1936 schmückte sich das Karstadt-Haus am Hermannplatz zu Ehren der zum Propagandafest erweiterten Olympischen Spiele in Berlin. Eine Ausstellung mit originalen Pokalen, Medallien und Sportgeräten im Inneren erfreute sich großen Ineresses.
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Berlin-Neukölln/KreuzbergWuchtig, aufstrebend, sachlich bis zur Schmerzgrenze: So stellte der Karstadt-Hausarchitekt Philipp Schaefer  1929 seinen Monumentalbau des Fortschritts neben die Mietskasernen. Ein Kaufhaus, das seinesgleichen in Europa suchte. Ein Stück New York und Chicago in Berlin, jedenfalls ein  ikonografischer Bau der der dröhnenden, brüllenden, tosenden Zwanzigerjahre, der Roaring Twenties. Der in den USA gebräuchliche Begriff trifft die Zeit weit besser als das realitätsverleugene "Goldene Zwanziger", das die Deutschen bis heute lieben. 

Als der Fortschritt Mitte der 1920er den Hermannplatz eroberte, protestierten die Mieter: Ihre Häuser wurden abgerissen, weil zwei U-Bahn-Linien samt Umsteigebahnhof gebaut wurden und an der Kreuzberger Seite des fortan grandios gut erreichbaren Platz der Warenhauskonzern Karstadt auf einem 12.500 Quadratmeter großen Grundstück das Konsumzentrum der Extraklasse errichtete.

Was der Mensch begehrt

Das Kaufhaus ragte weit über das in Berlin Übliche hinaus. 32 Meter erhob er sich über das Bodenniveau. Zwei Türme zur Platzfront hin überragten das mit Muschelkalk verkleidete Gebäude um weitere 24 Meter, gekrönt von je 15 Meter hohen Lichtsäulen. Auf neun Etagen (davon zwei unterirdisch) standen etwa 72.000 Quadratmeter  Nutzfläche zur Verfügung.

Dort gab es alles, was der Mensch sich vorstellen mochte: von preisreduzierten Waren im Untergeschoss bis zu Möbeln und einer mondänen Lebensmittelhalle in der fünften Etage. Es gab eine Badeanstalt, eine Sporthalle, Restaurants, Friseure und einen Spielplatz mit Karussell.

Aufschwung nach Arisierung

Zur Eröffnung am 29. April 1929 bummelten Zehntausende Neugierige staunend durch die neue Welt. Zu den größten Attraktionen gehörten die Rolltreppen. Auch neu und geschäftsfördernd: der direkte Zugang zur U-Bahn. Der 4.000 Quadratmeter große Dachgarten war frei und kostenlos zugänglich, man traf sich dort sehr gerne.

4.000 Karstadt-Angestellte arbeiteten hart, doch der Konzern bot geradzu sozialistisch anmutende Vorteile: einen Tagesraum mit Bibliothek und Billardtisch, Ruheräume, einen Liegestuhl-Bereich auf dem Dachgarten, Urlaub im Ferienheim Schierke im Harz.

Als es national-sozialistisch wurde, entließ Karstadt 1933 sogleich nahezu alle jüdischen Angestellten. Die eifrige Arisierung und sonstiges Anschmiegen an die neue Ordnung bescherte Karstadt nach dem Einbruch in der Weltwirtschaftskrise 1929 die Genesung und 1938 den Titel „Vorstufe zum nationalsozialistischen Musterbetrieb“.

Trümmer nach der Sprengung 1945, wahrscheinlich eine Tat der SS.
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Den Bombenkrieg überstand der Bau. Am 25. April 1945 wurde er mutmaßlich von der Waffen-SS durch Brandstiftung oder Sprengung zerstört. Die Lebensmittelvorräte und andere Waren im Wert von fast 30 Millionen Mark sollten den sowjetischen Truppen nicht in die Hände fallen.

In provisorisch hergerichteten Räumen begann im Juli 1945 wieder der Verkauf. Weitere Aufbauschritte folgten in den Jahren 1950, 1955, 1976 und 1998 - ein unattraktives Stückwerk, kein Vergleich zu Schaefers Kathedrale, dem Exempel des Neuen Bauens. 

Bauhausgründer Walter Gropuis hatte diesen Stil eindrücklich beschrieben: „Die neue Zeit fordert den eigenen Sinn. Exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, ordnende Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von Form und Farbe werden entsprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentlichen Lebens das ästhetische Rüstzeug des modernen Baukünstlers werden.“

Wieder außerordentlich: der Entwurf von David Chipperfield für den Neubau.
Foto: David Chipperfield

Als Anfang 2019 bekannt wurde, dass Karstadt-Mehrheitseigner René Benko das Nachkriegsgestückel abreißen und am Hermannplatz wieder ein architektonisches Highlight errichten will, erhob sich prompt Widerstand von Lokalpolitikern und Anwohnern. Sie protestierten allen Ernstes gegen eine Aufwertung des Platzes. Sie befürchten Verdrängung. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wies allerdings darauf hin, dass der Senat die Planungen an sich ziehen könnte.

Gebaut werden soll der Entwurf des weltberühmten Architekten David Chipperfield. Er lehnt sich an Zwanzigerjahre an, jedoch in moderner Interpretation. In Fachkreisen rief er helle Begeisterung und die Erwartung einer neuen Berlin-Attraktion hervor.