Berlin - „Schrei vor Glück!“ Dieser Werbespruch machte blitzschnell Karriere. Dahinter steckt Zalando, ein Berliner Online-Schuh- und Textilienversand, der aggressiv um Kundschaft wirbt und binnen kurzer Zeit zum größten seiner Art in Deutschland wurde.

Es könnte sein, dass demnächst wirklich jemand schreit. Aber nicht vor Glück, sondern aus Ärger. Zalando, das bisher ein Zentralgebäude in der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg, ein Outlet in Kreuzberg sowie Logistikzentren in Großbeeren und Brieselang betreibt, will nach Friedrichshain expandieren, in die Neue Bahnhofstraße in der Nähe vom Ostkreuz. Das Problem: Damit wird die dort residierende Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) verdrängt. Deren Räume wurden zum 31. März gekündigt, rund 600 Studenten müssen anderswo unterkommen.

Das Unternehmer-Image könnte Risse bekommen

Pikant ist der Name der dritten Partei: die Berggruen Holding, der das Gebäude gehört. Das Unternehmen unter Führung von Nicolas Berggruen hat vor zwei Jahren den maroden Kaufhaus-Riesen Karstadt mit der Maßgabe gekauft, ihn zu retten. Und Nicolas Berggruen wurde dafür stets hochgelobt. Dass sich der Sohn des Kunstmäzens Heinz Berggruen bei der Sanierung von Karstadt schon mit der Belegschaft angelegt hat, hat daran nichts geändert.

Doch nun könnte es sein, dass das Image des Unternehmers, der Gutes tut, Risse bekommt. Am 17. August ersteigerte die Holding den Gebäudekomplex Neue Bahnhofstraße 11-17. Dort saß nach der Wende der Fahrzeugteile-Hersteller Knorr Bremse, später verschiedene Verwaltungsreinrichtungen. Derzeit sind weniger als 40 Prozent der 25.000 Quadratmeter des denkmalgeschützten Hauses vermietet. Weil zwischenzeitlich der Eigentümer insolvent ging, wurde zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt Berggruen bei 16 Millionen Euro.

Zusätzlich wolle die Holding zwölf Millionen Euro hineinstecken, sagte Sprecherin Ute Kiehn. Seit einer Woche wird umgebaut, der Klinkerbau wird entkernt. Diese zusätzliche Investition wird erbracht, weil mit Zalando ein einziger Mieter das ganze Gebäude nutzen will. „Das ist ein Glücksfall. Das muss man einfach machen“, sagt Kiehn.

Die Umzugsverlierer, die jetzt raus müssen

Der Zalando-Sprecher Boris Radke sagte, dass ab April die ersten Leute dort einziehen würden. Gedacht sei an Abteilungen wie Einkauf, Marketing oder Produktion. Wobei er damit diejenigen Mitarbeiter meint, die alle angebotenen Produkte selber fotografieren und die Bilder ins Netz stellen. „Wir wollen bis zu 1 000 Mitarbeiter in Friedrichshain haben“, sagt Radke. Ob das auch 1 000 neue Arbeitsplätze für Berlin bedeuten würde, mochte er nicht sagen. „Es ist jedenfalls nicht daran gedacht, an anderen Standorten zu kürzen“, so Radke.
Bleiben die Umzugsverlierer, die jetzt raus müssen. Neben der HWR sind dies ein „Zentrum für Bildung und Arbeit“ mit seiner Berufsfachschule für Sozialwesen, die „concept Gesellschaft für aktuelle Berufsbildung“ mit ihrer Berufsfachschule für Altenpflege (in Gründung) sowie die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (Odeg).

„Schrei vor Glück! – Schrei vor Verdrängung!“

Wie die HWR fühlen sie sich schlecht behandelt. Angeblich hätte die Berggruen-Holding vor dem Kauf signalisiert, mit den bisherigen Mietern weitermachen zu wollen. Die Holding streitet das ab.

Schon hat sich die Politik eingeschaltet. Am Mittwoch tagt der Wissenschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses im Hauptgebäude der HWR in der Badenschen Straße in Schöneberg. Dabei wird es auch um den Zwangsumzug aus dem kleinsten der drei HWR-Standorte gehen. Die Hochschule hat außerdem einen Sitz in Alt-Friedrichfelde. Rolf Schümer, Fraktionschef der Piraten in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain/Kreuzberg, sagt ironisch: „Schrei vor Glück! – Schrei vor Verdrängung!“