Yehuda Teichtal ist dieser Tage ein gefragter Mann. Seit der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde vor knapp zwei Wochen in Wilmersdorf bespuckt und auf Arabisch antisemitisch beschimpft wurde, empfängt er zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Als Erster saß der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD, Raed Saleh, in Teichtals Büro. Vergangenen Sonntag empfing der Rabbiner Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Am Mittwoch hatte Teichtal den Berliner CDU-Vorsitzenden Kai Wegner und dessen Parteifreundin Cornelia Seibeld, Vize-Präsidentin des Abgeordnetenhauses, zu Gast. Am Freitag lädt Teichtal zu einem Solidaritätsgebet in die Synagoge der Jüdischen Bildungsstätte Chabad Lubawitsch, Teichtal ist Vorsitzender der Einrichtung in Wilmersdorf. Zu diesem Gebet hat sich unter anderem Außenminister Heiko Maas (SPD) angekündigt.

Es war ein Freitagabend im Juli, Teichtal hatte gerade in der Synagoge gepredigt und war mit einem seiner Kinder auf dem Nachhauseweg, als er aus einem Wohnhaus heraus antisemitisch angepöbelt wurde. Zwei junge Männer riefen „Jude, Jude“, spuckten in seine Richtung aus und riefen Drohungen in arabischer Sprache. Der Staatsschutz leitete ein Verfahren ein. Die Täter seien noch nicht ermittelt worden, sagte eine Polizeisprecherin.

Gegen Antisemitismus: Toleranz schon in der Schule lernen

Am Mittwoch wollte Teichtal nicht genauer auf den Vorfall eingehen. Darauf habe er sich mit den Strafermittlungsbehörden geeinigt. „Und ich vertraue den Behörden“, sagte der Rabbiner.

Um Vertrauen ging es auch im Gespräch mit den beiden CDU-Politikern. Teichtal berichtete von Gemeindemitgliedern, die sich sorgten, ob sie ihre Söhne mit einem Davidstern vor die Tür schicken könnten.

Der in New York geborene Rabbiner, auf den Tag genau 20 Jahre in Berlin im Amt, versucht, die Menschen zu beruhigen und zu ermutigen. Antisemiten – egal ob von rechts, links oder aus dem islamistischen Spektrum – rufe er zu: „Wir werden hier nicht weggehen.“

Doch für so eine Haltung sei es notwendig, dass sich die Gesellschaft mehr engagiere, sagte er, öffentliche Betroffenheit reiche nicht aus. „Taten müssen folgen.“ So müsse religiöse und kulturelle Toleranz in den Schulen intensiver behandelt werden. Lehrer müssten lernen, auch unterschwelligen Antisemitismus zu identifizieren und aufzugreifen.

Antisemitische Angriffe in Berlin 

Der CDU-Landesvorsitzende sagte, er bewundere Teichtal für dessen Mut und Optimismus. Er forderte, dass der Besuch einer NS-Gedenkstätte für jeden Schüler zur Pflicht werde. Seibeld erinnerte daran, dass gerade vielen Flüchtlingen gar nicht bewusst sei, „dass Antisemitismus nicht zu Deutschland gehört“. Da sei viel Aufklärungsarbeit nötig.

Tatsächlich hat sich die Zahl der antisemitischen Vorfälle im Jahr 2018 gegenüber dem Jahr zuvor um 14 Prozent auf 1.083 erhöht. Das hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) gemeldet, die Vorfälle auch unterhalb der Schwelle einer Straftat sammelt. Für 2019 liegt noch kein Bericht vor. Rias zufolge ist ein weiterer Trend erkennbar: Der Antisemitismus zeigt sich gewalttätiger und direkter. So sei etwa „der deutliche Anstieg von Taten mit besonderem Gefährdungspotenzial besorgniserregend“. So habe sich die Anzahl der Angriffe gegenüber 2017 von 18 auf mehr als 46 verdoppelt. Auch die Zahl der Bedrohungen sei in diesem Zeitraum gestiegen – von 26 auf 46 Vorfälle.