Berlin - Die sonst so nüchterne Berliner Denkmalliste ist in der Beschreibung der St. Hedwig-Kathedrale geradezu enthusiastisch: Es gebe „keine Bischofskirche in Deutschland, deren Innenraum vollständig in den Formen der zeitgenössischen Kunst wiederaufgebaut ist.“

An der Ausstattung haben die besten Kirchenkünstler der jungen DDR und der Bundesrepublik mitgearbeitet, der weite Raum unter der luftige Kuppel aus Stahlbetonrippen sei „einzigartig“.

Und doch, genau dieses Denkmal eines gesamtdeutsch denkenden Katholizismus – der Architekt Hans Schwippert hat in Bonn auch den ersten Bundestag geplant – soll radikal umgestaltet werden. Das hat Erzbischof Heiner Koch vor ziemlich genau einem Jahr beschlossen.

Der Entwurf bereitet Probleme

Schon im Sommer 2014 gewann das Fuldaer Architekturbüro Sichau Walter mit dem Wiener Künstler Leo Zogmayer den Wettbewerb. Vor allem die große Bodenöffnung, in der eine breite Treppe in die Unterkirche mit den Märtyrergräbern führt, soll geschlossen werden, ein unterirdischer Verbindungsraum zum Bernhard-Lichtenberg-Haus als neue Sakristei entstehen.

Und die Bestuhlung soll im Dreiviertelkreis um den dann zentral gestellten Altar geordnet sein, wie in vielen Reform-Kirchenbauten der 60er- bis 80er-Jahre. Alles soll leichter und luftiger werden als derzeit.

Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass der Raum Schwipperts bei aller künstlerischen und historischen Bedeutung auch Probleme mit sich bringt. So ist der mittlere Zugang etwa für Prozessionen versperrt, seitdem in den 80er-Jahren die monumentale Orgel eingebaut und darunter die Chorbänke aufgestellt wurden.

Berlin will 8 Millionen Euro beisteuern

Seitdem erst muss der Chor auch regelrecht über die weite Bodenöffnung hinweg singen. Auf 60 Millionen Euro ist das Projekt geschätzt, 43 Millionen Euro davon alleine für die Sanierung und den Radikal-Umbau. Das Berliner Bistum will 20 Millionen Euro aufbringen, Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat 12 Millionen Euro in Aussicht gestellt – höchst umstritten, weil es sich hier um die geplante Zerstörung eines bedeutenden Baudenkmals handelt.

Und das Land Berlin will 8 Millionen Euro beisteuern. Sie sollen aber nur für die bautechnische Sanierung eingesetzt werden, nicht für den Umbau. Wie beides zu trennen ist, wird derzeit geprüft. Die noch fehlenden 20 Millionen Euro spenden die 27 deutschen Bistümer für die „Hauptstadtkirche“.

So gut wie die gesamte kunsthistorische Fachwelt hat gegen das Projekt protestiert, das Berliner Landesdenkmalamt seine Zustimmung verweigert, ebenso der Berliner Landesdenkmalrat. Auch innerhalb der katholischen Gemeinden Berlins verstummt die Kritik nicht.

Ein Förderverein wurde ins Leben gerufen

Hier wird nicht nur von Geldverschwendung gesprochen, sondern auch von einem handfesten Ost-West-Konflikt: Die widerständige Kirche in der DDR-Diaspora habe in der jetzigen Hedwig-Kathedrale ihr Denkmal, diese historische Bedeutung und die damit verbundenen Erinnerungen müssten berücksichtigt werden.

Diejenigen, die das Projekt vorantrieben, seien dagegen überwiegend aus dem Westen. Allerdings haben alle Bistumsgremien, auch diejenigen, in denen die Laien das Sagen haben, für den Radikalumbau gestimmt.

Nur der Kunstbeirat, also das einzige aus fachlicher Perspektive debattierende Gremium, blieb unentschlossen. Und im November hat sich nun auch ein Förderverein Namens „hedwig21.berlin – Die Kathedrale“ gegründet.

Im Herbst 2018 sollen die Bauarbeiten beginnen

Der Vorsitzende, der Jurist Christoph Lehmann, ist bekannt seit dem Volksentscheid über den Religionsunterricht „ProReli“ 2009. Unter den Gründungsmitgliedern überwiegt das West-Berliner Bürgertum.

Im Herbst nächsten Jahres will man mit den Bauarbeiten beginnen. Derzeit wandert der Bauantrag durch die Berliner Behörden. Das Landesdenkmalamt hat ihn konsequenterweise abgelehnt. Die Untere Denkmalschutzbehörde des Bezirks Mitte hat ihn dagegen auf Weisung genehmigt.

Nun muss Kultursenator Klaus Lederer (Linke) entscheiden. Er lässt bis zum Jahresende seine Beamten noch einmal jedes Detail am vorhandenen Bau überprüfen – was darauf hindeutet, dass Lederer den Bauantrag jedenfalls nicht vollständig verwerfen will.

Wird ein Wettbewerb ausgeschrieben?

Sein Vor-Vorgänger Thomas Flierl, seit vielen Jahren für die Henselmann-Stiftung in Sachen Bewahrung des Erbes der Nachkriegsmoderne engagiert, forderte dagegen im Gespräch der Berliner Zeitung: „Ich würde sehr bedauern, wenn der Kultursenator den Antrag nicht versagt und es nicht auf eine juristische Klärung ankommen lässt – auch um die Stellung der Denkmalpflege in Berlin zu stellen.“

Das klassische Mittel bei einer derart verfahrenen Situation wäre es, einen neuen Wettbewerb auszuschreiben, in dem die Erkenntnisse der vergangenen drei Jahre Debatte einfließen und gefordert wird, den bestehenden Bau vorsichtig an die neuen Vorstellungen anzupassen.