Berlin - Eigentlich hasst er das Wandern. Doch nur so kriegt er Aufmerksamkeit, sagt er. Seit dem 31. Mai wandert der schottische Schauspieler und Dramaturg Matthew McVarish im blauen Kilt durch Europa. Insgesamt 32 Städte will er bis Februar 2015 erreichen, darunter die 28 Hauptstädte der EU. Sein Ziel ist es, Aufmerksamkeit für Kindesmissbrauch zu erreichen. Er zeigt Filme, diskutiert mit Politikern und Nichtregierungsorganisationen. Für ihn gibt es keine Opfer, nur „Überlebende“. Er ist selbst einer. Bis kommenden Donnerstag ist er in Berlin.

Herr McVarish, Sie wandern durch Europa, um über sexuellen Missbrauch von Kindern zu sprechen. Warum ist das Gespräch so wichtig?

Menschen, die Kinder missbrauchen, verlassen sich darauf, dass keiner darüber spricht. Es ist ein unangenehmes Thema. In keinem Land der Welt benutzt man gerne die Worte Kinder und Sex im selben Satz. Doch je mehr eine Gesellschaft sich dieser Thematik bewusst ist, desto schwieriger ist es, Kinder zu missbrauchen. Aber auch für die Betroffenen ist es essenziell. Das Erlebte kann man nur verarbeiten, indem man darüber spricht.

Was genau wollen Sie mit Ihrer Kampagne erreichen?

Zum einen ist die Verjährungsfrist in vielen europäischen Ländern noch zu gering. Sexueller Missbrauch behindert die psychologische Entwicklung von Kindern. Viele sind erst sehr viel später im Leben in der Lage, darüber zu sprechen. Deshalb sollten sie mehr Zeit bekommen, um Anzeige zu erstatten. Zum anderen gibt es große Unterschiede in der sexuellen Mündigkeit. Die reicht von 13 bis 18 Jahren in den Ländern. Das macht es in einigen Ländern schwierig, den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu beweisen.

Sie waren bisher in sechs Ländern. Sehen Sie Unterschiede im Umgang mit Kindesmissbrauch?

In den Niederlanden habe ich erfahren, dass es sehr schwierig ist, einen Kinderschänder anzuzeigen. Man braucht sehr viele Beweise. Das hat mich bestürzt. In Großbritannien etwa ist das ganz anders. Wenn jemand so einen Fall zur Anzeige bringt, wird die Integrität des Betroffenen nie in Frage gestellt.

In Deutschland gibt es gerade eine Diskussion über Bestrebungen, die es Anfang der 80er Jahre gab, Pädophilie gesellschaftlich anzuerkennen. Verfolgen Sie die Debatte?

Nein, aber das gibt es doch heute noch. In den Niederlanden setzt sich die Partei „Martijn“ offen für die Akzeptanz von Pädophilie ein. Unter anderem fordern sie die Herabsetzung der sexuellen Mündigkeit.

Wie sollte man mit Pädophilen umgehen?

Man sollte den Unterschied machen zwischen Pädophilen und Menschen, die Kinder missbrauchen. Ein Pädophiler kann jemand sein, der sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlt, aber diese Anziehung nicht in die Tat umsetzt. Das andere sind Kinderschänder. Es gibt in Frankreich die Organisation „L'ange bleu“, die mit Pädophilen arbeitet. Immer wenn sie die Dokumentation über ihre Arbeit zeigt, kriegt sie eine Flut an Emails von Menschen, die um Hilfe bitten, um ihre pädophilen Neigungen nicht auszuleben. Ist Pädophilie eine Sexualität oder eine Perversion? Ich weiß es nicht.

Was können wir als Gesellschaft im Alltag gegen Kindesmissbrauch tun?

Es gibt eine faszinierende Studie. Demnach würden 98 Prozent der Befragten einem betrunkenen Freund die Autoschlüssel wegnehmen, damit er nicht fährt. Unter diesen Leuten würden aber nur 12 Prozent einen vermuteten Kindesmissbrauch anzeigen. Wir müssen mutiger werden als Gesellschaft. Wir müssen Dinge ansprechen. Erst dann kann sich was ändern.

Sie wurden als Kind von Ihrem Onkel missbraucht, genau wie Ihre drei Brüder. Sie haben ein Theaterstück darüber geschrieben. Woher nehmen Sie die Kraft, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Meine Brüder sind meine besten Freunde, sie haben mir als Kind immer geholfen. Vor einigen Jahren litten alle an Depressionen, auch weil sie im Gegensatz zu mir nie eine Therapie gemacht hatten. Ich wollte mich für sie und all die weiteren Überlebenden einsetzen. Nun bin ich Schauspieler, ich kann vor 2000 Menschen stehen und reden. Dann habe ich das Theaterstück geschrieben. Es war ein logischer Schritt.

Das Interview führte Patrick Schirmer Sastre.