Frau von Entführungsopfer: „Ich habe große Angst, nach Vietnam zurückzukehren“

Im Prozess am Kammergericht um die Verschleppung eines vietnamesischen Geschäftsmannes 2017 aus Berlin zeigt sich: Es gibt offenbar Hoffnung für den Entführten.

Der Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh wird am 22. Januar 2018 von Polizisten zu einem Gericht in Hanoi gebracht. 
Der Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh wird am 22. Januar 2018 von Polizisten zu einem Gericht in Hanoi gebracht. dpa

Die Zeugin trägt schwarze Kleidung. Erst als sie am Tisch vor dem Richter Platz nimmt, setzt sie die große Sonnenbrille ab, die ihre Augen verbirgt. Die 53-Jährige ist die Frau des vietnamesischen Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh, der im Juli 2017 zusammen mit seiner Geliebten am helllichten Tag und mitten in Berlin entführt und in seine Heimat verschleppt wurde. Der in der Kommunistischen Partei in Ungnade gefallene Thanh wurde dort in zwei Schauprozessen wegen Korruption zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt. Thanh hatte die Vorwürfe stets bestritten.

Seit der Entführung habe sie keinen Kontakt zu ihrem Ehemann gehabt, erklärt die Zeugin an diesem Mittwoch am Kammergericht. Sie wisse nur von Verwandten aus Vietnam, dass es ihm mental etwas besser gehe, seit er im vergangenen Jahr in ein normales Gefängnis in Vietnam verlegt worden sei, Besuch empfangen und arbeiten dürfe. In seiner Zelle seien 25 Menschen untergebracht.

Die Frau von Trinh Xuan Thanh ist in Deutschland als politisch Verfolgte anerkannt. Sie sagt, deswegen reise sich auch nicht in ihre Heimat, um ihren Ehemann im Gefängnis zu besuchen. „Ich habe große Angst, nach Vietnam zurückzukehren“, erklärt die Zeugin, die mit ihren beiden jüngsten Töchtern in Berlin lebt. Vor allem das jüngere Mädchen, heute zehn Jahre alt, frage immer wieder nach seinem Vater.

Es ist der zweite Prozess vor dem Berliner Kammergericht, in dem es um die Entführung des damals 51-jährigen Trinh Xuan Thanh, genannt TXT, geht. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der vietnamesische Geheimdienst hinter der Operation steckt. Angeklagt ist ein 32-jähriger vietnamesischer Staatsbürger, der bei der Verschleppung geholfen haben soll. Die Anklagevertreter werfen ihm geheimdienstliche Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung vor. Der Angeklagte schweigt bisher zu den Anschuldigungen.

TXT war, nachdem er am 23. Juli 2017 im Tiergarten in ein Auto gezerrt worden war, in die vietnamesische Botschaft gebracht worden. So sagt es die Bundesanwaltschaft und so steht es auch im Urteil des ersten Prozesses, bei dem 2018 ein Landsmann des Verschleppten zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden war. Von der Botschaft ging es in verschiedenen Fahrzeugen über Brno nach Bratislava. Von dort verließ TXT den Schengen-Raum offenbar als „Mitglied“ einer eiligst angereisten vietnamesischen Regierungsdelegation in einem von der slowakischen Regierung zur Verfügung gestellten Airbus. Ziel war Moskau.

Die Frau des Entführten erzählt vor Gericht, dass ihr Ehemann von Moskau nach Hanoi mit einer Maschine der Vietnam Airline geflogen worden sei – auf einer Trage liegend, getarnt als Kranker. So habe sie es gehört. Von der Geliebten ihres Mannes habe sie bis zu der Tat nichts gewusst. Sie wurde offenbar ebenfalls nach Hanoi gebracht, wurde wegen eines Armbruchs in einem Krankenhaus operiert. Dann verliert sich ihre Spur.

Trinh Xuan Thanh habe bis heute nicht die Absicht, gegen die Urteile in Vietnam Rechtsmittel einzulegen, sagt seine Ehefrau. „Er ist aber innerlich überzeugt davon, dass er eines Tages nach Deutschland ausreisen darf und seine Familie wiedersehen wird.“ Es gibt Kontakt mit der deutschen Botschaft, bestätigen die Zeugin und auch die Anwältin des Entführten.

Und am 13. November fliegt Bundeskanzler Olaf Scholz nach Vietnam, trifft sich dort mit dem Premierminister und dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei. Vielleicht spielt bei den Gesprächen auch der Fall TXT eine Rolle. Der Prozess wird fortgesetzt.