Berlin - Es muss beeindruckend gewesen sein. Voriges Jahr im Mai flog eine Gruppe leitender Strafvollzugsbeamter aus Berlin nach Tunesien. Es wurde ein Aha-Erlebnis für beide Seiten. Die im Umbruch befindliche Republik in Nordafrika erhofft sich beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft Hilfe von außen – auch bei der Reform des Strafvollzugs. Und den Berliner Gästen verging unterwegs mehr als einmal Hören und Sehen.

„Wir haben bei Tunis ein Gefängnis besucht. Nach unseren Maßstäben sind die baulichen und technischen Bedingungen eine Katastrophe“, berichtet Matthias Blümel, Chef des Berliner Frauen-Gefängnisses. 4 000 Inhaftierte waren in einem Gefängnis untergebracht. Zum Vergleich: In Berlin sitzen derzeit 4 667 Menschen in zehn Haftanstalten, aufgeteilt in 36 Teil- und Einzelanstalten.

Nun war der tunesische Botschafter Elyes Ghariani zum Gegenbesuch in einem Berliner Gefängnis – in der Arkonastraße in Pankow. Dort befindet sich eine von vier Teilhaftanstalten für Frauen in der Stadt, ausgestattet mit 60 Haftplätzen, die alle über eigene Nasszelle mit Dusche verfügen. Was den Diplomaten besonders interessierte: Wie straffällig gewordene Berlinerinnen Computer für tunesische Strafgefangene zusammenschrauben. Dieses Projekt ist das erste greifbare Resultat der deutsch-tunesischen Zusammenarbeit bei der dortigen Justiz-Reform – und durchaus lohnend für beide Seiten.

Sinnvolle Arbeit

„Es ist ein gutes Gefühl, wenn die Arbeit sinnvoll ist“, sagt Cynthia M. Die 32-jährige zweifache Mutter sitzt seit fast zwei Jahren wegen Betrugs ein, ihre Kinder sieht sie einmal die Woche ein paar Stunden. Die Frauen leben in Wohngruppen zusammen. Morgens, halb sieben, ist Aufschluss. Wer kann, geht Arbeiten. In der PC-Werkstatt, der Küche oder der Wäscherei. Nach Feierabend können sich alle Frauen frei auf ihrer Station bewegen, abends um 21.15 Uhr ist Nachteinschluss.

Demnächst kommt Cynthia M. in den Freigang, dann ist das Haftende abzusehen, erzählt sie. Bis dahin schlachtet sie zusammen mit neun anderen Frauen von Ämtern oder Privatfirmen ausrangierte Computer aus, demontiert Festplatten, löscht Dateien und bastelt die Geräte wieder zusammen.

Aus zwei abgelegten PCs wird auf diese Weise ein funktionsfähiger. Für diese Arbeit erhalten die Frauen zwischen 6 und 10 Euro pro Tag. Davon kaufen sie Kaffee, Tabak oder Lebensmittel, die sie in der Küche, die es in jeder Wohngruppe gibt, verarbeiten. Die Mütter unter den Gefangenen leisten sich ab und zu eine Kleinigkeit für ihre Kinder. Es sei interessante Arbeit, sagt Cynthia M. „Vielleicht kann ich damit privat etwas machen, wenn ich draußen bin.“

Seit zehn Jahren läuft das Recyclingprojekt Eco-PC in Pankow, getragen von einer Tochterfirma des Evangelischen Johannesstifts. Bisher gingen die Computer kostenlos an Schulen und andere soziale Einrichtungen in der Stadt. Inzwischen jedoch seien die meisten Berliner Schulen so gut ausgestattet, dass sie mit den Gefängnis-Computern nichts mehr anfangen könnten, sagen die Initiatoren. Ein neuer Abnehmer wurde gesucht.

Reform in kleinen Schritten

Dass dieser nun 1800 Kilometer und einen Kulturkreis weiter gefunden wurde, dass tatsächlich der tunesische Botschafter ein Berliner Frauengefängnis besucht, das hat viel mit Patrick Schneider zu tun. Er ist Abteilungsleiter der IRZ, der deutschen Stiftung für internationale rechtliche Zusammenarbeit, und dort zuständig für Nordafrika und den Mittleren Osten. Schneider hat die Tunesien-Reise der Berliner Gefängnisleiter im Mai organisiert.

Schneider sagt, er habe großen Respekt vor dem Reformwillen der Tunesier. Dieser sei auch mit kleinen Schritten zu unterstützen. So gebe es in der Anstalt bei Tunis für die 4000 Inhaftierten nur zwei alte Computer zur Freizeitbeschäftigung. Nun sollen 200 gute Geräte aus Berlin hinzukommen, 100 von den Frauen aus Pankow, 100 aus dem Jugendstrafvollzug.

Was denn der Botschafter von dem Pankower Frauengefängnis halte? „Ich bin beeindruckt. Wir wären froh, wenn wir in Tunesien bald auch solche Haftbedingungen bieten könnten“, sagte Elyes Ghariani.