BerlinDas Gespräch wird nach etwa einer halben Stunde jäh durch einen Telefonanruf unterbrochen. André Maeder entschuldigt sich, einer der „Owner“ sei dran. „Hallo René“, sagt Maeder. Was darauf schließen lässt, dass es sich um René Benko handelt, um den Österreicher, der mit seiner Signa-Holding 2013 das KaDeWe übernommen hatte, 2015 wiederum den Mehrheitsanteil (50,1 Prozent) an die thailändische Central Group veräußerte. Nach zehn Minuten kehrt Maeder zurück, gibt weiter Antwort auf Fragen bezüglich der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Handel mit Luxusgütern. Auch sein Haus ist betroffen, klar. Von den ambitionierten Plänen für das Kaufhaus des Westens werde man aber nicht abweichen, sagt der 60-jährige Schweizer.

Herr Maeder, im März dieses Jahres, wenige Tage bevor uns allen allmählich bewusst wurde, dass eine Pandemie erheblichen Einfluss auf uns Leben nehmen könnte, haben Sie in einem Interview für das KaDeWe Folgendes prognostiziert: „Wir stehen vor der glorreichsten Zeit dieses Hauses.“ Stehen Sie immer noch zu dieser Prognose?

Absolut. Und ich sage Ihnen, warum: Unser Haus gibt es seit über 113 Jahren. Und das KaDeWe wird es auch noch in 113 Jahren geben. Tatsächlich verkaufen wir praktisch nichts, was man wirklich dringend braucht. Das KaDeWe ist aber Inspiration, es ist ein Haus für die Stadt und ihre Bewohner, ein Haus der Sinne und der Freude. In seiner traditionsreichen Geschichte hat das Haus viel erlebt, herausfordernde und glorreiche Zeiten, und so wird es auch in der Zukunft sein.

Was macht Sie da so sicher? Sind es die Zahlen? Oder nur ein bestimmtes Gefühl?

Wir verzeichnen stetig steigende Kundenzahlen und steigende Umsätze, wenn man sich die Zeit vor der Pandemie ansieht. Und das, obwohl wir uns mitten im Umbau befinden. Was wir wissen, ist, dass es in einer großen Stadt Entertainment braucht, eine Destination, wo man etwas Gutes essen kann, etwas trinken kann, unabhängig davon, ob man zusätzlich noch etwas kauft oder nicht. Man muss eine Nische besetzen und den Kunden auf besondere, persönliche Art und Weise ansprechen, dann hat man eine sehr gute Grundlage. Grundsätzlich muss man ein Erlebnis bieten.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
„Man muss wie ein Chamäleon sein“: KaDeWe-Chef André Maeder.

Mit dem man in diesen Tagen infolge der Corona-Pandemie gegen eine tiefgreifende Tristesse ankämpft.

Der Einzelhandel war schon immer abhängig von der Stimmung im Land, wobei das im Moment natürlich ein bisschen mehr ist als eine „Stimmung“. Am besten geht es uns, wenn Deutschland Fußballweltmeister wird. Wenn es allzu viele schlechte Nachrichten gibt, ist das nicht gut für das Geschäft. Das war immer schon so und wird auch immer so bleiben.

Gab es in den vergangenen Wochen nicht doch mal eine Krisensitzung auf höchster Ebene?

Keine Krisensitzung, aber natürlich führen wir regelmäßig Gespräche mit unseren Inhabern, der Central Group aus Thailand und der Signa-Gruppe aus Österreich, und tauschen uns aus. Alle Gesellschafter sind ganz nah dran am Geschäft, sind Spezialisten. Sie kennen den Einzelhandel, sie wissen, was wir machen, und unterstützen diesen Weg.

Es gab bezüglich der Vision also keine Korrekturen?

Nicht im Großen, auf keinen Fall. Wir werden unsere Pläne wie vorgesehen umsetzen. Der Masterplan für den Umbau steht. Allerdings hat uns der eine oder andere Partner gebeten, den Bau des geplanten Shops später anzufangen. Das sind normale Anpassungen, wie sie zum Geschäft gehören. Das hat nichts mit unserer Vision oder Strategie zu tun.

Verzögert sich durch Corona der Umbau?

Wenn Sie nicht über eine oder zwei Wochen sprechen, kann ich sagen: Nein! Im Großen und Ganzen sind wir voll im Rennen, was den Zeitplan anbelangt.

Mussten Sie die Mitarbeiter zuletzt des Öfteren beruhigen?

Natürlich gab es diese Momente, vor allem zu Beginn der Pandemie. Was die Mitarbeiter sehen, ist, dass die Umbauarbeiten und Werbeaktionen weitergehen, dass wir ein wunderschönes Weihnachtshaus aufgebaut haben. Dieses Investment zahlt auch auf Stimmung und Atmosphäre ein. 

Zur Person

André Maeder, 60, ist seit Januar 2014 Chief Executive Officer der KaDeWe Group, zu der neben dem Kaufhaus des Westens das Oberpollinger in München und das Alsterhaus in Hamburg zählen. Zuvor war der gebürtige Berner, der bereits als 20-Jähriger beim Schweizer Warenhaus ABM als Verkaufsleiter für 100 Mitarbeiter verantwortlich war, in leitender Funktion unter anderem bei der Charles Voegele AG, bei Hugo Boss, S. Oliver und Harrods, dem wohl berühmtesten Kaufhaus der Welt, tätig.

Auch die großen Luxusgüterkonzerne berichten von drastischen Umsatzeinbrüchen. Und fast alle sind mit ihren Marken in Ihrem Haus präsent. Ist diese Abhängigkeit eine Gefahr für das KaDeWe?

Ich würde eher von einer engen Partnerschaft sprechen. Wir haben immer gesagt, dass fast die Hälfte des Investments für unseren Umbau von unseren Partnern kommt, von Gruppen wie Kering, LVMH, Boss. Sie alle sind von uns und unserem Konzept überzeugt. Daran hat sich nichts geändert.

Dank der medizinischen Forschung und der Aussicht auf den baldigen Einsatz eines Impfstoffes gibt es nun tatsächlich eine Perspektive. Aber mal ehrlich: Gab es bei Ihnen im vergangenen Jahr nicht doch mal einen Moment des Zweifels?

Das soll jetzt nicht überheblich wirken, aber ich war mir immer sicher: Wir sind auf dem richtigen Weg. Natürlich muss man in so einer Phase Maßnahmen ergreifen, sich fragen: Wie kauft man ein? Was kauft man ein? Wie setzt man die Werbeaktionen um? Man kann nicht einfach so weitermachen wie sonst, das ist klar. Man muss da wie ein Chamäleon, flexibel sein und gleichzeitig die langfristigen Ziele weiterverfolgen. Das ist uns gelungen.

Sie haben Kontakt zu den anderen großen Einkaufshäusern in Europa. Zu Selfridges beispielsweise oder zu Harrods in London. Wie sind da die Rückmeldungen aus der Krise?

Viele davon waren lange Zeit geschlossen und sind auch jetzt wieder betroffen. Das ist um einiges härter. Wir sind alle in der gleichen Situation und müssen jetzt die richtigen Schritte gehen, um das zu überstehen. Die Besucher werden wiederkommen.

Ist der Mangel an Touristen derzeit das große Problem eines Department Stores wie des KaDeWe? Und vielleicht auch der große Unsicherheitsfaktor fürs kommende Jahr, da man ja nicht weiß, welche Entwicklung das nimmt?

Wir denken da in Stufen. Es gibt die Berliner und die Menschen in Hamburg und München, wo wir mit dem Alsterhaus und Oberpollinger ebenfalls präsent sind. Dann gibt es die deutschen Touristen, die für uns sehr wichtig sind, für alle drei Häuser. Da reden wir über Gäste, die übers Wochenende kommen oder in den Ferien. Diese deutschen Touristen fehlen uns in diesen Tagen sehr, da das Reisen stark eingeschränkt ist. Sie kommen allerdings im Frühjahr, wenn sich die Situation bis dahin tatsächlich entspannen sollte, am schnellsten zurück. Dann gibt es die europäischen Kunden aus unseren Nachbarländern. Die Dänen kommen nach Hamburg, die Österreicher und Schweizer nach München, aber auch hierher. Und viele andere Europäer eben nach Berlin, weil das hier eine coole Stadt ist.

Und was ist mit den Luxusgüter-Aficionados aus China und Japan?

Das ist die dritte Stufe, die wahrscheinlich am schwersten voraussehbare. Das wird über das Frühjahr hinweg dauern und sich dann langsam wieder aufbauen. Wie schnell, hängt sicherlich auch davon ab, wie lange der Impfprozess dauert und flächendeckend geimpft wird. Wenn ich aber aktuelle Fernsehbilder aus China sehe, wie dort das normale Leben wieder zurück ist, dann bin ich optimistisch.

Sie wollen die Marke KaDeWe nun auch im digitalen Geschäft positionieren, mit einem Onlineshop, der Mitte des Jahres eröffnet wurde. Ist das eine Reaktion auf die Pandemie?

Ja und nein. Der Plan war ursprünglich, dass wir im Frühjahr 2021 unseren E-Commerce-Shop launchen. Die Geschäftsleitung hat im ersten Lockdown entschieden, eine Speedversion zu lancieren. Innerhalb von nur sieben Wochen, anfangs als eine Art Pop-up, haben wir einen neuen Shop aufgemacht, den wir jetzt kontinuierlich weiter ausbauen. Also ja, es war eine bewusste Beschleunigung aufgrund des Lockdowns.

Die einen doch sehr unfertigen Eindruck vermittelt.

Da gab es am Anfang Kinderkrankheiten, aber die notwendigen und wichtigsten Features sind da. Und sicherlich müssen wir lernen, die Sortimente noch besser auf die Bedürfnisse der Online-Kunden ausrichten. Das ist wie ein Kind, das wachsen muss.

Wie ist die Umsatzerwartung?

In Deutschland werden 20 Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel mit E-Commerce gemacht und 80 Prozent im stationären Handel. Und wenn Sie das jetzt auf uns anwenden, auf die Startphase, sind wir nur noch ein gutes Stück von den 20 Prozent entfernt. Aber wir werden Schritt für Schritt unsere Ziele erreichen.

Hat man mit so einem Onlineshop gegen Konkurrenten wie Farfetch oder MatchesFashion überhaupt eine Chance?

Das ist nicht 1:1 vergleichbar. Im gesamten Kontext hat er aber schon eine gute Chance, weil der Kunde keine Kanal-, sondern eine Markenentscheidung trifft. Zunächst ist es immer eine Bedarfsentscheidung. Brauche ich Kleidung für den Garten, für den Strand – oder einen Smoking? Danach trifft man eine Markenentscheidung mit der Frage: Gehe ich ins KaDeWe oder in einen anderen Store? Fakt ist: Ohne direkten digitalen Draht hat man einen Informationsrückstand gegenüber den oben genannten Companies im E-Commerce-Geschäft. Man kann aber auch umgekehrt fragen: Hat Farfetch auf Dauer eine Chance ohne Läden? Wir haben beides.

Wahrscheinlich muss man da tatsächlich mitgehen, weil Corona die Migration von Luxusgütern ins digitale Geschäft weiter beschleunigt. Aber konterkariert das nicht die eherne Regel des KaDeWe, dass die enge Bindung zum Kunden oberste Priorität hat? Oder dass man sich als Trutzburg des Handels mit Luxusgütern sieht?

Es ist nun mal so, dass nicht alle Kunden um die Ecke wohnen. Man muss also auch ihnen die Chance eröffnen, sich die Sachen schicken zu lassen. Und jetzt komme ich zu meinem Lieblingsthema: nämlich, dass der Kunde entscheiden können sollte, wann er etwas kauft. Im stationären Handel brauchen wir 24/7 gar nicht, aber zumindest brauchen wir 7, soll heißen, dass wir auch am Sonntag geöffnet haben dürfen. Es kommt ja immer wieder das Argument der „armen Verkäufer, die am Sonntag arbeiten müssen“. Wir machen da eine ganz andere Erfahrung, und immer wenn wir wegen den verkaufsoffenen Sonntagen bei uns die Bereitschaft abfragen, haben wir mehr Personal, als wir an dem Tag brauchen. Unsere Mitarbeiter können an einem anderen Tag freinehmen und erhalten einen Zuschlag für die Arbeit am Sonntag.

Aber Ihre Vorstöße dahingehend scheinen keine Wirkung gezeigt zu haben.

Politik und Gewerkschaften sind nicht überzeugt, das ist richtig. Aber letztlich würde ich diese Entscheidung doch den Mitarbeitern und den Bürgern überlassen.

Eine letzte Frage: Was erwarten Sie sich vom Weihnachtsgeschäft?

Wir haben ein anderes Weihnachtsgeschäft als in den Jahren zuvor, schon allein, weil wir weniger Gäste im Store haben. Aber tatsächlich ist unser ganzes Haus wie ein großer Weihnachtsmarkt. Und wir haben eine Verpflichtung gegenüber der Stadt. Gerade weil die Weihnachtsmärkte nicht so stattfinden wie gewohnt. Wir haben den Wunsch, den Menschen Freude zu schenken. Den großen Weihnachtsbaum und Glitzer zu sehen, die ganze weihnachtliche Atmosphäre. Und in eine andere Welt abzutauchen. Wir können viel dazu beitragen, dass die Stimmung in der Bevölkerung positiv bleibt. Das KaDeWe ist geöffnet – das ist doch wunderbar!