Kairo: Eine Weltstadt, durch die man sich treiben lassen kann

Unser Autor kommt aus Kairo. Er findet, auch in der bevölkerungsreichsten Stadt Afrikas könne man ganz locker bleiben.

Kairo.
Kairo.imago/Tamboly

Seit meiner Ankunft in Berlin Anfang November gibt es einen Satz, den ich immer wieder von den Expats dieser Stadt höre: „Du bist jetzt in Berlin, nicht in Deutschland.“ Das ist eine ganz nützliche Erkenntnis für mich in dieser Stadt, in diesem Land, das ich gerade zum ersten Mal besuche. Aber es ist auch eine, die mich an meiner Heimatstadt erinnert – denn genau so kann man das auch in Kairo über Ägypten sagen.

Trotzdem gibt es viele Faktoren, die Kairo und Berlin zu ganz unterschiedlichen Metropolen machen. Berlin ist sowohl flächen- als auch bevölkerungsmäßig die größte Stadt Deutschlands, hier leben etwa 3,6 Millionen Menschen auf 892 Quadratkilometern. Kairo ist flächenmäßig nicht die größte Stadt Ägyptens, aber mit einer Bevölkerung von fast 22 Millionen Menschen, die auf nur 3809 Quadratkilometern wohnen, ist Kairo die bevölkerungsreichste Stadt Ägyptens – sowie auch Afrikas, der arabischen Welt und des Nahen Ostens.

Kairo hat auch eine Anziehungskraft, die ich mit nichts in Berlin vergleichen kann. Morgens steigt die Zahl der Menschen in Kairo auf etwa 30 Millionen, weil so viele aus den nahegelegenen Gouvernements in die Stadt zur Arbeit kommen. Früher fehlten in diesen Gebieten wichtige Einrichtungen und auch Geld, weil Kairo als Hauptstadt alle Mittel sowie Aufmerksamkeit aufsaugte. Das hat sich aber in den letzten Jahren etwas geändert.

Aber jetzt bin ich in Berlin: Noch bis Ende Dezember schreibe ich für die Berliner Zeitung als Austauschjournalist im Rahmen der Internationalen Journalistenprogrammen. Ich will diese Stadt besser kennenlernen – und oft gelingt mir das dadurch, dass ich die Unterschiede zu Kairo wahrnehme. Das sind Feststellungen, die vielleicht auch Sie eines Tages nutzen können, liebe Leserinnen und Leser.

In Kairo finden Sie Respekt – und ganz viele Fragen

Wer zu Besuch in Kairo ist, dem empfehle ich: Warten Sie nicht an der Ampel, Sie können ruhig mal einfach über die Straße laufen. Ja, so einfach geht das! In Berlin bin ich jetzt nicht mehr so streng mit mir beim Warten auf das grüne Ampelmännchen, wie ich es in den ersten Tagen tat. Manchmal hat es einen gewissen Nervenkitzel, in Berlin so zu tun, als ob ich noch in Kairo wäre.

Als Tourist in Kairo sollte man auch darauf achten, sich nicht wie ein Ausländer zu verhalten, denn es gibt ja Leute, die Sie gerade deshalb ausnutzen wollen. Am häufigsten sind Amerikaner oder Menschen aus den Golfstaaten davon betroffen – denn in der ägyptischen Wahrnehmung sind diese Länder so reich, dass wir ihre gesamten Bevölkerungen so stereotypisieren.

Aber gleichzeitig kann ich Ihnen versichern, dass Sie von vornherein auch hoch respektiert werden. Bei uns gibt es nichts umsonst, auch den Respekt nicht. Aber wenn Sie das Glück haben, echte Einheimische zu treffen, die nicht in der Tourismusbranche arbeiten, werden die Ihnen wahrscheinlich alles geben, was Sie brauchen: eine Herberge, Essen, Getränke und noch viel mehr. Im allgemeinen sind wir in Kairo sehr großzügige Menschen und teilen gerne alles mit, was wir haben – und dazu zählt auch unsere Privatsphäre!

Das ist sicher ganz anders als hier in Berlin. Ägypter mögen es, andere Menschen über alles auszufragen, und damit meine ich wirklich alles. Einige Leute sind einfach neugierig, andere wollen einfach freundlich sein, sie mögen es, andere Leute besser kennenzulernen. Das könnte meiner Meinung nach an der höhen Bevölkerungsdichte Kairos liegen, die Abstand zwischen den Menschen in vielen Sinnen schwer macht. Dort wohnen fast 5800 Menschen auf jedem Quadratkilometer, in Berlin knapp 4000.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ein Ägypter Sie über Ihre Religion ausfragt oder ob Sie verheiratet sind. Oder warum Sie sich scheiden ließen. Warum haben Sie nicht vor Mitte 30 geheiratet? Warum haben Sie noch den Namen Ihrer Mutter? In Kairo geht das. Ein Ort, wo man sich entspannen kann, sich einfach treiben lassen kann – wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise als in Berlin.