Fahrradstraße in Pankow. Hier haben Radler Vorrang. 
Foto:  Gudath

Berlin-PankowDer einwohnerstärkste Bezirk Berlins, Pankow, hat in punkto neuer Fahrradstraßen viel vor: Stargarder Straße, Dunckerstraße, Senefelder Straße, Bizetstraße, Gleim- und Kollwitzstraße – bis 2023 sollten 20 neue Fahrradstraßen allein im Nordosten der Stadt eingerichtet werden. Auch wenn es nun vier weniger werden – am Beispiel der vor wenigen Wochen in Betrieb genommenen Fahrradstraße Ossietzkystraße lässt sich gut zeigen, dass es mit dem Aufstellen von Schildern und bunten Fahrbahnmarkierungen allein nicht getan ist.

Besonders im Berufsverkehr am Morgen und am Abend wird die beschauliche Straße, die vom  Pankower Schlosspark Rad-Pendler aus Richtung Niederschönhausen, Blankenburg und Buch in die Innenstadt führt, zu einer dicht befahrenen Gefahrenzone. Lieferfahrzeuge, SUVs, Rennradler und Mütter mit Kindern im Gefolge teilen sich die nicht allzu breite Fahrbahn mit den grünen Markierungen am Rand und längst nicht alle, die hier unterwegs sind, wissen, welche neuen Regeln gelten.

Autofahrer ignorieren Einschränkungen 

Auf der Fahrbahn ist zwar in Weiß und Blau groß markiert, dass es sich hier um eine Fahrradstraße handelt. Auch an den einmündenden Straßen gibt es Hinweisschilder, die den Beginn der Fahrradstraße markieren. Doch dass, wie in der Theorie und per definitionem hier vorwiegend Zweiräder unterwegs sind, kann man nicht erkennen. Viele Autofahrer ignorieren die Neuerung und verhalten sich wie auf normalen Straßen, obwohl Tempo 30 gilt und nur Anliegerverkehr erlaubt ist.

In einem Leitfaden der Senatsverwaltung für Verkehr zur Einrichtung von Fahrradstraßen aus diesem Frühjahr heißt es: „Fahrradstraßen dienen der Verbesserung der Verkehrssicherheit, der Attraktivitätssteigerung und der Bündelung des Radverkehrs. Sie tragen zu einer Reduzierung des Kfz-Verkehrs und somit zu einer Verkehrsberuhigung bei. Fahrradstraßen sind wichtig, um den Radverkehr in Berlin weiter zu fördern.“ Doch was, wenn anhaltender Auto-Schleichverkehr und Radler, die sich im Recht wähnen, aufeinander treffen?

Das hört sich dann so an: „Bleib doch gleich stehen“, mault eine ausgebremste Radfahrerin, weil ein Auto vor ihr zu langsam fährt. Ein SUV kann es dagegen kaum erwarten, einen Radler zu überholen und prescht genervt vor bis zur Kreuzung, wo es wieder auf querende Fahrradfahrer trifft und scharf bremst. An den einmündenden Straßen werden in diesen Tagen oft wütend Arme in die Luft gereckt, entnervt Köpfe geschüttelt, Verwünschungen gemurmelt oder gebrüllt. Auf dem Sattel und hinter getönten Scheiben.

Geltende Regeln sind oft nicht bekannt

Dürfen die überhaupt nebeneinander fahren? Was ist mit dem Steppke auf dem Laufrad – das geht aber nun wirklich nicht. Wie steht es mit rechts vor links? Gilt das hier nicht mehr? Aus einer Erhebung der Unfallforscher der deutschen Versicherer aus dem Jahr 2016 geht hervor, dass einem Drittel der damals befragten Kfz-Fahrer überhaupt nicht bewusst war, dass sie sich gerade auf einer Fahrradstraße befanden. Nur 70 Prozent der Befragten wussten, dass das Überholen von Radfahrern durch Autos durchaus erlaubt ist. Weniger als ein Drittel wussten, dass andere Fahrzeuge in Fahrradstraßen nur dann fahren dürfen, wenn dies ausdrücklich zugelassen ist.

Auch wenn man seitdem Wissenszuwachs bei allen Verkehrsteilnehmern unterstellt, schließlich sind seitdem in Berlin mittlerweile etwa 20 Fahrradstraßen in Betrieb, schadet es nicht, die wichtigsten Regeln zu rekapitulieren. Damit Radler mit Knöpfen im Ohr sich nicht wie unverwundbar aufführen und parkende Autofahrer weniger beherzt Türen öffnen.

Fahrradstraßen sind grundsätzlich dem Radverkehr vorbehalten. Andere Fahrzeugarten oder Anlieger dürfen sie nur befahren, wenn ein zusätzliches Zeichen dies erlaubt. An den meisten Fahrradstraßen in Berlin fehlt dieses Zeichen. „Anlieger frei“ wird von den meisten Autofahrern sehr großzügig ausgelegt, solange niemand das Anliegen kontrolliert.

Auf Fahrradstraßen gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern. Der Radverkehr darf nicht gefährdet und auch nicht behindert werden. Radfahrer dürfen jederzeit nebeneinander fahren. Autos müssen sich anpassen. Die Vorfahrtsregeln bleiben bestehen. Das heißt: nicht automatisch hat die Fahrradstraße immer Vorfahrt. Hier müssen alle besonders auf Verkehrsschilder achten.

Für kleinere Kinder unter acht Jahren gilt – ab auf den Gehweg, auch Fußgänger und Inline-Skater haben auf einer Fahrradstraße nichts zu suchen – wenn nicht ein Hinweisschild es ausdrücklich erlaubt. Für Radfahrer gilt auch auf der Fahrradstraße das Rechtsfahrgebot. Für alle gilt: Rücksicht nehmen. Lächeln.