Berlin - Ein Tag im Juni hat Carola Racketes Leben auf eine Weise verändert, die sie kaum für möglich gehalten hätte. Es war der Tag, an dem sie als Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ entschied, mit 53 auf dem Mittelmeer geretteten Flüchtlingen, darunter schwangere Frauen und kleine Kinder, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen, obwohl ihr die italienischen Behörden auch nach tagelangem Warten nicht die Erlaubnis dazu gegeben hatten.

„Ich tue, was getan werden muss, weil andere nichts tun wollen“, schreibt Carola Rackete in ihrem soeben erschienen Buch „Handeln statt Hoffen“ (Droemer Knaur), das sie am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Der Saal 1 im Haus der Bundespressekonferenz ist sehr voll. Mehrere Fernsehteams sind gekommen, und Journalisten aus den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Japan. Die Entscheidung vom 28. Juni, nach der Carola Rackete zunächst in Italien verhaftet wurde, hat sie international bekannt gemacht. Ein Ermittlungsverfahren gegen sie läuft.

Carola Rackete betritt den Raum in einem leuchtend blauen T-Shirt. Kurz ist sie etwas verlegen angesichts des auf sie hereinbrechenden Blitzlichtgewitters, dann wünscht sie recht selbstbewusst allen einen Guten Morgen. „Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind.“

Viele flüchten wegen der Klimakrise

Die Aufmerksamkeit für ihre Person sei zufällig, sagt sie später. Aber sie hat beschlossen, sie für ihre Sache zu nutzen. Auch das Buch ist ein Ergebnis dieser Entscheidung. Und ihre Sache, das ist nicht allein die Seenotrettung, sondern auch der Klimaschutz, für den sie sich schon viel länger engagiere, wie sie am Mittwoch sagt.

Sie habe Naturschutzmanagement studiert, sei seit 2011 jedes Jahr mit Forschungsexpeditionen an den Polarkreis gefahren. Für sie sind Klimakrise und Flüchtlingskrise aber keine unterschiedlichen Themen, sie hält sie für eng verbunden.

Und so spricht sie als erstes über Hindou Dumarou Ibrahim, die das Vorwort zu ihrem Buch geschrieben hat, eine Umweltaktivistin aus dem Tschad, die beschreibt, wie der Tschadsee auf ein Zehntel seiner einstigen Größe verdampft ist und fruchtbare Äcker sich in Wüste verwandelt haben.

Viele Flüchtlinge aus Afrika seien Klimaflüchtlinge, sagt Carola Rackete, nur kenne die UN-Flüchtlingskonvention diesen Begriff nicht. „Die Gesetzgebung hinkt der Realität hinterher.“ So unterstütze sie auch den Vorschlag der britischen Juristin Polly Higgins, Ökozid, also Umweltzerstörung – etwa durch Unternehmen – zu einem Völkerrechtsverbrechen zu erklären.

„Aufruf an die letzte Generation“

Vieles, was Carola Rackete am Mittwoch sagt, was sie schreibt, ist bekannt, manches stellt sie arg vereinfacht dar. Was beeindruckt, ist die Dringlichkeit, mit der sie ihr Anliegen vorträgt. „Aufruf an die letzte Generation“ lautet der Untertitel. Und genau das ist dieses Buch: ein Appell.

„Wir müssen uns zwischen Transformation oder Kollaps entscheiden“, sagt sie. „Was brauchen wir zum Leben? Immer mehr, mehr, mehr? Oder gibt es ein Genug?“ Die jetzt lebende Generation sei die letzte, die die Klimakatastrophe noch aufhalten könne. Ihr Buch hat sie allen Opfern des zivilen Gehorsams gewidmet.

Auf zivilen Ungehorsam setzt auch die Bewegung „Extinction Rebellion“, der sich Carola Rackete angeschlossen hat, und die mit Aktionen wie Straßenblockaden oder der geplanten Blockade des Flughafens Tegel am 10. November provoziert.

„Es ist in einer extremen Krise angemessen, ein bisschen den Individualverkehr zu blockieren“, findet Rackete. Sie unterstütze aber nicht jede Aktion der Gruppe. Deren Idee der Bürgerräte aber schon. Diese könnten die Demokratie wiederleben. Wer für eine begrenzte Zeit darin sitze, solle ausgelost werden, damit er keine Entscheidungen um des eigenen Machterhalts willen treffe.

Befürworterin von Bürgerräten

Woher sie die Gewissheit nehme, dass ein Bürgerrat bessere Entscheidungen treffen würde als ein gewähltes Parlament – etwa bei der Frage der Benzinpreiserhöhung? Da drückt sich Carola Rackete um eine direkte Antwort. Stattdessen erwähnt sie das Referendum in Irland, das ein liberales Abtreibungsrecht durchsetzte.

Am Ende erhebt sich überraschend ein junger Mann. „Ich bin auch ein Flüchtling, sagt er. 2015 sei er in einem Holzboot auf dem Mittelmeer gewesen. „Ich weiß gar nicht, wer mich gerettet hat, aber ohne euch wäre ich nicht hier.“