Ein 15-jähriges Mädchen wird von seinem wohl aus Afghanistan stammenden Ex-Freund mit einem Messer ermordet, mitten im Supermarkt in einer pfälzischen Kleinstadt: Kein vernünftiger Mensch wird Taten wie die von Kandel schönreden oder den Schmerz der Angehörigen verkennen.

Mehr noch: Auch in der hitzigen politischen Debatte nach der tödlichen Messerstecherei von Chemnitz sollte kein noch so kühler Analytiker den Menschen absprechen, dass Bluttaten wie in Kandel oder Chemnitz schockiert, betroffen, ängstlich oder eben besorgt sind. Auch den Menschen nicht, die weit entfernt von Kandel oder Chemnitz oder auch weit entfernt von Asylbewerbern aus Afghanistan leben.

Reaktionen zum Kandel-Urteil

Schon deshalb bekommt das Urteil im Fall Kandel eine politische Dimension. Es ist sinnlos, das zu bestreiten. Und selbst wenn, besser: gerade wenn die seriöse Politik die Finger von einem so tragischen, aufwühlenden Mordfall lassen würde – wofür einiges spräche –, so wäre eben doch die politischen Vereinfacher und Profiteure schnell zur Stelle. 

So brauchte die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel an diesem Montag keine zwei Stunden, um das Gerichtsurteil von „nur 8,5 Jahre statt lebenslänglich für Mias Mörder Abdul D.“ öffentlich zu beklagen. „Wäre es ein Deutscher gewesen, hätte er lebenslänglich bekommen“, gehört noch zu den gemäßigten Antworten der Weidel-Anhänger in den Social Media, von denen viele „lebenslänglich“ für eine zu milde Strafe halten. 

Härtere Strafen

Darum geht es den Populisten und Rechtsradikalen: Den Eindruck zu erwecken, „Kandel ist überall“, wie sie ihre Demos vor Ort betiteln. Dahinter steckt die Denkweise, bei einem deutschen Verdächtigen in solchen Fällen von „Beziehungsdramen“ zu sprechen, einen afghanischen Täter aber etwa mit den in Chemnitz festgenommenen Irakern und Syrern zu einem gemeinsamen Problem zu vermengen. „Messermänner“, nannte das Weidel jüngst im Bundestag – natürlich mit Kalkül. 

Denn wie zuletzt nach dem Urteil im Kindesmissbrauchs-Fall von Staufen (wo keine Ausländer beteiligt waren) oder nach der gekippten Abschiebung des tunesischen Salafisten Sami A. wird – leider nicht nur in diesen Kreisen – schnell die Behauptung ventiliert, das „Rechtsempfinden“ der Bevölkerung würde nach härteren Strafen rufen. Der Rechtsstaat müsse mehr Härte zeigen.

Einzelfall statt Generalisierung 

Diesen Reflexen darf die seriöse Politik aber nicht nachgeben, auch nicht in ihrer Kommentierung des Urteils. 

Denn für ein Gerichtsurteil muss nun einmal einzig und allein der Einzelfall betrachtet werden – und nicht die politische Debatte, die er auslöst. Zudem zeichnet sich der Rechtsstaat dadurch aus, dass er sich nicht von Emotionen leiten lässt und dass er, wenn Zweifel bestehen, nicht die strafverschärfendste Annahme für erwiesen hält. 

Im Fall von Kandel heißt das: Der Täter wird als minderjährig behandelt – auch wenn man das am rechten Rand wegen anderer Fälle, in denen Asylbewerber über ihr Alter getäuscht haben, schlicht bestreitet und deshalb anprangert, dass Jugendstrafrecht angewendet wurde. 

Gesetze hilflos gegenüber Stalkern

So zeigt der Rechtsstaat im Urteil von Kandel, blendet man alle unsachliche und sachfremde Erwägungen aus, nämlich sehr wohl Konsequenz: Der Prozess dauerte nur acht Monate, was bei einem Mordprozess, bei dem Gründlichkeit geboten ist, vergleichsweise schnell ist. Die Strafe erreicht mit 8,5 Jahren fast das Maß, das der Staatsanwalt und sogar die Eltern des Opfers als Nebenkläger gefordert hatten. Das Gericht wertete die Tat zudem als Mord und nicht wie die Verteidigung als Totschlag.

Besonders tragisch am Mord an Mia ist, dass ihre Eltern bereits zwei Wochen zuvor Anzeige gegen ihren Ex-Freund erstattet hatten, der sie beleidigte, verfolgte und bedrohte, nachdem sie die Beziehung beendet hatte. 

Wenn man etwas Allgemeingültiges aus Kandel lernen kann, dann dass die Behörden trotz verschärfter Gesetze noch immer hilflos gegenüber den fast durchweg männlichen Stalkern sind, die ihre Opfer oft wochenlang vor Taten wie diesen drangsalieren.