Berlin - Wir hätten besser fragen sollen, wo man in Berlin gut mit dem Rad durch die Stadt kommt. Das schrieb jemand, als wir vor zwei Wochen nach den schlimmsten Fahrradstrecken der Stadt fragten. Andere Antworten lauteten: Ganz Weißensee! Oder: Ganz Lichtenberg! Uns erreichten Meldungen über Social Media und Leserbriefe aus fast allen Bezirken der Stadt. (Ausnahme: Spandau. Fährt es sich da etwa sicher?)  

Manche Leser zählten gleich ein halbes Dutzend Angststrecken auf und beschrieben die Gefahrenstellen detailliert. Und nicht nur die Innenstadt ist für viele Radfahrer eine Verkehrshölle, auch in den Außenbezirken fahren Berliner mit Anspannung und Angst. Wir haben die eindringlichsten Schilderungen unserer Leser gesammelt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Was muss sich für Radfahrer dringend ändern? Was regt Sie im Berliner Verkehr am meisten auf? Digitale Leserbriefe gern an: leser-blz@berlinerverlag.com

WEISSENSEE

Sehr häufig wurde die Berliner Allee genannt. Christian Straach meidet sie stadtaus- wie stadteinwärts, er schreibt: „Der Radweg hört auf der Greifswalder Straße ab Gürtelstraße einfach auf. Danach muss man als Radfahrer echt aufpassen. Auf engstem Raum fährt man dort mit Autos auf zwei Spuren. Dann kommen auch hier immer wieder parkende Autos dazu. Der ganze Spaß zieht sich ewig. Eigentlich bis man fast aus der Stadt ist. Im Prinzip ist ganz Weißensee so geprägt.“

„Ich bin ein absoluter Vielfahrer und pendele das ganze Jahr über mit dem Fahrrad durch Berlin“, schreibt David Jacobs. Für ihn ist die Indira-Gandhi-Straße eine der schlimmsten der ganzen Stadt. „Der Radweg ist unfassbar schlecht (beidseitig!!), wohingegen die Straße perfekt asphaltiert ist. Es besteht auch eine Nutzungspflicht für Radfahrende. Für mich als Rennradnutzer ist es unmöglich, dort zu fahren.“ Dieses Problem hat er fast überall in der Stadt. „Generell sind in Berlin die meisten Wege zu kurz gut ausgebaut, sodass man sowieso irgendwann wieder die Straße nutzen muss.“

Auch Ulrike Mennecke meidet die Berliner Allee und die Indira-Gandhi-Straße, sie fährt oft durch die Bizetstraße, lange sei das eine gute Alternative gewesen. Inzwischen sei es auch dort voller geworden und die zweite Spur sei fast ständig durch Lieferdienste oder Privatautos blockiert. „Ich fahre auf dieser Straße nur noch Slalom und bin jedes Mal froh, am Ende der Straße wieder heil anzukommen. Schön wäre wieder eine verkehrsruhige Straße mit etwas weniger Autos.“

FRIEDRICHSHAIN-KREUZBERG

„Oberhalb der Bergmannstraße gibt es überhaupt keine Radwege“, schrieb uns Federico Avino, „nichts, nur Kopfsteinpflaster auf der Fahrbahn. Auch auf der Friesenstraße. Nada.“

Die Skalitzer Straße sei „Fahrradhorror pur“, schreibt jemand auf Twitter. Von anderen werden die Oranienstraße und die Möckernstraße als gefürchtete Strecken aufgezählt.

TEMPELHOF-SCHÖNEBERG

Aus diesem Bezirk haben wir viele Nachrichten bekommen, vor allem aus Schöneberg.

Sehr häufig wird vor der Hauptstraße gewarnt. Auf Twitter schrieb der Nutzer @abcxyz_berlin: „Egal welche Stelle und egal in welche Richtung. Schlimm! Da ist gerade bergab eine große Baustelle.“

Karin Böttcher schreibt: „Eine in meinen Augen jedes Mal lebensgefährliche Situation ist das Abbiegen vor dem Rathaus Schöneberg von der Martin-Luther-Straße in die Dominicusstraße. Ich postiere mich links neben der Busspur auf der mittleren Spur, die sowohl Geradeausfahrer- wie auch Linksabbiegerspur ist und werde regelmäßig beim Versuch, den Fahrradweg zu erreichen, geschnitten, angehupt, angeschrien und beschimpft. Wenn dann noch der M46er-Bus in die Dominicusstraße einbiegen will, wird es richtig gefährlich. Ich habe immer den Eindruck, dass der Busfahrer/die Busfahrerin keine Idee davon hat, wo ich hin will, und werde häufiger auf die linke Spur in den fließenden Verkehr abgedrängt, von der aus ich den Radweg nur noch erreichen kann, wenn ich die mittlere Spur im fließenden Verkehr komplett quere.“

Georg Frieske beschreibt den Innsbrucker Platz: An der Kreuzung Hauptstraße/Martin-Luther-Straße enden Rad- wie Busspur, es gibt nur noch eine Fahrbahn für alle. „Im Berufsverkehr absolute Todeszone. Für den geneigten Autobahnabbieger ist es unverständlich, dass man als Radfahrer geradeaus fahren möchte. Zusätzlich zwängen sich die Autos von der Martin-Luther-Straße kommend quer auf die Fahrbahn, um noch unbedingt auf die Kreuzung zu kommen, und blockieren die Wege für Autos, Busse, Radfahrer und Fußgänger.“

„Bitte radeln Sie mal in Mariendorf Richtung Tempelhof die Parallelstraße zum Mariendorfer Damm, ab Gabelung Ringstraße in die Rathausstraße bis zum Teltowkanal. Oder umgekehrt bis Ende Marienfelder Allee B101“, schreibt uns Elvira Düngfelder. „Da können Sie das Fürchten und Durchsetzen lernen.“ Tiefer gelegene Gullis, keine Radwege, Autos und Lkw, die keinen Platz zum Überholen haben, wenn Gegenverkehr kommt. „In Stoßzeiten herrscht der Autostau. Und ja, es gibt sie, die Autofahrer, die mitdenken, dass da noch Platz für die Radfahrer bleiben sollte. Die Regel ist das aber nicht für die Träumer, Telefonierer und fetten SUVs.“ Ihr Fazit: „Radwegeluxus gibt es in der Innenstadt, wo am meisten gemeckert wird.“

PANKOW

Gefährlich sind inzwischen nicht mehr nur die bekannten Hauptstraßen, sondern die Straßen, die man fährt, um die Hauptstraßen zu meiden. Andrea Rudorff schildert das am Beispiel der Neumannstraße, auf der viele Schul- und Kitakinder mit dem Rad fahren. Die Straße werde oft als Schleichweg für die Prenzlauer Promenade/Berliner Straße genutzt, auch durch Lkw. „Die Parkplätze am Fahrbahnrand im oberen engen Abschnitt könnten leicht zu Radspuren umgewidmet werden, da auf dem Mittelstreifen geparkt wird. Stattdessen werden jeden Tag Hunderte Kinder gefährdet.“

Außerhalb der Innenstadt fährt es sich sicherer? Martin Piper berichtet von der Karower Chaussee in Buch über Karow, Blankenburg bis nach Heinersdorf: „Hier ist das Vorstadtdilemma sinnbildlich erfüllt. Es gibt nur jeweils eine Fahrspur in jede Richtung, das heißt die Fahrräder und Fußgänger werden auf einen gemeinsamen Weg gedrängt, der ein zügiges Fahren gefährlich bzw. unmöglich für alle (außer Autofahrer) macht. Hier muss grundsätzlich die Verkehrsfläche neu aufgeteilt werden.“

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Sieht gut aus, fährt sich gefährlich: der Potsdamer Platz

MITTE

Ein Teil der Kastanienallee, die durch Mitte und Pankow führt, hat einen „supercoolen, erhöhten und teilweise beleuchteten Radweg“, schreibt Julia Beil. Der andere Teil der Straße ist gefährlich. „Besonders mies, wenn du aus der Zionskirchstraße kommst und links in die Kastanienallee einbiegen willst, da musst du schon akrobatische Fähigkeiten haben, um weder in die Tramschienen zu rutschen noch gegen ein parkendes Auto zu rasseln, während du mit dem Arm anzeigst, dass du abbiegen willst.“

Über Twitter schrieb Friederike Kenneweg zur Straße des 17. Juni: „Ich hasse den ampellosen Überweg an der Strecke vom Schloss Bellevue zum Potsdamer Platz. Auf der schmalen Mittelinsel zu warten, bis sich eine Lücke im Verkehr ergibt, während die Autos an einem vorbeisausen, am besten noch mit Kind im Kindersitz: elend.“

Die Müllerstraße in Wedding ist für viele ein Albtraum und wird immer wieder erwähnt: „Am gefährlichsten sind für mich die beiden Kreuzungen bei Bayer am Ende der Müllerstraße. Da wird einem fast immer von Rechtsabbiegern die Vorfahrt genommen. Auch weil die Ampelschaltung für Autofahrer sehr verwirrend ist“, schreibt ein Twitternutzer. Ein anderer nennt die ganze Straße „ein Abenteuer, gerade im Berufsverkehr“.

„Die gesamte Osloer Straße ist in beiden Richtungen ein Graus“, schreibt ein Twitternutzer. Da helfe auch der Radweg nichts. „Falschparker blockieren die Fußgängerüberwege und stehen im Sichtfeld von Kreuzungen. Als Folge fahren die Autos auf den Radweg und sorgen für lebensgefährliche Situationen.“ Die Osloer Straße wurde auch von anderen Radfahrern sehr oft genannt.

Auf Twitter erreichte uns außerdem eine Beschreibung des „Elends“ auf der Badstraße. „Wer hier Fahrrad fährt, hat schon längst keine Angst mehr vor dem Tod oder nimmt seinen eigenen billigend in Kauf. Kein Radweg, Autos stehen auf der Fahrspur, zu hohe Geschwindigkeit mit unter 50 Zentimeter Abstand.“

LICHTENBERG

„Wenn ich einen kleinen Nervenkitzel brauche, benutze ich mit meinem Rad auf dem Weg zum Malchower Luch den Malchower Weg, die schmale, jedoch viel befahrene Straße zwischen Rhinstraße und Hohenschönhausen-Nord bzw. Wartenberg“, schreibt Rainer Bernecker, „denn nur an beiden Enden sind Fahrradspuren markiert. Welch ein Glücksgefühl, wenn die dicken Lkws dicht an einem vorbeirauschen und ich stets überlebt habe!“

Kerstin Wenzel sagt, sie sei eine umsichtige Radfahrerin, eine die mit Helm und Warnweste fährt. „Da wünsche ich mir, dass andere Verkehrsteilehmer*innen uns Radler*innen respektieren und nicht unsere Leben aufs Spiel setzen.“ Zum Beispiel in der Ruschestraße: „Von der Vulkanstraße kommend mündet der Fahrradweg an der Bornitzstraße auf der Straße. Parkende Fahrzeuge engen die Straße ein. Radfahrende können von Autos nur dann sicher überholt werden, wenn kein Gegenverkehr herrscht. Viele Auto- und vor allem Transporterfahrer bringen die Geduld oft nicht auf und überholen so dicht, dass mir jedes Mal das Herz in die Hose rutscht.“

TREPTOW-KÖPENICK

Auch Linda Senkel ist eine von denen, die täglich mit dem Rad pendeln. Ihr schlimmster Radfahrort? „Der Sterndamm in Johannisthal“, schreibt sie, „insbesondere auch die Unterführung zum Queren der S-Bahngleise Richtung Schöneweide. Klar, momentan ist Baustelle, aber ich sehe auch für danach Radfahrer*innen null mitgedacht. Ich verstehe überhaupt nicht, wo und wie ich fahren könnte! Von der Gegenrichtung aus gibt es einen Radfahrstreifen direkt neben dem Gleisbett der Trams. Mich würde sehr interessieren, ob es hier überhaupt ein Verkehrskonzept gibt.“

Lisa Gilmozzi bangt auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag um ihr Leben. Zum Beispiel auf der Baumschulenbrücke (über den Britzer Verbindungskanal, Baumschulenstraße): „Anfangs habe ich mich dort an die StVO gehalten und die Brücke auf der Fahrbahn passiert. Auf keinen Fall nachmachen! Der Fahrradweg endet in einer ‚Todesschneise‘. Die Fahrbahn ist extrem schmal, Autos und Lkw donnern zentimetergenau an einem vorbei. Die Alternative: Der schmale, zugewachsene, superbucklige Gehweg, der einem fast die Handgelenke bricht.“

MARZAHN-HELLERSDORF

Ein Leser, schrieb uns unter dem Kürzel „U.M.“, dass er in Berlin bereits als Lkw-, Bus- und Straßenbahnfahrer unterwegs gewesen sei. „Ich kann mich also in die anderen Verkehrsteilnehmer gut hineinversetzen.“ Was ihm aber an folgenden Gefahrenorten, auf die er uns hinwies, auch nicht hilft: Auf vielen Abschnitten der Landsberger Allee habe er Angst, dass seine Gabel bricht. An der Bitterfelder Straße sei es besonders schlimm: „Da müssen ‚Facharbeiter‘ die Steine verlegt haben, alle Steine liegen in einer Reihe. Es sind regelrechte Spurrillen, bei Nässe ist das kreuzgefährlich.“ Und wenn er dann auf die Fahrbahn ausweiche, würden ihn Autofahrer anbrüllen oder mit der Scheibenwischanlage nass spritzen. Wie es in Berlin besser laufen könnte? Mal nach Asien schauen, schreibt U.M. „Der Verkehr dort wirkt zunächst chaotisch, aber wenn man sich darauf einlässt, kommt man auch heil an. Hier ist der Straßenverkehr überreglementiert und viele bestehen auf ein Recht, das sie nicht haben.“

REINICKENDORF

„Der Zabel-Krüger-Damm ist für Radfahrer eine Katastrophe“, schreibt uns Doris Jahn. „Man kann beidseitig parken, Richtung Tegel ist bis Dianastraße kein Fahrradweg. Zweimal ist es mir schon passiert, dass mir eine Fahrertür den Weg abschnitt, weil der Fahrer des parkenden Autos mich nicht gesehen hat.“

Auf Twitter weist ein Nutzer auf die mangelhafte Infrastruktur am Hermsdorfer Damm hin: „Der Radweg endet mehrmals im fließenden Verkehr und ist, wenn vorhanden, nur etwa 80 Zentimeter breit. Dort wird am dichtesten überholt in Berlin.“

CHARLOTTENBURG-WILMERSDORF

Der Arbeitsweg unserer Leserin Bettina Hamann ist nur 15 Minuten lang. Doch die Strecke, die sie fährt, hat es in sich: „Am Bahnhof Zoo, wenn man von der Hardenbergstraße durch die Bahn-Unterführung auf den Breitscheidplatz zufährt: absolute Lebensgefahr! Man kann als Fahrradfahrer eigentlich nur bei Rot losfahren, damit die Autofahrer (deren Spur man unter der dunklen Unterführung kreuzen muss) nicht alle um einen herumfahren.“ Dann geht es weiter auf der Budapester Straße, am Bikini-Haus vorbei, wo der Radweg immer zugeparkt ist. „In China nennt man diese Form der Alibi-Fahrradwege ‚Todesstreifen‘.“ An der Kreuzung vor der Urania dann fahren zu Stoßzeiten alle auf die Kreuzung und ihr als Radfahrerin bleibt nichts anderes übrig, als sich mitten ins Getümmel zu schmeißen. Den Kudamm nennt sie „No-go-Zone für Radfahrer“. Eine ziemlich lange Sammlung für einen doch recht kurzen Arbeitsweg.