Es sind fast 300 Kilometer von Erfurt nach Berlin, doch das Ergebnis der Thüringer Wahlen wirkt bis in die Berliner Landespolitik nach. Die Haltung schwankt zwischen Jubel, Erschrecken, Mitleid und der Floskel, dass man den Parteifreunden in Thüringen keinesfalls reinreden wolle.

So ganz ohne Haltung zu der Frage, ob angesichts der Konstellation nun eine Koalition von Linkspartei mit CDU opportun oder gar wünschenswert sei, geht’s aber bei den Wahlsiegern des Abends dann doch nicht. „Ich kann mir das, ehrlich gesagt, nicht vorstellen“, sagte die Berliner Linkspartei-Chefin Katina Schubert am Montag dem Tagesspiegel. Aber natürlich wolle sie ihren Genossen „keine klugen Ratschläge geben“. So oder so stünden der „riesigen Freude“ die AfD-Stimmen entgegen. Und diese seien „bitter“, so Schubert via Twitter.

Kai Wegner vernimmt aus Thüringen „Schockwellen“

Der Berliner Ableger des Co-Wahlsiegers AfD hat eine andere Koalition im Blick: „Nun liegt es an den anderen Parteien, wie sie sich entscheiden: Für eine Einbindung des Wahlsiegers AfD und damit für eine stabile bürgerliche Regierung mit CDU und gegebenenfalls FDP“, schreibt Parteichef Georg Pazderski auf Twitter. „Oder für eine nationale Front unter Führung des SED-Nachfolgers gegen die AfD. Realistischerweise erwarten wir diesmal noch letzteres.“ Im Übrigen wünsche er Björn Höcke „eine geschickte Hand“ bei der „weiteren Entwicklung unserer Partei zum Sprachrohr aller Bürgerlichen“, so Pazderski.

Bei der Berliner CDU verschwendet niemand öffentlich einen Gedanken an eine Regierungsbeteiligung der AfD. Parteichef Kai Wegner vernimmt aus Thüringen „Schockwellen“. Dabei müsse weiter klar sein: „Keine Koalition mit der Linkspartei und der AfD.“ CDU-Fraktionschef Burkard Dregger verwies im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf, dass „der Ministerpräsident und seine Regierung abgewählt“ wurden. Genau das werde Rot-Rot-Grün in Berlin in zwei Jahren auch geschehen, sagte Dregger.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja: Wiedereinzug ist ein großer Erfolg

Mit diesem Bündnis beschäftigte sich auch Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Rot-Rot-Grün in Thüringen hätte ein besseres Ergebnis verdient gehabt“, sagte Kapek. „Sie machen in Erfurt vielleicht sogar bessere Arbeit als wir in Berlin, ruhiger und solidarischer. Die Zänkereien, die wir uns hier leisten, haben die jedenfalls alle nicht“, so Kapek.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh würde Rot-Rot-Grün gerne um die FDP erweitern. Das sei „sicher keine Liebesheirat, aber in schwierigen Zeiten müsse man manchmal auch ungewöhnliche Wege gehen“.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja wertet Thüringen als ein „besonderes Bundesland“, was durch die extreme Fokussierung auf die Spitzenkandidaten von Links und Rechts nicht einfacher geworden sei. Der Wiedereinzug der FDP sei ein großer Erfolg. „Dieser Wahlerfolg zeigt auch, dass die Menschen die derzeitigen gesellschaftspolitischen Debatten leid sind und zurück zu einer sachorientierten, pragmatischen Politik wollen“, sagte Czaja.