrafen anzuwenden sind, meint Leupold Wendling.

Die Lektionen sind in einzelne Rechtsbereiche und Untergruppen aufgeteilt und es gibt eine Suchfunktion für einzelne Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Alle Paragrafen sind verlinkt, sodass man den genauen Wortlaut in einem kleineren Fenster nachlesen kann und gleichzeitig direkt auf der App bleibt. Für Nicht-Juristen ist die Lernerfahrung zunächst ein Ratespiel, dessen Antworten sich meist aus dem Wortlaut der Fragestellung ableiten lassen. Sobald man geantwortet hat, wird aber eine konkrete Erklärung mitgeliefert. Diese Erklärungen zielen konkret auf die jeweilige Frage ab. Ist eine Lektion abgeschlossen, wird im unteren Bereich sichtbar, welche Fragen und Anmerkungen Mitglieder der Community dazu hatten und man kann selbst mitdiskutieren. Das Forum ist auch außerhalb der einzelnen Lektionen zugänglich.

„Wir kennen uns mit deutschem Recht aus, und deshalb haben wir hier angesetzt“, sagt der Gründer. Geplant ist aber auch, Jurafuchs international auf den Markt zu bringen. „Unsere große Vision ist juristische Bildung für die gesamte Gesellschaft.“ Leupold-Wendling verweist auch auf Nummer 16 der United Nations Sustainable Development Goals, die vorsieht, den Zugang zum Recht für alle bis 2030 zu ermöglichen.