Berlin - Frauen sind besonders betroffen, auch Kinder werden in Berlin vermehrt zu Opfern häuslicher Gewalt. Insgesamt gibt es aus Sicht der Gewaltschutzambulanz im Corona-Jahr 2020 mehr Betroffene als noch ein Jahr zuvor. So bedrückend lassen sich die Entwicklungen zu häuslicher Gewalt im Lockdown zusammenfassen. Zur digitalen Pressekonferenz hatte die Senatsverwaltung für Justiz am Mittwoch geladen, Senator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) und die stellvertretende Leiterin der Gewaltschutzambulanz der Charité, Saskia Etzold, blickten gemeinsam auf das Lockdown-Jahr zurück.

Hauptaufgabe der 2014 gegründeten Gewaltschutzambulanz ist, vorerst ohne Kontakt zu Polizei oder anderen Strafverfolgungsbehörden, Betroffene zu untersuchen, Verletzungen rechtsmedizinisch zu dokumentieren und so für ein mögliches späteres Strafverfahren gerichtsfest zu machen. In besonderen Fällen bietet sie außerdem eine zusätzliche Beratung an.

Insgesamt meldeten sich 1661 Betroffene von häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr in der Charité, ein Anstieg von 8 Prozent im Vergleich zum Lockdown-freien 2019. Mehr als die Hälfte der Hilfesuchenden waren Frauen (900 Betroffene), hinzu kamen 352 Männer (21 Prozent) und 405 Kinder (24 Prozent). Ähnlich wie das Hellfeld sei sicher auch das Dunkelfeld gewachsen, in welchem Maße, kann man noch nicht abschätzen, sagte Etzold.

Außerdem beobachtete sie wellenartige Bewegungen der Fallzahlen: Während beider Lockdowns verzeichnete die Gewaltschutzambulanz einen drastischen Rückgang an Fällen, im März um 24 Prozent und im November um 38 Prozent im Vergleich zu den Vorjahresmonaten. Mit allgemeinen Lockerungen stiegen die Fallzahlen wiederum an, im Juni 2020 gab es einen Zuwachs von 29 Prozent im Vergleich zu 2019.

Gewalt gegen den Hals, ausgelöst durch Würgen

„Die Situation eines Lockdowns, wo zwei Leute im Homeoffice oder in Kurzarbeit sind oder ihren Beruf verloren haben, die Schulen geschlossen sind. Die Kinder sind zu Hause, was wollen Sie denn noch für ein Argument bringen, warum Sie jetzt in dieser Situation die Wohnung für ein, zwei Stunden verlassen sollten, um sich untersuchen zu lassen?“ Saskia Etzold sieht nicht nur die wellenartige Arbeit in der Gewaltschutzambulanz – im Lockdown ist wenig, direkt danach wieder sehr viel zu tun –, sondern auch den Anstieg der Zahlen insgesamt als direkte Folge der Covid-19-Pandemie. Stress und finanzielle Sorgen seien bekannte Auslöser für Gewaltverhalten, und „es ist klar, dass wir im letzten Jahr leider viele Menschen hatten, die in diese Situation geraten sind“.

Auch Justizsenator Behrendt sieht in der Zunahme von häuslicher Gewalt einen „der ganz gravierenden negativen Effekte des Lockdowns“. Im Senat sei ein möglicher Anstieg häuslicher Gewalt vor jedem Lockdown intensiv diskutiert worden, einigen konnte man sich immer darauf, dass Hilfestrukturen wie Frauenhäuser und die Gewaltschutzambulanz weiterhin zugänglich bleiben müssen. Der befürchtete quantitative und qualitative Anstieg der Gewalt habe sich dennoch leider bestätigt. Selbst die Zahlen der Berliner Justiz zeigen das: Amts- und Staatsanwaltschaft haben 2020 mehr als 1000 zusätzliche Strafverfahren zu häuslicher Gewalt registriert.

Die Gewaltschutzambulanz der Charité dokumentiert hauptsächlich Fälle stumpfer Gewalt, also Schläge, Tritte, Stürze oder Quetschungen. Daran änderte sich durch die Corona-Krise oder den Lockdown wenig. Verändert hat sich laut Etzold vor allem die Anzahl der Hämatome bei den Betroffenen: „Es ist einfach ein Unterschied, ob man mit einer einzelnen Schlagwirkung zu uns kommt oder ob Sie ungefähr 80 Verletzungen über den gesamten Körper verteilt haben.“

Ebenfalls auffällig im Vorjahresvergleich: sehr häufige Gewalt gegen den Hals, ausgelöst durch Würgen. Betroffen waren auch hier in der großen Mehrheit Frauen, vermehrt aber auch Kinder. Grundsätzlich unterscheiden sich die geschlechtsspezifischen Gewalterfahrungen stark. Häusliche Gewalt bei Erwachsenen ist oft partnerschaftliche Gewalt, Verletzungen bei Männern sind in der Regel Kratzspuren. Dagegen dokumentiert die Gewaltschutzambulanz bei Frauen größtenteils Würgeverletzungen und Hämatome.

Bei fast jedem vierten Fall in der Charité untersuchten die Medizinerinnen und Mediziner 2020 ein von häuslicher Gewalt betroffenes Kind, ein Anstieg um mehr als 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für Saskia Etzold war hier die Welle noch viel stärker sichtbar: „Der Lockdown kam und wir haben fast überhaupt keine Kinder mehr gesehen, der Lockdown öffnete sich und wir hatten einen massiven Anstieg in den Sommermonaten, also Juni, Juli, August. Dann normalisierten sich auch da die Zahlen und im Grunde haben wir seit November einen ganz massiven Rückgang der Kinder, die wir untersucht haben, obwohl der November eigentlich mit zeitlicher Nähe zu den Herbstferien immer ein Monat war, in dem wir recht viele Kinder gesehen haben, aber im Moment spielen Kinder wieder eine sehr geringe Rolle.“

Etzold betont die Bedeutung sozialer Kontrolle im Lockdown: „Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig, die Opfer von Gewalt nicht aus dem Blick zu verlieren. Dieses gilt insbesondere für die Kinder, die während des Lockdowns durch die Schließung von Kitas und Schulen aus der sozialen Kontrolle geraten können.“