Berlin - Erst der Diesel, jetzt die Böller: Im Kampf gegen die Luftverschmutzung will die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ein Böllerverbot in deutschen Großstädten mit hoher Feinstaubbelastung durchsetzen, notfalls auch mit juristischen Klagen. „Wir werden den politischen Druck erhöhen“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch der Berliner Zeitung.

Die DUH werde alle juristischen Möglichkeiten einer Klage vor Gericht prüfen. „Das wäre jedoch das letzte Mittel der Auseinandersetzung“, sagte Resch. „Am liebsten wäre uns, wir könnten uns möglichst schnell außergerichtlich mit den Kommunen einigen.“ Es gehe nicht um ein generelles Verbot, sondern nur in bestimmten Bereichen.

Zentrale Feuerwerke am Stadtrand

Mit Klagen vor Gericht hat die DUH bereits in vielen Innenstädten Fahrverbotszonen für ältere Dieselfahrzeuge durchgesetzt. In Berlin müssen Abschnitte von etwa 100 Metern Länge auf bisher acht vielbefahrenen Straßen für Dieselautos gesperrt werden.

Solche Verbotszonen soll es nun auch für Raketen und Böller in der Silvesternacht geben. Die DUH hat die Kommunen mit hoher Luftbelastung aufgefordert, zentrale und professionell gestaltete Feuerwerke außerhalb dieser mit Feinstaub belasteten Zonen zu veranstalten, am besten am Stadtrand. „Ein öffentliches Feuerwerk oder eine professionelle Pyro-Show sind dabei nicht nur sicherer. Diese belasten auch die Umwelt weniger, da hier meist andere Feuerwerksbatterien zum Einsatz kommen“, sagte Resch.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden durch Silvesterfeuerwerke jedes Jahr etwa 4500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Das ist so viel wie sonst im ganzen Jahr nicht. Der Grenzwert für Feinstaub darf jedoch an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Auch deshalb sieht der Berliner Senat derzeit keine juristische Handhabe, private Silvesterfeuerwerke einzuschränken. Bis auf wenige Ausnahmen darf in der Silvesternacht jeder unbeschränkt Raketen und Böller zünden – mit zum Teil verheerenden Folgen.

Beunruhigende Zahlen

Zum Jahreswechsel vor einer Woche hatte die Berliner Feuerwehr 1385 Einsätze, es galt der Ausnahmezustand. 432 Brände löschten die Rettungskräfte, 49 Mal wurden sie angegriffen, in 33 Fällen mit Pyrotechnik. Im Unfallkrankenhaus behandelten Notfall-Ärzte zum Jahreswechsel 50 Menschen, darunter 13 Kinder, mit zum Teil schweren Brand- und Handverletzungen.

Die Polizei hatte 1721 Einsätze, die meisten wegen des verbotenen Umgangs mit Pyrotechnik, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Polizisten im Einsatz wurden mit Steinen und Raketen beschossen. Sie berichten, die Stimmung auf der Straße werde immer aggressiver.

Angesichts dieser Bilanz wird der politische Druck auf den Berliner Senat immer größer, das Böllern in der Innenstadt endlich einzuschränken. „Man stelle sich vor, es hätte solche Übergriffe am 1. Mai oder irgendeinem anderen Tag im Jahr gegeben. Der Aufschrei wäre groß“, schrieb die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Antje Kapek, kurz nach Silvester auf Twitter. „Aber nur weil es Silvester ist und es um Böller geht, tun alle so, als wär nix?“

Schutz der Bewohner

Die Grünen drängen auf böllerfreie Zonen innerhalb des S-Bahnrings und auch an bestimmten Orten darüber hinaus. „2019 soll es in Berlin ein böllerberuhigtes Silvester geben ohne diese wilde und chaotische Knallerei“, sagte Silke Gebel, ebenfalls Fraktionsvorsitzende der Grünen, der Berliner Zeitung. So könnten kontrollierte Böllerzonen an Orten wie dem zentralen Festplatz in Reinickendorf eingerichtet werden. Dort könnten Besucher auch ein professionell gestaltetes Feuerwerk erleben. Eine landeseigene Regelung sei nötig. „Ich erkenne da keine rechtlichen Unklarheiten“, sagte Silke Gebel.

Die Grünen-Fraktion will jetzt Polizisten und Politiker aus Hannover einladen. Dort hat die Stadtverwaltung zum Jahreswechsel erstmals ein Böllerverbot in großen Teilen der Innenstadt durchgesetzt. Es galt von 20 Uhr am Silvestertag bis drei Uhr am Neujahrsmorgen. Die Polizei hatte die Passanten per Lautsprecherdurchsagen über das Verbot informiert. Die Stadt zog eine positive Bilanz. Feuerwehr und Polizei hatten weniger Einsätze als in den Jahren zuvor. Die Bewohner hätten friedlich, fröhlich und ohne Angst vor Knallern gefeiert.

Noch im Januar wird sich DUH-Chef Resch mit dem Berliner Senat treffen. Dabei geht es auch um das Böllerverbot in Hannovers Innenstadt. Dieser Erlass der Stadtverwaltung könnte Vorbild sein für Berlin, sagte Resch. Ebenso wie Brüssel, Paris, Wien und einige deutsche Städte. „Warum tut Berlin nicht mehr zum Schutz seiner Bewohner?“, fragt Resch. „Zu Silvester könnte diese Stadt viel lebenswerter sein.“