Die Karstadt-Filiale am Herrmannplatz sorgt für Zwist zwischen Senat und Bezirk.
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BerlinZu einem guten Produkt gehört eine attraktive Verpackung. Und zwar eine, die den Kunden gefällt, nicht den Verkäufern oder den Genehmigern eines Projekts. Diese uralte Händlerweisheit sollte man sich angesichts des lautstarken Widerstands von der Linken, Bündnis 90/Die Grünen und der SPD Kreuzbergs und Nord-Neuköllns gegen den Umbauplan für das Karstadtgebäude am Hermannplatz in Erinnerung rufen. Dessen Architektur ist nämlich Verpackung eines Produkts. Wenn am Hermannplatz auf Dauer ein großes Kaufhaus weiter existieren soll – das wünschen sich alle Diskutanten und das hat auch der Investor Signa fest zugesagt! –, dann geht das sicher nicht in der Nutzarchitektur der frühen 1950er-Jahre, die in den 1990ern ästhetisch noch miserabilisiert wurde.

Dieser Bau zeigt nach außen, dass man hier zwar einkaufen, aber keineswegs lustvoll shoppen kann. Das ist – wie jeder weiß, der bei Karstadt gut bedient wurde, egal, ob er nach Druckknöpfen oder Design-Geschirr gefragt hat – nicht korrekt. Genau deswegen ist der ungefähre Nachbau der legendären Fassade von 1929 mit den beiden Leuchttürmen prinzipiell eine gute Verpackungsidee. Zumal ein erfolgreiches Kaufhaus die kleinteilige, aber hyperkapitalistische Einzelhändlerstruktur Nord-Neuköllns nach aller Erfahrung sogar stützen kann – wenn es nicht zu einer konkurrierenden Shopping-Mall wird. Genau die haben die Investoren aber ausgeschlossen. Die neuen Nutzflächen kämen nur Büros, Sportstudios oder Wohnungen zugute. Eine Mischnutzung also, die derzeit als städtisches Erfolgsmodell gilt.

Berlin Neukölln, Herrmannplatz mit Blick auf das Karstadt-Kaufhaus um 1915.
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Der Widerstand gegen die Signa-Holding hat mehr mit grundsätzlicher Kritik am kapitalistischen Wirtschaftsmodell und an Großinvestoren zu tun als mit einer rationalen Analyse des Projekts. Dass die Firma aus Österreich kommt, macht sie zusätzlich verdächtig. Nun teilt der Autor dieser Zeilen weder solche Ausländerfeindlichkeit noch die Überzeugung, dass sich der Kapitalismus im letzten Stadium seiner Entwicklung befindet. Ihm ist nur derzeit kein anderes Wirtschaftssystem bekannt, dass mit der Demokratie kompatibel ist, flexibel auf neue Forderungen der Gesellschaft reagieren kann und seit der Öffnung Chinas, Afrikas und Osteuropas inklusive der DDR viele Milliarden Menschen aus echter oder relativer Armut befreit hat.

Trotzdem: Das Projekt Hermannplatz hat üble Widerhaken. Der Senat entmachtete wieder einmal die Bezirke, nur um 800 Arbeitsplätze in den anderen Karstadt-Häusern zu sichern. Doch die von Signa versprochenen drei Jahre Mindestgarantiebetrieb sind inakzeptabel. Auch zehn Jahre wären kaum eine angemessene Frist für Großinvestoren, die ja durchaus längerfristig denken müssen als Pop-up-Späti-Betreiber. Um selbst dies wenige zu erreichen, akzeptiert der Senat aber gegen alle städtebauliche Vernunft, dass das Signa-Projekt eines Hochhauses am Alexanderplatz keine Wohnungen enthält, sondern nur Büros. Der Verkehr sei so laut. Sollte nicht der laute Autoverkehr eh zurückgedrängt werden? Ein weiteres Signa-Hochhaus soll am Breitscheidplatz entstehen. Auch für dieses gibt es offenbar wie am Hermannplatz keine schärferen funktionalen oder gar ökologischen Vorgaben. Dabei wären grüne Kauf- und Hochhäuser doch wirklich mal was Neues im steinernen Berlin.

Der Senat schielt allein auf die Arbeitsplätze und auf die kommenden Wahlen, während die Signa-Kritiker nur antikapitalistisch dröhnend das schlecht Bestehende konservieren wollen, bis es bankrott geht. Beides ist zu kurz gedacht.




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