Angela Davis am Berliner Oranienplatz: „Freiheit ist ein ständiger Kampf“

Vor zehn Jahren besetzten Geflüchtete den Oranienplatz in Kreuzberg. Zur Jubiläumsfeier kam Angela Davis, Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus den USA.

Nicht im Aktivismus-Ruhestand: Angela Davis am Donnerstag auf dem Oranienplatz in Kreuzberg.
Nicht im Aktivismus-Ruhestand: Angela Davis am Donnerstag auf dem Oranienplatz in Kreuzberg.dpa/Wolfgang Kumm

Am Oranienplatz steht wieder ein weiß-blaues Zelt. 2012 stand es in der Mitte des Platzes, nun haben Aktivisten es am Eingang zur Dresdner Straße aufgestellt, hinter einer Bühne, auf der Konzerte, Reden und Performances stattfinden. Das Zelt ist ein Symbol für die Proteste Geflüchteter von 2012 bis 2014, ihr Camp stand damals auf diesem Platz. „Die Menschen sind wie das Zelt“, sagt Mitorganisatorin Napuli Paul vom O-Platz Refugee Movement, während sie schwarze Farbe in einem Siebdruckrahmen verteilt. „Wir sind zwar nicht mehr sichtbar am Oranienplatz, aber wir sind immer noch hier und kämpfen.“ Das zehnjährige Jubiläum der Besetzung feiern Besucher und Organisatoren noch bis Sonntag unter dem Motto „Baustelle Migration“.

Am 6. Oktober 2012 waren die Geflüchteten nach einem 28-tägigen Marsch aus Würzburg in Berlin angekommen. Zehn Jahre später steht die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis am O-Platz auf der Bühne und unterstützt ihren Kampf mit einer Rede. In den USA setzte das FBI sie in den 1970er-Jahren auf die Liste der meistgesuchten Verbrecherinnen –  in der DDR und anderen sozialistischen Ländern war sie eine Symbolfigur für die Revolution. Sie ist 78 Jahre alt und hat sich nicht zur Ruhe gesetzt.

Davis hebt in ihrer Rede vor allem die Kämpfe von Frauen hervor, Schwarzen Frauen. Die Bekanntheit ihres eigenen Namens habe vor allem damit zu tun, dass Menschen auf der ganzen Welt sich einst dafür eingesetzt hätten, ihr Leben zu retten, sagt sie. „Eine Million Rosen für Angela“ hieß damals die Solidaritätskampagne zur Freilassung der Philosophin und Black-Power-Aktivistin. Millionen Briefe erreichten sie in ihrer Gefängniszelle in San José, viele davon aus der DDR. Nach ihrer Haftentlassung 1972 besuchte sie Ostberlin, Magdeburg und Leipzig, um sich bei ihren Unterstützern zu bedanken.

An diesem Donnerstag sind vor allem Schwarze und People of Color gekommen und hören ihr zu, Hunderte Menschen füllen den kleinen Teil des Platzes zwischen Containern und zusammengenagelten Brettern, auf denen Fotos vom Protest vor zehn Jahren ausgestellt sind. Der Name der Aktionstage, „Baustelle Migration“, soll vor allem auf die Arbeit verweisen, die die Bewegung geleistet hat.

Angela Davis bei ihrer Rede: „Wir müssen Gefängnisse und Polizei abschaffen“, forderte die 78-Jährige.
Angela Davis bei ihrer Rede: „Wir müssen Gefängnisse und Polizei abschaffen“, forderte die 78-Jährige.Gerd Engelsmann

Die Gesichter in die Abendsonne gereckt, erwarten Aktivistinnen, von Rassismus Betroffene und Unterstützerinnen gespannt ihr Idol. Die Luft vibriert, es ist eng, aber alle achten aufeinander. „Willst du weiter nach vorne?“ oder „Ist alles okay?“, fragen die Menschen einander. Zur Einstimmung skandieren sie Demosprüche: „Freedom of movement is everybody’s right!“

Das war auch der Kern der Forderungen der Proteste am Oranienplatz. Sie richteten sich gegen die Residenzpflicht, die Unterbringung in „Lagern“, die Versorgung mit Essen und Kleidung in Form von Gutscheinen und gegen Abschiebungen. Banner auf der Bühne erinnern daran. Schon vor Beginn der Rede muss die Straße gesperrt werden, weil immer mehr Menschen kommen.

Ein Gruß an die feministischen Proteste im Iran

Dann betritt Angela Davis endlich die Bühne. Zu Beginn ihrer Rede vergisst sie den Namen des Platzes. „O-Platz“, ruft eine Frau aus dem Publikum ihr zu. Davis öffnet den Rahmen weit, sie spricht von vielen aktuellen und historischen Kämpfen von Unterdrückten und marginalisierten Menschen, verknüpft sie immer wieder miteinander und mit dem Kapitalismus. Besonders laut jubelt das Publikum, als sie sagt, dass Deutschland die Schuld des Holocausts nicht durch die Vermeidung jeglicher Kritik am israelischen Staat mindern kann. Als sie über die feministischen Proteste im Iran spricht, rufen alle laut Mahsa Aminis Namen und hören erst auf, als sich Davis laut bedankt. 

Im Gefängnis hat sie vor allem erfahren, dass dieses System keinen Sinn macht. „Wir müssen die Möglichkeit der Reform aufgeben und Gefängnisse und Polizei abschaffen“, sagt sie und wirkt dabei jung und kämpferisch wie eh und je. Ihre unverwechselbare Stimme hallt in den Berliner Abend.

„Willst du weiter nach vorne?“: Das Publikum war begeistert. Und nahm aufeinander Rücksicht
„Willst du weiter nach vorne?“: Das Publikum war begeistert. Und nahm aufeinander RücksichtGerd Engelsmann

Für Koray Yılmaz-Günay vom Migrationsrat Berlin steht die Selbstermächtigung der Geflüchteten beim Jubiläum im Vordergrund. „Zum ersten Mal seit den 90er-Jahren haben damals Geflüchtete eine vernehmbare Bewegung aufgebaut“, sagt er. „Sie haben gemeinsam Forderungen formuliert und dafür gesorgt, dass Medien, Politik und Verwaltung die desolaten Zustände zur Kenntnis nehmen und verändern.“

Der Kampf ist nicht vorbei, wie Angela Davis auf der Bühne betont. „Die weiße Vorherrschaft ist resilient, sie kommt immer wieder zurück“, sagt sie. „Freiheit ist ein ständiger Kampf!“