Berlin - Helfer im Dauereinsatz, übervolle Notunterkünfte, die Teams der Kältebusse lange nach Schichtende noch unterwegs und viele Berliner, die Suppe, Tee und Schlafsäcke bringen: Dass bei den eisigen Temperaturen der vergangenen Woche in dieser Stadt kein Obdachloser erfroren ist, ist vor allem den vielen Helfern zu verdanken. Die Unterstützung war groß, und sie kam an. Das ist die gute Nachricht. Und doch wäre es zu kurz gegriffen, sich darüber zu freuen – im Angesicht von etwa 6000 notleidenden Menschen auf den Straßen.

„Die Kältehilfe hat gut funktioniert, aber sie muss eine Notlösung bleiben“, sagt Ortrud Wohlwend. Sie ist Sprecherin der Berliner Stadtmission, die einige der größten Übernachtungsstätten für Obdachlose betreibt und vor vielen Jahren den ersten Kältebus etablierte. „Das eigentliche Ziel muss doch sein, Menschen aus der Wohnungslosigkeit zu holen und wieder in die Regelsysteme der Unterstützung zu bringen.“ Die Kältehilfe verarzte nur die Symptome der Politik, die in Brüssel, im Kanzleramt oder im Abgeordnetenhaus gemacht werde.

Die Kältebilanz des Senats

Der Senat zeigt sich zufrieden mit der Kältebilanz. „Die Auslastung der Notunterkünfte lag im Februar bei rund 92 Prozent“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Sozialverwaltung. Dennoch war etwa das Schlafhaus in der Lehrter Straße oft überbelegt. Eigentlich finanziert der Senat in der größten Unterkunft der Stadt 121 Plätze, in manchen Nächten kamen jedoch mehr als 170 Schutzsuchende. „Die zentralen Unterkünfte, die die ganze Nacht geöffnet haben, sind natürlich besonders begehrt“, sagt sie.

In den Hangars im ehemaligen Flughafen Tempelhof seien dagegen auch in den sehr kalten Nächten noch mehr als die Hälfte der Plätze freigeblieben. Die zwei Hallen hatte der Senat zusätzlich geöffnet, als die große Kälte sich abzeichnete. So standen insgesamt 1200 Schlafplätze zur Verfügung. Das sind 200 mehr, als eigentlich geplant – und so viele wie noch nie in der Geschichte der Kältehilfe.

Kältehilfe wird verlängert

„In der Gesamtauswertung deutet sich an, dass wir mit den Kapazitäten in diesem Winter gut hingekommen sind“, sagt Kneiding. Im Januar waren jede Nacht im Schnitt 86 Prozent der Plätze belegt. Dennoch denkt die Senatsverwaltung darüber nach, das Angebot im kommenden Winter auf 1500 Plätze aufzustocken.

Auch wird mit den Bezirken zu klären sein, welche Notquartiere wegfallen und wo Ersatz bereitsteht. „Allein in Mitte sind es zwei Standorte, die nur diesen Winter zur Verfügung standen“, sagt SPD-Stadtrat Ephraim Gothe. Fest steht bereits, dass die Kältehilfe im kommenden Jahr zwei Monate länger zur Verfügung stehen wird: Von Anfang Oktober bis Ende April statt von November bis März.

Nicht jeder möchte in eine Notunterkunft

Auch der Kältebus weitet dann seine Betriebszeiten aus. Es dürften mehr als 1000 Anrufe sein, die bei den mobilen Helfern in der vergangenen Woche eingingen. Allein in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag, den wohl kältesten Stunden des Jahres, klingelte das Telefon mehr als 500 Mal – und überlastete die Helfer, die die Frierenden nachts mit Kleinbussen in die Notunterkünfte bringen.

„Nicht jeder möchte in eine Notunterkunft“, sagt Ortrud Wohlwend und richtete an Passanten, die Menschen in Notlagen beobachten, die Bitte: „Sprechen Sie Obdachlose immer erst an.“ Manche fürchteten die Enge der Räume voller Isomatten, andere seien verstört, führten ein Eremitenleben nur mit dem nötigsten Kontakt zur Außenwelt.

„Ein kleines Gespräch vor dem Anruf verhindert unnötige Fahrtwege und blockierte Leitungen“, sagt die Sprecherin. Um die vielen Anrufe zu bewältigen, habe man vor einigen Tagen ein Call-Center eingerichtet. Insgesamt sechs Hilfetransporter waren in den vergangenen Tagen in der Stadt unterwegs. Zu den drei Bussen der Kältehilfe kamen ein Van der Firma Vattenfall, ein spontan zur Verfügung gestelltes Fahrzeug der Sozialverwaltung sowie der Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Mehr Hilfe für Rollstuhlfahrer

Die DRK-Helfer berichten, dass sie auf immer mehr Obdachlose im Rollstuhl oder mit Behinderung treffen. „Hier ist ein Anstieg festzustellen“, sagt Regina Radke-Lottermann, Sprecherin des Landesverbands. „Die Versorgungs- und Unterstützungsmöglichkeiten für Rollstuhlfahrer und Kranke müssen besser werden.“ Es fehle zum Beispiel an Notunterkünften mit barrierearmen Zugängen.

In der Lehrter Straße stehen immerhin drei Schlafplätze für Rollstuhlfahrer zur Verfügung, doch auch hier wünscht man sich eine Art Pflegestation, um gezielt Menschen mit besonderen Bedürfnissen betreuen zu können.

„Außerdem fehlt es an Angeboten und Sprachmittlern für EU-Bürger aus Ost- und Südosteuropa, die in Berlin auf der Straße leben“, sagt Radke-Lottermann. In vielen Nächten belegen Menschen aus Polen mehr als die Hälfte aller Schlafplätze in der Lehrter Straße. Im September wurde lange über die zumeist von Osteuropäern bewohnten Zeltcamps im Tiergarten diskutiert, nachdem ein eigentlich ausreisepflichtiger, vorbestrafter Tschetschene eine 60-Jährige überfallen und ermordet hatte.

Es muss jedem geholfen werden

An der ersten Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe im Januar nahmen auch Vertreter der polnischen Botschaft teil. Bisher folgten der Absichtserklärung, polnische Sozialarbeiter nach Berlin zu schicken, aber keine Taten. Generell dürfen sich EU-Bürger in jedem Staat aufhalten. Sie können nicht ausgewiesen werden, müssen sich also selbst zur Ausreise entschließen. Sozialleistungen beziehen sie nicht. Da viele Angebote nur für Menschen mit Anspruch darauf gelten, leben die Leute in Berlin oft außerhalb jeder Hilfsstruktur.

„Falsch wäre der Ansatz, in Deutschland die sozialen Probleme anderer Länder lösen zu wollen“, sagt Maik Penn, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Es muss jedem geholfen werden, das steht außer Frage. Aber eine generelle Versorgung sendet falsche Signale. Osteuropäischen Obdachlosen muss vor allem in ihren Heimatländern eine Perspektive geboten werden.“

Wie das funktionieren kann, darüber sollte die Stadt weiter debattieren. Am besten lange vor dem nächsten Herbst.