Bushido gegen Abou-Chaker: Der irre, teure Endlos-Prozess in Berlin

Seit mehr als zwei Jahren wird im Hochsicherheitssaal verhandelt. Am 85. Prozesstag sahen alle Beteiligten einen Film. Was soll das – und wer soll das bezahlen?

Der Rapper Bushido ist Nebenkläger beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker.
Der Rapper Bushido ist Nebenkläger beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker.Pressefoto Wagner

Die Schutzvorkehrungen sind hoch. Wer in den besonders gesicherten Saal 500 will, muss sich zuvor anmelden. Zweimal wird man vom Wachpersonal durchsucht und auf Metall gescannt. Den vielen Presseleuten sind nur Stift und Schreibblock erlaubt. Handys und Taschen müssen draußen bleiben.

Allerdings findet im Sicherheitssaal 500 des Kriminalgerichts Moabit kein Prozess gegen Terroristen oder Bombenbastler statt. Es geht um eine geworfene Plasteflasche, die ein Rapper abbekommen haben will und um einen Stuhl, mit dem dieser angeblich beworfen wurde. Der Sprechsänger heißt Anis Ferchichi und nennt sich Bushido. Der Angeklagte heißt Arafat Abou-Chaker und gilt als Oberhaupt eines gefürchteten Familienclans. Deshalb sind auch die Sicherheitsvorkehrungen so hoch. Sieben Wachtmeister sind im Saal und passen auf Abou-Chaker und drei seiner Brüder auf, die ebenfalls angeklagt sind.

Die Berliner Staatsanwaltschaft beschuldigt Arafat Abou-Chaker unter anderem der versuchten schweren räuberischen Erpressung und der Freiheitsberaubung. Seine Brüder sind wegen Beihilfe angeklagt. Arafat und Bushido hatten mal Geschäftsbeziehungen. Als Bushido sie 2018 lösen wollte, gab es Streit. Der Clanchef soll mehrere Millionen Euro verlangt haben. Der Sprechsänger behauptet, dass Abou-Chaker ihn eingesperrt und bedroht und mit der Flasche und dem Stuhl attackiert habe.

Geld verdienen an immer mehr Prozesstagen

Es ist der 85. Prozesstag. Bis Januar sind noch zehn weitere angesetzt. Mit einiger Verspätung, das hat sich über die lange Zeit so eingeschlichen, schlendern die Prozessbeteiligten in den Saal: der Hauptangeklagte, seine Brüder, die Anwälte, die pralle Rollkoffer hinter sich herziehen. Die Stimmung ist gut, es wird gescherzt. Im Sommer hatte das Gericht durchblicken lassen, dass es schwierig werden könnte mit einer Verurteilung.

Die vielen Wahlverteidiger der Angeklagten wirken nicht unzufrieden. Pro Sitzungstag erhält ein Verteidiger mindestens 352 Euro. Auch wenn der Tag nur zehn Minuten dauert. Will man also überschlagen, was bisher an Prozesskosten allein für die Anwälte der Angeklagten aufgelaufen sein könnte, dann könnte man zurückhaltend so rechnen: 352 Euro mal vier (Angeklagte) mal 95 (Sitzungstage). Es gibt allerdings auch Anwälte, die 3000 Euro pro Sitzungstag berechnen.

Seit mehr als zwei Jahren läuft der Prozess schon. Bushido, der im Sommer mit seiner Frau Anna-Maria und seinen Kindern nach Dubai zog, ist wichtigster Zeuge und Nebenkläger. Manchmal fliegt er für einen Prozesstag nach Berlin, wie am 17. Oktober, als es um eine Tonaufnahme ging, die vor einiger Zeit auftauchte. Der heimliche Mitschnitt soll angeblich das Gespräch zwischen Arafat und Bushido an jenem Tag, um den gestritten wird, wiedergeben und beweisen, dass es zu keiner Gewalttätigkeit kam. Bushido und sein Anwalt sprechen von einer Fälschung. Ein Gutachter soll das nun klären. Es werden also neben den Anwalts- und Gerichtskosten erneut weitere Kosten anfallen – im Zweifelsfall für die Steuerzahler, wenn die Staatsanwaltschaft verliert und der Prozess nicht mit einer Verurteilung endet.

Erwachsene in bunten Kapuzenshirts und Trainingshosen

Pöbelte der Rapper einst in seinen Sprechgesängen gegen die „Bullen“, so steht er heute selbst unter Polizeischutz und kostet viele „Mann-Stunden“, wie es im Polizeideutsch heißt. Denn Polizei und Bushido befürchten Angriffe des Abou-Chaker-Clans.

Der fläzt derweil im Sicherheitssaal 500 auf der Anklagebank herum – erwachsene Männer in bunt bedruckten Kapuzenshirts und Trainingshosen. Unzählige Zeugen sind in den ganzen Monaten angehört worden. Jede Aussage wurde von der Öffentlichkeit aufgesogen, das Medieninteresse ist noch immer hoch.

Am 7. und am 14. Dezember, kündigt der Vorsitzende Richter an, werde es eine audiovisuelle Vernehmung eines Zeugen in der Türkei geben. Wegen des Zeitunterschieds sei sie schon für 8 Uhr angesetzt. Von der Anklagebank und der Verteidigung erklingt leises Gemaule. Bushidos Anwalt verliest nun eine Erklärung seines Mandanten. Es geht um einen Leihvertrag für das Abou-Chaker-Grundstück in Kleinmachnow bei Berlin, der gefälscht sei.

Pöbeln mit üblen Schimpfworten

Arafat Abou-Chaker kratzt sich währenddessen am Bart. Die Brüder glotzen stumpf geradeaus. Die Verteidiger tippen emsig in ihre Notebooks. „Das erfüllt den Tatbestand des versuchten Betruges“, endet der Anwalt. Der Richter nimmt die Erklärung als Anlage zum Protokoll.

„Ich habe nicht verstanden, was das soll“, moniert einer der Abou-Chaker-Anwälte. „Nebelbombe!“ ruft ein anderer Verteidiger.

Nun ist es Zeit, bei Gericht einen Film zu zeigen. Die Doku-Serie „Unzensiert – Bushidos Wahrheit“ zeigt zwei Jahre des Alltags in der Familie Ferchichi und die Trennung von Abou-Chaker. Die Kinostunde im Hochsicherheitssaal geht auf einen Antrag der Verteidigung zurück, die wohl deutlich machen will, wie sich der Sprechsänger inszeniert und als Saubermann verkauft. Im Film pöbelt Bushido gegen Arafat und gebraucht Begriffe wie „Wixer“, „Fotze“ und „Spasti“. Und Arafats Anwalt merkt an: „Wenn mein Mandant so eine Bemerkung gemacht hätte, hätte er sicher eine Strafanzeige.“

Ansichten eines Sprechsängers

34 Menschen – der Richter, die Beisitzer, die Wachtmeister, die Angeklagten, die Anwälte und auch die Zuhörer – schauen im abgedunkelten Saal, wie der Rapper beim Angeln am See seine Ansichten kundgibt. Wie er über Abou-Chakers angebliche Schwarzbauten in Kleinmachnow schimpft („Der hat so viel Scheiße gebaut!“), wie er jammert über Finanzamt und Steuerfahndung. Wie seine Frau Anna-Maria und er in der Küche über das Leben unter Polizeischutz klagen. Wie er mit seinen Rapper-Kumpels im Studio in Dubai darüber plaudert, wer wie viele Millionen Klicks bekam.

„Ich habe noch nie erlebt, dass ein Zeuge während eines Prozesses Werke produziert, während sich Angeklagte nicht so äußern können“, bemängelt einer der Verteidiger, der von einer „maßbildenden Dokumentation über einen laufenden Vorgang“ spricht.

„Was wollen Sie mir jetzt auf den Weg geben?“, fragt der Vorsitzende Richter. Der Anwalt wollte es nur mal angemerkt haben. Für den 31. Oktober ist der 86. Verhandlungstag angesetzt.