Rund 2,4 Millionen Ratten leben in Berlin, und es werden immer mehr. Normalerweise sind die Nager nur selten zu sehen, trauen sich nur nachts aus der Kanalisation. Doch derzeit sind Ratten am hellichten Tage in Gärten, Parks und Gebäuden unterwegs.

Grund dafür ist der Dauerregen der vergangenen Wochen. Der Wetterdienst Meteogroup sprach bei den Niederschlägen von einem „Jahrhundertereignis“. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) fiel in weniger als 24 Stunden mehr als doppelt so viel Regen wie normalerweise im gesamten Juni. Die Wassermassen fluteten die Kanalisation und spülten Ratten durch die Rohrsysteme aus dem Stadtzentrum bis in die Randbezirke.

„Durch die starken Regenmengen werden die Ratten aus ihren Erdlöchern und Verstecken getrieben. Wenn sich das Wetter nicht bald bessert, könnte das noch zu einem richtigen Problem werden“, sagt Kammerjäger Mario Heising.

Die Ratten gelangen in Gebiete, die die Tiere sonst eher gemieden haben. Dort verlieren sie immer mehr die Scheu vor Menschen, suchen sich trockene Brachen und sandige Plätze. Sie bevorzugen Gebiete, an denen sie leicht an Nahrung kommen. Spielplätze etwa – denn dort lassen Familien mit Kleinkindern oft Unmengen an Keksen und Obst zurück. Für die Ratten sind das optimale Lebensbedingungen.

Spielplätze in Innenstadtbezirken besonders betroffen

Am häufigsten betroffen sind die Spielplätze in Innenstadtbezirken, etwas der Spielplatz an der Drontheimer Straße in Gesundbrunnen oder am Leopoldplatz in Wedding. Erst vor einigen Tagen musste auch der Spielplatz an der Panke an der Gerichtsstraße vorübergehend geschlossen werden, weil Giftköder ausgelegt werden mussten. Aber auch in Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg oder Prenzlauer Berg muss häufig gegen Ratten vorgegangen werden.

Die Zahl der Rattenbekämpfungsmaßnahmen in den vergangenen drei Jahren ist gestiegen. Wurden 2014 noch rund 7 500 Aktionen durchgeführt, waren es ein Jahr später mehr als 8 500. Im Jahr 2016 registrierte das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sogar rund 9 100 Fälle. „Berlin tut viel und geht sofort gegen Ratten vor, wenn es ein Problem gibt“, sagt Detlef Kadler vom Lageso, der dort für Schädlingsbekämpfung verantwortlich ist. „Es ist nachvollziehbar, dass ein Tourist oder Gast eines Cafés in Panik gerät, wenn er – vor allem am Tag – eine Ratte sieht. Aber in einer Großstadt mit Millionen Einwohnern und Besuchern, die alle Abfall produzieren und diesen nicht immer ordnungsgemäß entsorgen, leben nun einmal Ratten.“

16 Ratten-Einsätze pro Tag

Kammerjäger erhalten zwar Unterstützung von den Berliner Wassertrieben – mit Giftglocken oder elektronischen Fallen. Aber trotzdem haben die Schädlingsbekämpfer bis zu 16 Ratten-Einsätze pro Tag. Für Kammerjäger Mario Heising ist die Statistik des Schädlingsbekämpfer-Verbandes, in dem 21 Betriebe organisiert sind, nur die Spitze des Eisbergs. „Die Zahl der Einsätze muss man für Berlin fast verdreifachen“, betont er angesichts weiterer Schädlingsbekämpfer, die nicht im Verband organisiert sind. „Die Leute rufen an, weil sie Ratten im Klo oder im Garten haben. Sie haben Angst vor übertragbaren Krankheiten“, schildert Kammerjäger Marian Elsner.

Dabei gibt es einfache Tricks, um sich vor Ratten zu schützen. „Nahrungs- und Futtermittel immer verschlossen aufbewahren, Fütterung von Tauben und Vögeln im Wohnumfeld unterlassen und keine Lebensmittelreste in die Toilette werfen“, zählt Elsner auf. Er und andere Fachleute sehen aber auch die Bautätigkeit im Zentrum Berlins als Ursache dafür, dass Ratten zum Problem werden. Sie werden von den einstigen Brachen vertrieben.