Karneval der Kulturen: Berlin kann Weltstadt sein

Schon am Hermannplatz stecken alle fest. Menschen quetschen sich in U-Bahnen, auf den Bahnhofstreppen und später auf den Gehwegen. Nur langsam kommen alle vorwärts, manchmal gar nicht. Es stockt, es dauert, es zieht sich.

Doch niemand meckert, keiner schubst, drängelt oder reagiert genervt. Irgendwas ist anders an diesem Tag. Es ist Pfingstsonntag, die Sonne scheint, und zum 20. Mal zieht an diesem Tag eine bunte Karawane verkleideter und geschmückter Menschen stundenlang durch Neukölln und Kreuzberg.

Etwa 800.000 Menschen zeigten sich beim Umzug des 20. Karneval der Kulturen von ihrer guten Seite, weitere 700.000 kamen zum viertägigen Straßenfest auf den Blücherplatz in Kreuzberg. Somit nahmen 1,4 Millionen am Karneval teil. Sie waren gut gelaunt, geduldig und viel entspannter als an einem gewöhnlichen Wochentag im Berufsverkehr. Sogar vor den mobilen Toilettenhäuschen tanzen die Wartenden.

„Wir sind sehr zufrieden. Wir konnten einen großartigen Umzug erleben“, sagt die Leiterin des Karnevals der Kulturen, Nadja Mau, am Sonntagabend. Knapp 4.000 Teilnehmer zogen in 62 Formationen vom Hermannplatz in Neukölln bis zur Möckernbrücke in Kreuzberg. Die Zuschauer sahen temperamentvolle Samba-Tänzer in bunten Kostümen, wilde Trommler, die so laut auf leere Ölfässer schlugen, dass der Wagen wackelte. Mit weichen geschwungenen Armbewegungen schritten lächelnde chinesische Tänzerinnen die Gneisenaustraße entlang.

Es gab auch politische Gruppen, eine forderte ein freies Kurdistan, eine andere die Freiheit palästinensischer Gefangener. Am Ende des Aufzuges versammelten sich die Clubgänger zum Elektrokrach der Sound Systems und DJs. Da ähnelte der Karneval der Kulturen schon einer Neuauflage der Love Parade.

Neues Sicherheitskonzept

Nur stockend kamen die Formationen voran, das störte aber nicht viele. Lediglich im hinteren Teil der Umzugsstrecke warteten Zuschauer ewig auf die ersten Wagen, die sich nur langsam bewegten, weil sich Besucher unter die Gruppen gemischt hatten und mit ihnen auf der Straße mitliefen. Es fiel aber auch kaum auf, dass im 20. Jahr seines Bestehens nur 62 statt wie gewöhnlich mehr als 100 Gruppen beim Umzug mitgemacht haben.

Einige hatten wegen der im Januar 2015 noch ungesicherten Zukunft des Karnevals verärgert abgesagt. Es gab Streit um die Finanzierung der Gruppen und um ein neues Sicherheitskonzept. Erst im Februar war alles geklärt. In nur 14 Wochen mussten die neuen Organisatoren um Nadja Mau den Umzug sowie das viertägige Straßenfest auf dem Blücherplatz organisieren. Dort feierten von Freitag bis Sonntag weitere etwa 600 000 Menschen das Straßenfest „Global City Kreuzberg“ mit mehr als 100 Bands und 200 Kunstaktionen.

Erstmals begleiteten Ordner eines Sicherheitsdienstes die Umzugswagen, so hatten es die Formationen zu ihrer Sicherheit gefordert.

Entlang der Umzugsstrecke hatten sich Anwohner die besten Zuschauerplätze gesichert. Manche saßen in Campingstühlen oder hatten eine private Party mit der Hausgemeinschaft organisiert. Andere baten auf Schildern, Besucher mögen nicht in ihre Hecken und Flure pinkeln. Junge Männer zeigten ihre Muskeln, ältere ihre Bäuche.

Muslime rauchten Shisha, Teenager mixten sich Drinks in ihren mitgebrachten Plastikflaschen und liefen kreischend durch die Menge. Familien mit ihren Kindern breiteten auf Decken auf dem Asphalt aus. Viele Besucher hatten sich geschminkt, sie trugen Hüte, Kostüme und besonders bunte Kleidung.

Es blieb friedlich. Ein Polizeisprecher sagte am Sonntag, der Karneval der Kulturen sei „im Wesentlichen störungsfrei“ verlaufen. Etwa 300 Beamte waren im Einsatz. Gegen 75 Besucher stellte die Polizei Strafanzeigen, wegen Diebstahl, Körperverletzung oder Drogenbesitzes. Auf dem Straßenfest nahmen Ermittler 17 Taschendiebe fest.

Unter den Gästen waren neben dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller auch Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (beide SPD). Zur Eröffnung des Umzuges sprang sie durch einen Hula-Hoop-Reifen und wurde zur „Karnevalsprinzessin“ ernannt – als Erste seit 20 Jahren. Dilek Kolat sagte der Berliner Zeitung, die Stimmung beim Karneval gebe das „Feeling von Berlin“ wieder. „Dem Senat wird es auch in Zukunft wichtig sein, dass der Karneval der Kulturen stattfindet. Gerade jetzt, in Zeiten von Pegida.“ Am Abend des Pfingstmontages ging das Fest friedlich zu Ende.