Berlin - Der Himmel ist wieder blau, und ansonsten ist alles wie immer. Menschen schieben sich in den Straßen, auf den Mittelstreifen, schon in der U-Bahn. Es ist laut, Musik kommt von den Ständen und von den Live-Bühnen, es riecht nach Grillfleisch, Friteusen und Bier, das Publikum, tausende Leute, ist fast so exotisch wie die Verkaufsbuden.

An der Blücherstraße/Ecke Mehringdamm steht der Palmenverkäufer an seinem gewohnten Platz im aufgeklappten Lkw. Auf der anderen Seite, vor der Heilig-Kreuz-Kirche, stehen die Hüpfburg und ein Karussell, und dazwischen gibt es chinesische Kleider, äthiopische Kleider, Sandalen aus Springbockleder. Eine Frau hat ihre Haut zum Leopardenfell tätowiert, eine andere Frau trägt rote Federflügel, eine Gruppe Männer ärmellose Matrosenanzüge.

Es gibt getrocknete Kapstadtstachelbeeren und Papayastangen, indische Currys, finnischen Lachs, afrikanische Donuts, Bananenbier, Krimsekt, Caipirinha, alt-böhmische Feuerkringel, Pluderhosen, Spitzenblusen, Messingschmuck, Kokosnusswasser, Abziehbilder, Rasseln und Flöten. Und dann gibt es zwischen all dem Trubel, den bunten Fahnen und dem lautem Geschrei tatsächlich auch stille Stände.

Ein Friese lässt sich die Hand lesen

Da ist zum Beispiel das Handlese-Zelt von Heidi Lamira Woitinek. Sie ist Aurameisterin, so steht es auf ihrer Visitenkarte, und bietet Handlesen auch per Telefon an, aber momentan steht sie ganz in schwarz mit kohleumrandeten Augen vor ihrem kleinen Zelt. Am Eingang hängen rosafarbene indische Tücher, darin stehen zwei Stühle und ein Tisch mit Glaskugeln in verschiedenen Größen. Eine junge Frau fragt nach dem Preis. „Fünf, zehn, oder fünfzehn Euro“, sagt Woitinek. „Was ist der Unterschied?“ „Na, fünf, zehn oder fünzehn Minuten“, antwortet Woitinek ungehalten. Die junge Frau blickt irritiert, nimmt aber im Zelt Platz.

Nebenan liest Barbara Miselwitz gerade Wolf, einem Drucker aus Nordfriesland aus der Hand. Seine Frau Roswitha ist schon fertig und sagt: „Das war wirklich interessant. Ich habe gerade einen beruflichen Umbruch hinter mir, und was sie dazu gesagt hat, passt hundert Prozent. Dabei wusste sie ja von nichts. Sie hat mir gute Ratschläge gegeben.“ Nun ist Wolf fertig. Miselwitz, rote Lippen, pinke Tüllblume im Haar, hat ihn in Liebesangelegenheiten beraten. „Das war spannend“, sagt Wolf, „sie hat viele Punkte bei mir richtig herausgearbeitet und gute Tipps gegeben.“ Wolf und Miselwitz tauschen ihre Telefonnummern aus. Wolf will auch daheim in Nordfriesland mit ihr im Kontakt bleiben.

FDP-Wähler bei der Thai-Massage

Weiter in Richtung Kirche hin steht das Osoth Spa. Hier gibt es thailändische Massage, weshalb das Zelt zu einem provisorischen Tempel hergerichtet ist. Gleich am Eingang steht ein Foto von König Bhumibol und eine Schale Obst, Blumen hängen von der Decke, es riecht nach Aromaöl. Auf sechs Stühlen sitzen rittlings Leute und lassen sich massieren. Die Männer haben sich die Oberteile ausgezogen, eine Frau sitzt nur im BH da. „Wie kommt man denn auf so eine Idee?“, fragt eine Passantin, „hier kann sich doch kein Mensch entspannen.“

„Ich fühle mich entspannt“, sagt Maarten, ein schlaksiger Holländer, der mit seinen Freunden Berlin besucht. Sie sehen alle aus wie FDP-Wähler: Seitenscheitel, beige Hose, hellblaukariertes Hemd. Maarten steigt vom Stuhl und zieht sein Hemd wieder an. „Ich habe Rückenprobleme und gerade sind die weniger geworden. Ich weiß nur nicht, was die Frau gemacht hat.“

Die Frau, eine kleine, kräftige Thailänderin, die so aussieht, als könne sie Baumstämme werfen, hat Maartens Rücken mit Hölzern abgeklopft, mit den Händen geknetet und mit einem Glas, in dem sie vorher Unterdruck erzeugt hat, abgekreist. Maarten nimmt wieder seine fast leere Flasche Bier in die Hand. Weiter geht es. Es geht ja nun viel besser.

Deutsch ist hier nicht nötig

Vor der Friedhofsmauer am Mehringdamm findet die poetischste Vorführung des Karnevals statt. Auf dem Boden sitzt Can, 20, und spielt zart auf einer runden Stahltrommel wie für Calypsomusik. Neben ihm steht Daniel und jongliert. Er steht dabei fast still, lächelt und bewegt die Arme, auf den denen er zwei Acrylkugeln rollen lässt. Den Arm hoch, auf die Schulter, über den Kopf, wieder runter, an der Unterseite des Arms, auf die Hände, die Finger, die Fingerspitzen. Wie festgeklebt. Magisch. Wie ein Traum, eine Kindheitserinnerung, wie einst der Clown im Zirkus Roncalli, der die riesengroße Seifenblase blies.

„Contact Juggling“ nennt Daniel das, was er macht. Er übt es seit fünf Jahren, „dabei habe ich viele Kugeln zerbrochen“. Er ist 24 Jahre alt, aus Spanien, seit März in Berlin und seit zwei Wochen tritt er mit Can, 21, aus der Türkei auf. Solange hat Can die Trommel, „ich bin da wirklich noch ein Anfänger“, sagt er. „Aber Daniel ist meiner Meinung nach Weltklasse. Vielleicht braucht er noch ein paar Jahre, aber dann bestimmt.“ Daniel lächelt freundlich. Er versteht kein deutsch. Das ist hier auch gar nicht nötig. Das ist das Schöne an dem Fest.