Berlin - Für die einen sind sie das hässlichste Baudenkmal Berlins, für eine 93 Jahre alte Dame sind sie ein Leben lang Gelegenheit gewesen, ihr Auto in der dichtbesiedelten City West sicher abstellen zu können. Die zwischen 1929 und 1930 errichteten Kant-Garagen in Charlottenburg ist die älteste, erhaltene Hochgarage Europas. Und an einigen Stellen sieht es fast so aus, als sei seit Eröffnung nichts mehr getan worden: Nackter Backstein, Stahl und Blech dominieren, es riecht nach Motoröl und Gummi. Die letzte Grundreinigung muss ewig her sein.

Die Geschichte mit der 93-Jährigen erzählt Hans-Peter Luther, Mitinhaber der Werkstatt BBL, die sich seit 1977 gleich am Eingang eingemietet hat. Luther und seine Kollegen reparieren Autos, fungieren als Hausmeister in dem düsteren Gewölbe und vermieten Garagen, sogenannte Boxen, auf drei Etagen. Insgesamt gibt es im Haus rund 300 solcher Boxen auf sechs Etagen. „Neulich hat die alte Dame ihren Mietvertrag mitgebracht, den hatte ihr Mann tatsächlich 1935 abgeschlossen“, erzählt Luther. Bis zuletzt hatte die Pensionärin, längst Witwe, die gleich nebenan in der Leibnizstraße wohnt, ihren Ford Fiesta bei ihm untergestellt. „Jetzt hat sie gesagt, dass sie nicht mehr Auto fährt – und gekündigt“, so Luther.

Könnte sein, dass solche Geschichten bald nur noch in Büchern zu lesen sein werden. Denn: Der Eigentümer möchte das Gebäude abreißen und an der Stelle ein Büro- und Geschäftshaus errichten lassen. Gutachten attestieren die Baufälligkeit des seit 23 Jahren unter Denkmalschutz stehenden Eisenbetonbaus – oder je nach Auftraggeber – genau das Gegenteil. Eine Sanierung könnte 17 bis 20 Millionen Euro kosten. Doch selbst im aufgepäppelten Zustand bliebe übrig, dass allein die Auf- und Abfahrtsrampe und die Rangierflächen vor den Boxen viel Platz wegnähmen. Toten Platz, den man nicht vermieten, also versilbern kann.

Wenn es nach dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf geht, soll der Bau dennoch stehen bleiben – wenn auch anders genutzt. Man sei „offen für eine andere Verwertung“, sagt Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Denkbar sei auch ein Anbau oder eine Erweiterung, darüber verhandle man mit dem Eigentümer, Christian Pepper, Besitzer des Europa Centers und des halben Ernst-Reuter-Platzes. „Wir reden mit Herrn Pepper“, sagt Schulte.

Außenstelle eines Museums?

Das klingt zumindest besser als alles, was man in diesem Zusammenhang sonst von Pepper hört. Der Immobilienunternehmer verweigert öffentlich jeden Kommentar zu den Garagen. Ganz anders das Bezirksamt. „Wir können uns gut vorstellen, dass das eine Außenstelle des Technikmuseums wird“, sagt Schulte. Es könnte dort idealerweise die Geschichte des Autos abgebildet werden. „In jedem Fall“, so Schulte, „wäre das ein neuer Anziehungspunkt in der Stadt.“ Wie aber ließe sich damit Geld verdienen? Schließlich ist erst kürzlich die Idee geplatzt, Garagen für Luxusautos und Oldtimer zu etablieren.

Andreas Barz plädiert für eine andere Lösung. „Es könnte sich eine Genossenschaft gründen, die Pepper die Garagen abkauft und das Grundstück damit aus der Spekulation nimmt“, sagt Barz. Als Vorbild schwebt ihm die Rettung des Studentendorfes Schlachtensee vor. Das ist mit Hilfe eines Genossenschaftsmodells in den Rang eines nationalen Kulturdenkmals aufgestiegen – mit Barz als Vorstand. Jetzt engagiert er sich mit Architekten und Historikern in einer „Initiative zur Rettung der Kant-Garagen“.

Denkbar sei auch ein städtebaulicher Vertrag zwischen Bezirk und Eigentümer Pepper, so Barz. Dieser wolle doch sein Telekom-Haus am Ernst-Reuter-Platz abreißen und neu bauen, vielleicht lasse sich eine Verknüpfung mit den Kant-Garagen herstellen. Nach dem Motto: Wenn du dort abreißen willst, musst du hier erhalten! „Das kann man doch mal politisch fordern“, sagt er.