Vor dem Berliner Landgericht wurde der Fall neu aufgerollt.
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BerlinSeit 633 Tagen sitzt Klaus R. in Untersuchungshaft, als der Prozess gegen den 61-Jährigen an diesem Dienstag vor dem Berliner Landgericht neu aufgerollt wird. Ist er wirklich ein Mörder, wie eine andere Schwurgerichtskammer vor einem Jahr urteilte? Ist er der Mann, der vor nunmehr 33 Jahren zunächst versucht haben soll, die Mutter zweier kleiner Kinder in Neukölln zu vergewaltigen? Und hat er sie dann ermordet?

Die Verteidigung des Mannes sagt zum Auftakt der neuen Verhandlung, der Angeklagte sei unschuldig. Dies werde die Beweisaufnahme ergeben. In dem ersten Prozess seien Indizien „passend gemacht worden“. So habe es am Tatort frische Spermaspuren gegeben, die nicht vom Angeklagten stammten.

Es geht in dem Prozess um den Tod der 30 Jahre alten Annegret W. Sie war am 18. September 1987 in ihrer Wohnung in der Innstraße in Neukölln ermordet aufgefunden worden. Annegret W. war mit einem weißen Pullover erdrosselt worden. Der Täter hatte ihr anschließend ein Messer in den Hals gerammt. Die Ermittler gingen von Anfang an davon aus, dass der zweijährige Sohn Christian die Tat miterleben musste. Er zog das Messer aus dem Hals seiner Mutter und legte es ins Wasser der Küchenspüle.

Die Ermittlungen führten zunächst zu keinem Täter. Der Fall war längst ein Cold Case, als die Fahnder eine DNA-Untersuchung des Kleides und des Pullovers veranlassten, mit dem Annegret W. getötet wurde. Experten konnten eine DNA-Mischspur isolieren. Sie führte die Polizei zu Klaus R., der sich seit den 1980er-Jahren wegen Sexualdelikten und Raubstraftaten in der Datenbank befand. Im November 2018 wurde er festgenommen. Er leugnete die Tat, wurde aber zehn Monate später wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Klaus R. ging in Revision - und bekam Recht. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. Entscheidend für die Begründung war die Bewertung der DNA-Spur. Das Gericht habe nicht näher ausgeführt, warum die Spur an dem Pullover tatrelevant und wie sie auf den Pullover gekommen sei. Zumal sich Annegret W. und Klaus R. gekannt und mehrmals getroffen hatten.

Dass es mit dem Beweis der Täterschaft nicht so leicht sein würde, zeigt Olaf S., ein einstiger Mithäftling des Angeklagten und im ersten Verfahren ein Belastungszeuge. Mit ihm hatte sich Klaus R. über die vorgeworfene Tat unterhalten. Olaf S. ging zur Polizei. Jetzt hat er erhebliche Gedächtnislücken. Der 59-Jährige kann sich nur sehr schlecht erinnern, wohl auch, weil es wegen seiner belastenden Angaben „Konsequenzen“ gab. Zweimal wurde er in der Haftanstalt eine Treppe hinuntergestoßen und nicht nur als Ratte beschimpft.

Dann entsinnt sich Olaf S. doch noch an weniges, was ihm Klaus R. anvertraut haben soll: Dass der Angeklagte und Annegret W. miteinander geschlafen hätten, dass sich Klaus R. abfällig über die Frau geäußert habe, dass sie am Tattag um Geld gestritten haben sollen. Er erinnert sich auch noch, dass Klaus R. ihm erklärte, die Schlampe habe bekommen, was sie verdient habe.

Christian Kruse hört sich die Aussage als Nebenkläger ruhig an. Er ist der Sohn der Ermordeten, der die Tat als Zweijähriger mitansehen musste. Er hat keine Erinnerungen an das Geschehen. Kruse ist heute 35 Jahre alt. Er sagt, er müsse mit dem Urteil, das für Ende September erwartet wird, leben - egal wie es ausfalle.