BerlinLetzte Landungen, letzte Starts, letzte Fahrten mit dem TXL-Bus und dem X9, zum letzten Mal durch das Terminal A spazieren: Der Sonnabend war der Tag des Abschieds vom Flughafen Berlin-Tegel, und bei manchen der zahlreichen Besucher flossen die Tränen. Mit den letzten Linienflügen endete am 7. November zu später Stunde der reguläre Betrieb, der an diesem Tag noch mehr als 60 Starts und Landungen umfasste. Um 23.20 Uhr hob eine gecharterte Maschine der Eurowings mit dem Ziel BER in Tegel ab. An diesem Sonntag gibt es noch einmal einen Start, dann ist Schluss.

Es war ein Abend der großen Gesten und Gefühle. Jedes Mal, wenn ein Linienbus der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) in TXL abfuhr, drückte das Fahrpersonal kräftig auf die Hupe - einmal, zweimal, mehrmals. „Ich bin immer gern von hier geflogen“, schluchzte einer der letzten Fluggäste. Andere ließen ihre Tickets von den Crews der letzten Flüge signieren. Am Gate A1 sangen junge Leute Reinhard Meys Evergreen „Über den Wolken“. Flughafenmitarbeiter tanzten vor der Kulisse des Terminals A und des Towers, die in grellrotes Licht getaucht waren. Und kurz  bevor das letzte Flugzeug startete, wurde die Vorfeldbeleuchtung abgeschaltet - sodass der Airbus A319 von Eurowings, der zu seinem Kurzstreckenflug in den Nachthimmel abhob, besonders gut zur Geltung kam.

Für einen der letzten Höhepunkte hatte die Lufthansa gesorgt, die erstmals seit längerer Zeit mal wieder mit einem Langstreckenflugzeug in TXL vorbeikam. 2001 hatte es die größte deutsche Airline noch einmal mit einer Interkontinentalverbindung nach Tegel versucht. Doch weil sich für die Flüge nach Washington zu wenige Business- und First-Class-Kunden fanden, wurde die Strecke bald wieder gestrichen. 2017 übernahm die Fluggesellschaft eine ehemalige Air-Berlin-Route zwischen Tegel und New York, doch auch sie wurde wieder eingestellt. Zum Abschied erschien die Lufthansa nun mit der „Dortmund“, einem Airbus A350-900. Der Flug LH 1954 aus München (Kennung D-AIXA), der kurz nach 20 Uhr eintraf, war mit mehr als 280 Passagieren voll ausgebucht.

. Foto: dpa/ Fabian Sommer
Eine kalte Dusche zum Schluss: Zwei Löschzüge der Flughafen-Feuerwehr verabschiedeten den letzten Flug der Lufthansa.

Sekt gab es nicht während des Fluges, in der Economy wurde wie sonst nur Wasser serviert. „Doch die Stimmung an Bord war gut“, sagte Flugbegleiterin Kerstin Frank. „Aber es flossen auch Tränen.“ Auch sie sei „emotional“ geworden: „Ich stamme aus Berlin. Auch ich trage Tegel im Herzen.“ Dieser letzte Flug nach Tegel sei ihr „schon ans Herz“ gegangen, sagte ihre Kollegin Sandra Raddatz. Flugkapitän Martin Hoell, normalerweise Chef der Lufthansa-Interkontinentalflotte in München, kann sich noch an das Datum seines ersten Fluges nach Tegel erinnern: „Es war der 21. November 1990“, sagt er. Damals habe man die beiden Teile Berlins aus der Luft gut unterscheiden können: „Im Westen war die Straßenbeleuchtung meist weiß, im Osten gelb.“ Natürlich war der Flughafen Tegel zum Schluss ziemlich „aus der Zeit gefallen“, und zuweilen wurde es eng. „Doch es ging immer hochprofessionell zu“, lobte der 61-Jährige. „Es ist beachtlich, welche Verkehrsmengen das Personal hier bewältigt hat.“

„Ökologischer Wahnsinn“

Der ebenfalls ausgebuchte Rückflug nach München sollte eigentlich laut Plan um 21.20 Uhr in Tegel starten. Es wurde dann aber doch etwas später. Um 21.44 Uhr rollte Flug LH 1955 vor der Kulisse eines roten Halbmonds von der Parkposition los. Eine Dusche von zwei Löschzügen der Flughafen-Feuerwehr schloss sich kurz darauf an. Um 22.04 Uhr hob dann der letzte Tegeler Linienflug der Lufthansa zunächst in Richtung Osten ab. Mit dem Start zu später Stunde endete nach rund 30 Jahren die Geschichte der Lufthansa in Tegel. Während der Teilung war der Luftverkehr von und nach Berlin Airlines vorbehalten, die in den USA, Großbritannien und Frankreich ihre Heimat hatten.

In der feuchten Kälte, die vom Flugfeld herüberwehte, mussten die Fotografen bis zum großen Finale nicht mehr lange ausharren. Um 23.01 Uhr verließ ein Airbus A320 der Stralsunder Fluggesellschaft Sundair, der noch das Design der Air Berlin trägt, den Flughafen Tegel (Flugnummer SR 8899) ebenfalls ostwärts. Auch der D-AGWY der Eurowings, die als allerletztes Flugzeug dieses Sonnabends die Parkposition verließ, zollten zehn Fahrzeuge der Flughafen-Feuerwehr, die sich in einer Reihe aufgestellt hatten, Respekt. Die beiden letzten Flugzeuge wurden von vier Löschzügen mit Fontänen verabschiedet.

Nach einer Ehrenrunde um den Terminalkomplex begab sich dann auch die ebenfalls gecharterte Maschine der Eurowings zum Start – und hob um 23.20 Uhr ab. EW 5239 war der letzte Flug ab Tegel vor dem offiziellen Ende des Flugbetriebs knapp 40 Minuten später. Mitternacht sollte die Maschine laut Plan schon zur Landung auf dem neuen Schönefelder Flughafen BER, etwas mehr als 30 Kilometer Luftlinie entfernt, ansetzen. Als „ökologischen Wahnsinn“ hatten Klimaschützer diesen und die anderen Kurzstrecken-Sonderflüge zwischen Tegel und dem BER bezeichnet.

Einen Flug wird es aber noch in Tegel geben - an diesem Sonntag. Mit einer Sondererlaubnis soll ein Airbus A321 der Air France gegen 15 Uhr den Flughafen in Richtung Paris Charles de Gaulle verlassen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes und Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup werden den Flug, dessen Kapitän Christophe Ruch heißt, feierlich verabschieden. Für den historischen letzten Start wurden bereits schon vor einigen Tagen auf dem Vorfeld gelbe Markierungen und Beschriftungen angebracht, die an das Ereignis erinnern sollen, wenn Tegel kein Verkehrsflughafen mehr ist und zu einem Standort für Forschung, Gewerbe und Wohnen entwickelt wird. Zum 4. Mai 2021 enden wie lange absehbar die Betriebsgenehmigung und die fiktive Planfeststellung.

Bürgerinitiative freut sich über die Stilllegung des Flughafens

Die Initiative „Tegel schließen – Zukunft öffnen“ begrüßte in einer Erklärung am Sonnabend das Aus für Tegel. „Wir freuen uns - endlich himmlische Ruhe. Kein Aufschrecken aus dem Schlaf um 6.00 Uhr morgens, keine dauernde Unterbrechung von Gesprächen draußen im Park, Schülerinnen und Schüler können wieder bei offenem Fenster unterrichtet werden und keine Flieger werden den Genuss beim Glas Wein auf dem Balkon am Abend mehr stören!“ 

Der Anachronismus eines Flughafens mitten in der Stadt sei nun vorbei, so die Initiative. „Acht lange Jahre mussten wir warten und täglich Hunderte Flugzeuge über unseren Köpfen ertragen. Ein besonderer Tiefschlag war die erneute Verschiebung der Tegelschließung 2017 um weitere drei Jahre mit ohrenbetäubendem Lärm. Jetzt freuen wir uns sehr, dass endlich tatsächlich der letzte Flieger von Tegel startet und der Lärm endet. Auch die Kerosin- und Feinstaubbelastung und das Absturzrisiko für 300.000 Berliner enden. Tegel geht jetzt einer neuen Zukunft entgegen, mit Forschung, innovativen Unternehmen und Wohnungen für die Berlinerinnen und Berliner. Das ist gut so.“

Die Terminals sind an diesem Sonntag bereits für das Publikum geschlossen und nicht mehr zugänglich, genauso wie die Besucherterrasse. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dünnen den Busverkehr aus, die Linien TXL und X9 gibt es jetzt nicht mehr, die Linie 128 wird verkürzt. Vom 8.  November an steuert nur noch die Linie 109 die Bushaltestelle am Flughafen an, die ab sofort Urban Tech Republic heißt.

Damit die Tegel-Fans am 8. November trotzdem ohne Gedränge noch einmal zum Terminalgebäude kommen, verstärkt die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus (ATB) den BVG-Betrieb zwischen 10 und 18 Uhr mit fünf historischen Bussen, die ebenfalls zum regulären Verbundtarif genutzt werden können. Als Höhepunkt haben sich die Bussammler einen Korso ausgedacht, der um 18.17 Uhr an der Bushaltestelle vor den Terminals A/B beginnen soll. „Wir haben uns diese Aktion ausgedacht, um der Einstellung des Flugbetriebs in Tegel mit unseren Möglichkeiten ein würdiges Geleit zu geben“, sagte Stefan Freytag, Geschäftsführer der ATB.

Einen letzten historischen Moment hat die Flughafengesellschaft FBB für diesen Sonntagabend angekündigt. Um 19.45 Uhr soll Katy Krüger, die Leiterin des Terminalmanagements, die Lichter des Flughafens ausschalten. „Mit dem symbolischen ‚Licht aus‘ enden dann mehr als sieben Jahrzehnte Flughafengeschichte in Tegel“, so ein Sprecher des Unternehmens.