Frank Lüdecke, der Chef des Kabaretts Die Stachelschweine
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Der Genuss von frischer Meeresbrise oder klarer Alpenluft rückt ja derzeit in immer weitere Ferne. Weder Bayern noch die Nordländer mögen die risikobehafteten Berliner als Gäste. Auch das einheimische Schmuddelwetter lädt nicht zum Verweilen ein.

Doch wer besonders saubere Luft genießen will, der muss eigentlich nur zum Europacenter reisen – hinunter zum Kabaretttheater „Die Stachelschweine“. Caroline und Frank Lüdecke, seit gut einem Jahr Betreiber des traditionsreichen Hauses, haben die vergangenen Monate genutzt, um die allermodernste Luftfilteranlagen aufzustellen – die mobilen Geräte mussten nicht mal aufwändig eingebaut werden. Eine Präsentation im Haus wirkte am Mittwoch wie eine Varieté-Nummer. Die Filteranlage zerlegte neblige Aerosole binnen weniger Sekunden. Experten auf dem Podium erklärten, dass die ionisierenden Filter nicht einfach die Luft filtern, sondern dass hier alles, vom Staubpartikel bis zum Virus, elektrostatisch sauber zerlegt wird, und dass auch noch mit weniger Energieverbrauch und weniger Geräusch als bei herkömmlichen Filteranlagen.

72 Kubikmeter Luft verbraucht jede Person pro Stunde – und in dem Theater mit seinen hohen Decken und einer derzeit begrenzten Platzzahl kann die Luft pro Vorstellung zehnmal komplett ausgetauscht werden. Rüdiger Kulpmann von der Universität Luzern regte an, dass alle öffentlichen Räume ihre Luftwechselraten ausweisen sollten – das „Stachelschweine“-Theater sei ein vorbildlicher Reinraum.

So sauber und sicher die Luft im Hause ist – kulturpolitisch herrschte auf dem Podium dicke Luft. Denn das Ehepaar Lüdecke, sonst so eloquent und wortgewandt, ist fassungslos darüber, wie absurd ihre Lage ist. Denn einerseits haben sie sich vorbildlich an alle Hygieneauflagen gehalten, sind konstruktiv gewesen und haben einen Eigenanteil zur geförderten Luftfilteranlage beigesteuert. Doch andererseits beklagen sie, dass der kulturblinde Aktionismus der Politik im Allgemeinen und das kontraproduktive Berliner Stadtmarketing im Besonderen all ihre Mühen und Aufwendungen zerstöre – ja in Luft auflöse.

Dabei hatte das Haus Ende August mit dem Programm „Überall ist besser als nichts!“ einen erfolgreichen Neustart vollzogen. Die 70 -100 Plätze, etwa ein Viertel der Platzkapazität, waren einen Monat lang sehr gut ausgelastet gewesen, während andere Kleinkunstbühnen schon über leere Säle klagten. Doch 60 Prozent der „Stachelschweine“ sind Touristen – und die bleiben seit zwei Wochen aufgrund der Reiseregeln weg. Denn keiner reist zum Spaß in ein Risikogebiet und geht nach der Rückreise in Quarantäne. Caroline Lüdecke kann selbst eine Schließung des Hauses nicht ausschließen.

Retten können die „Stachelschweine“ also derzeit nur Einheimische auf der Suche nach Kultur - und sauberer Luft. „Den Besuch bei uns gibt’s bald auf Krankenschein“, lockt Frank Lüdecke. So ganz hat er den Humor noch nicht verloren.