Das Gefängnis wird nicht selten als ein Ort betrachtet, an dem Stillstand herrscht. Straftäter sitzen hier ihre Schuld ab, sie warten. Auf ihre Entlassung, auf den Freigang oder den Besuch ihrer Angehörigen. Sie beschäftigen sich mit kleinen Jobs in Werkstätten oder der Küche, um die Tage zu füllen, so die Annahme. Um die Zeit bis zum Haftende zu überbrücken. Doch für manche Gefangenen beginnt mit dem Freiheitsentzug gleichzeitig die erste Berufsausbildung ihres Lebens.

Von den zwölf Häftlingen, die seit der vergangenen Woche im neuen Kompetenzzentrum der Justizvollzugsanstalt Moabit rechnen, werkeln und zeichnen, haben nur zwei eine Lehre absolviert. Die wenigsten haben überhaupt einen Schulabschluss. „Wir wollen hier herausfinden, was unsere Gefangenen können“, sagt Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Er eröffnete das Kompetenzzentrum am Freitag offiziell.

In einer Werkstatt, einem Computerraum und Schulungszimmern sollen Potenziale und Ressourcen der Häftlinge ermittelt werden – und zwar unmittelbar nach der Verurteilung. So können Straftäter von Haftbeginn an entsprechend ihrer Fähigkeiten an Beschäftigungs- und Weiterbildungsangeboten teilnehmen. Dies steigere ihre Chance auf erfolgreiche Wiedereingliederung nach dem Gefängnis, so Behrendt.

Wissen um die Stärken

Die Kurse laufen über 20 Tage mit je vier bis fünf Stunden Übungen pro Tag. Sie beginnen mit einer Selbsteinschätzung, danach testen Psychologen und Sozialarbeiter die Fähigkeiten der Häftlinge in Lesen, Schreiben, Rechnen und handwerklichen Tätigkeiten sowie ihre Sozialkompetenz. Statt Frontalunterricht lösen die Gefangenen praktische Simulationsaufgaben: Sie feilen aus einer Holzspanplatte einen Fisch oder biegen aus einem Metalldraht eine Figur, um ihre Präzision und den Umgang mit Werkzeug zu testen. Sie übertragen PC-Daten oder sortieren Register, um strukturelles Denken unter Beweis zu stellen. Sie vervollständigen Zeichnungen, um zu prüfen, ob sie mit Maßverhältnissen umgehen können.

Jeder Straftäter, der in Berlin rechtskräftig verurteilt wird, landet zunächst in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit, wo eigentlich mehrheitlich Untersuchungshäftlinge einsitzen. Von dort teilt eine Einweisungsabteilung die Menschen auf die Haftanstalten der Stadt auf. „Wissen wir um ihre Stärken und Schwächen, können wir die Gefangenen an der richtigen Stelle ihre Strafe verbüßen lassen“, sagt Wolfgang Fixson, Leiter der JVA Moabit. Alle Anstalten haben unterschiedliche Bildungs- und Beschäftigungsangebote.

Nach einem Monat endet der Kurs mit einer Empfehlung, die in die Entscheidung der Einweisungsabteilung einfließt. „Vielleicht ist jemand in einer Kfz-Werkstatt, einer Schlosserei oder einer Küche richtig aufgehoben. Vielleicht muss er aber auch überhaupt erst einmal wieder ans Arbeiten herangeführt werden.“ Ein möglichst passgenaues Angebot solle für weniger Abbrüche sorgen und vermeiden, dass Menschen auf der Suche nach Orientierung von einer Qualifizierungsmaßnahme zur nächsten gereicht werden.

Neubau für 1,45 Millionen Euro

Jeder Gefangene mit einem Strafmaß vom mehr als 12 Monaten soll an den Kursen teilnehmen. Die Art seines Vergehens und die Jahre des Arrests spielen keine Rolle. Ausgenommen sind Rentner und Menschen ohne ausreichende Deutschkenntnisse, bei denen ein Sprachkurs Priorität hat. Rund 330 000 Euro sind im Haushaltsplan des Senats für das Kompetenzprogramm vorgesehen. Etwa 400 Menschen pro Jahr sollen die Maßnahme absolvieren. Der Neubau im Innenhof der JVA Moabit kostete 1,45 Millionen Euro. Auch in anderen Justizvollzugsanstalten in Berlin, wie im Gefängnis für Frauen oder Jugendliche, existieren Kompetenzzentren.

Wie schwer es nach einer Haftstrafe ist, wieder eine Anstellung zu finden, unterscheidet sich von Fall zu Fall. „Besonders im handwerklichen und baulichen Bereich haben wir schon gute Vermittlungsquoten“, sagt Justizsenator Behrendt. Wie genau diese ausfallen, gibt die Senatsverwaltung nicht an. Doch vermehrt gingen Firmen schon direkt in die Haftanstalten und rekrutierten die Gefangenen bereits vor ihrer Entlassung. Auf der anderen Seite kommen aber auch ernüchternde Zahlen vom Bundesjustizministerium. Einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge wird fast jeder zweite Straftäter in Deutschland innerhalb von neun Jahren rückfällig. In Berlin hat die rot-rot-grüne Regierung im Koalitionsvertrag festgehalten, die Strukturen zur Wiedereingliederung nach der Haftentlassung verbessern zu wollen. Das neue Kompetenzzentrum dürfte dabei zumindest ein Schritt in die richtige Richtung sein.