Berlin - Der Vater war Sozialarbeiter in der Jugendstrafanstalt in Plötzensee, der Sohn ist jetzt Justizsenator: Dirk Behrendt (Grüne), 45 Jahre alt, war selbst Richter und viele Jahre rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Jetzt will er sich nicht nur verstärkt um die Resozialisierung von Gefangenen kümmern, er ist auch zuständig für den Verbraucherschutz.

Herr Behrendt, Sie leben in Kreuzberg, Sie bewegten sich bislang mit U-Bahn oder Fahrrad durch die Stadt. Künftig fahren Sie in einem eindrucksvollen Dienstwagen vor. Wie wird das im Kreuzberger Ambiente ankommen?

Das ist Teil des Rollenwechsels, den die Regierungsverantwortung mit sich bringt. Klar, in Friedrichshain-Kreuzberg ist man traditionell herrschaftskritisch, aber dort haben rund 75 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die rot-rot-grüne Reformregierung gestimmt. Deshalb glaube ich nicht, dass die Nutzung eines Dienstwagens durch einen grünen Senator ein großes Problem darstellen wird. Aber keine Sorge: Mein Fahrrad verschwindet jetzt nicht im Keller.

Sie haben sich bei Ihrer Arbeit im Rechtsausschuss auffällig ausführlich dem Wohlergehen von Gefangenen gewidmet, von den Besuchszeiten bis hin zu der Frage, ob das Schnüffeln eines Drogenhundes beim Inhaftierten nicht eine Allergie auslösen könne. Die Sicherheit der Allgemeinheit vor Straftätern kam hingegen wenig vor. Bleibt das so?

Das zeichnet ein unvollständiges Bild meiner Arbeit. Ich habe mich auch intensiv um die Arbeitsbedingungen der Vollzugsmitarbeitenden gekümmert, die teils in uralten Gebäuden unter schwierigen Bedingungen arbeiten müssen. Das bleibt eine wichtige Aufgabe. Richtig ist, dass ich mich als Oppositionspolitiker für die Schwachen eingesetzt habe, sei es für psychisch Kranke oder eben für Gefangene. Die Maxime dabei ist für mich: Wir nehmen ihnen die Freiheit, aber nicht die Würde. Deshalb stellt sich immer wieder die Frage, inwieweit das Leben in Haft dem Leben draußen angeglichen werden kann, und inwieweit dies aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist. Nur so können wir die Sicherheit der Allgemeinheit nachhaltig verbessern.

Da draußen jeder im Internet ist, will die Koalition dies auch den Gefangenen ermöglichen. Wie soll das gehen, ohne dass aus dem Knast per E-Mail Straftaten geplant werden?

Mein Vorgänger Thomas Heilmann hat dazu ein Pilotprojekt gestartet, das werde ich mir genau anschauen und, wenn es funktioniert, ausweiten. Denn die Gefangenen, die kurz vor der Entlassung stehen und sich Wohnung oder Arbeit suchen, sind heutzutage auf das Internet angewiesen. Natürlich muss die Kommunikation kontrolliert werden, was aber bei E-Mails, die gespeichert werden, einfacher ist als bei Telefonaten nach draußen. Und es wird eine Liste zugelassener Webseiten geben, die die Gefangenen aufrufen dürfen – etwa die Seiten von Medien oder Wikipedia. Für Gefangene, die das missbrauchen, wird der Netzzugang eingeschränkt, für die anderen sukzessive erweitert. In Norwegen funktioniert dieses Modell seit Jahren. Und Berlin wäre in Deutschland das erste Bundesland, das Internet in den Justizvollzugsanstalten in der Breite einführt.

Berlins Knäste sind in der Regel alt, die Zellen eng. Zwar gibt es jetzt den Neubau in Großbeeren, aber reichen die Haftplätze damit aus?

Die Gefangenenzahlen sind rückläufig und gingen von 5 700 vor ein paar Jahren zurück auf derzeit etwas mehr als 4 000. Das ist eine bundesweite Tendenz, entgegen vieler Prognosen. Wie das in vier, fünf Jahren aussieht, kann jetzt noch niemand realistisch einschätzen. Wir werden dann sehen, wie wir mit einer möglicherweise steigenden Zahl von Gefangenen wieder umgehen.

Und dafür Plätze im benachbarten Brandenburg nutzen, wie es die Grünen ja schon immer wollten...

Das wäre dann denkbar.