Kältehilfe: Steigende Zahl von Obdachlosen verschärft Lage in Berlin

Für Ortrud Wohlwend ist es jedes Jahr ein kleines Wunder, dass die Kälthilfe für Berlins Obdachlose noch immer funktioniert. „Dieses System trägt die Last der ganzen Stadt“, sagt die Sprecherin der Stadtmission. Doch es ächzt schon lange. Ab 1. November wird das traditionelle Hilfenetz für Menschen auf der Straße wieder aufgespannt - bis Ende März. Doch es ist nicht mitgewachsen für die steigende Zahl der Obdachlosen. Was nun?

Zum ersten Mal will der Sozialsenat in diesem Winter 1000 Schlafplätze pro Nacht finanzieren, 80 mehr als im vergangenen Jahr. Fünf Millionen Euro mehr sind im neuen Doppelhaushalt für 2018 und 2019 beispielsweise für Suppenküchen oder Notübernachtungen eingeplant - zusätzlich zu den bisher 4,1 Millionen Euro pro Jahr. Ausreichen wird das aber wahrscheinlich nicht. Und die Rufe nach neuen Konzepten werden lauter.

Bis zu 10.000 Obdachlose leben in Berlin

„Niemand hat eine Lösung, das ist ein vielschichtiges Problem“, sagt Karin Rietz, Pressereferentin von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Es fängt damit an, dass es keine Zahlen über Obdachlosigkeit in der Hauptstadt gibt. Schätzungen schwanken zwischen 4000 und mehr als 10.000 Menschen. „Daran beteiligen wir uns nicht“, betont Rietz. 2018 solle die Datenlage verbessert werden, um den Bedarf genauer zu planen.

Doch wie lassen sich Menschen zählen, die nirgendwo gemeldet sind und Behörden aus dem Weg gehen? Eine klare Antwort darauf hat der Sozialsenat noch nicht. Dazu kommt, dass die Koordination der Nothilfe Sache der Bezirke ist und bleiben soll. Ein „gesamtstädtische Konzept“ sei dennoch in Arbeit.

Auch Wohlwend kennt keine Zahlen für ganz Berlin. Doch allein in der Bahnhofsmission am Zoo ist die Zahl der Bedürftigen in den vergangenen Jahren von 400 bis 500 auf 600 bis 700 gestiegen - pro Tag und das ganze Jahr über. Die Kältehilfe-Notübernachtung in der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof hat 120 Plätze. Oft seien in den vergangenen Wintern mehr als 200 Menschen pro Nacht gekommen, berichtet die Sprecherin. Und das seien keine kalten Winter gewesen.

Debatte über Abschiebungen von Obdachlosen

Das System funktioniere nur noch, weil ehrenamtliche Helfer einsprängen und viele Spenden flössen, bilanziert Wohlwend. Hunderttausende Euro seien das inzwischen allein bei der Stadtmission. In der Kältehilfe haben sich traditionell viele Kirchengemeinden und Wohlfahrtsträger zusammengeschlossen. Es gibt Kältebusse, Nachtcafés und Übernachtungsplätze. Das oft lautlose Abfedern von Zusatzkosten habe aber auch einen großen Haken, sagt die Sprecherin. „Es gab keine politische Entscheidung. Das ist alles sehr lange ausgesessen worden.“

Wohlwend klingt fast erleichtert, dass Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) mit Blick auf campende Obdachlose aus Osteuropa im Tiergarten jüngst das Wort Abschiebung in den Mund nahm. Nicht weil die Stadtmission, Teil der Evangelischen Kirche, Abschiebungen gutheißen würde - im Gegenteil. Aber das drastische Wort führte dazu, was von Dassel bereits bei seinem Ruf nach Sperrbezirken für Straßenprostitution im Sommer wohlkalkuliert erreichen wollte: Dass es endlich einmal eine Debatte darüber gibt.

Viel Obdachlose aus Osteuropa

Als die Berliner Kältehilfe 1989 startete und zum Vorbild für andere Großstädte wurde, war die Gruppe der Obdachlosen fast homogen. Der harte Kern bestand aus Männern aus Deutschland zwischen 35 und 55, die in ihrem Leben etwas aus der Bahn geworfen hatte, oft Trennungen und Arbeitslosigkeit. Manchmal zeigten sich bereits psychische Probleme oder eine Drogenkarriere - manchmal begann das erst auf „Platte“. Ein Jahr auf der Straße, und ein Mensch kommt da nur schwer wieder weg - so lautet eine Faustformel von Sozialarbeitern.

Dass Obdachlosigkeit neue Ursachen hat, zeigt sich nicht erst seit diesem Herbst, und nicht allein im Tiergarten. Viele Menschen ohne Bleibe kommen heute aus der EU, meist aus Osteuropa. Sie können sehr jung sein oder auch sehr alt. Manche suchten hier Arbeit und scheiterten. Andere fanden in ihrer Heimat kein soziales Netz.

Insgesamt gibt es nach den Beobachtungen des Sozialsenats mehr Frauen auf der Straße als früher, mehr chronisch Kranke und Behinderte - und als Ausnahme inzwischen sogar Familien. Und Obdachlose sind in der Stadt generell sichtbarer als früher. Unter ihnen gibt es Zusammenhalt, aber auch Missgunst und Gewalt. Die Claims sind abgesteckt. Werden Quartiere geräumt, entstehen anderswo neue.

Mehr Streetworker und Dometscher?

Räumen sei keine Lösung, sagt auch Senatorin Breitenbach. Auf gesetzlicher Basis gibt es für die Stadt außer Sicherheits- und Ordnungsvorgaben aber kaum Handlungsmöglichkeiten. „Obdachlose sind Menschen mit Rechten“, betont Sprecherin Rietz. Freizügigkeit in EU-Staaten sei eines davon. Dazu kommen der Zuzug und der Anstieg der Mieten im Zentrum der Hauptstadt. Es ist kaum noch möglich, neue Räume für die Ärmsten zu finden.

Auch Stadtmissions-Sprecherin Wohlwend hat keine Lösungen parat - aber Vorschläge. Viele Obdachlose kämen aus Polen. „Was spricht gegen ein Abkommen zwischen Deutschland Polen auf gegenseitige Hilfe?“, fragt sie. „Ein EU-Land kann doch seine Staatsbürger nicht einfach aufgeben.“ Sie hätte auch nichts gegen die Erfassung von Personalien, wenn ein Obdachloser Hilfe ablehne. Einige Menschen liefen vor Haftstrafen in ihrer Heimat davon. „Wir sind die Guten. Aber wir sind nicht blauäugig.“

Gleichzeitig wünscht sich Wohlwend mehr Streetworker und Dolmetscher, die Menschen auf der Straße ganz nah sind. „So haben wir die Familie eines Obdachlosen in Polen gefunden. Sie hat ihn bei uns abgeholt und aufgenommen. Sie dachten, er wäre tot.“ Solche Lösungen aber seien noch die große Ausnahme. (Ulrike von Leszczynski, dpa)