Viele Menschen halten an der Supermarktkasse nicht viel Abstand zum Kassen-Personal.
Foto: Imago

BerlinNeben dem Eingang zu dem Supermarkt an der Sonnenallee ist eine Arztpraxis. Am Schild draußen an der Hauswand hängt ein gelber Zettel: Patienten, die husten, sollen die Praxis nicht betreten. Sie mögen sich telefonisch melden. In den Supermarkt darf jeder. Am frühen Montagmorgen räumen hier Frauen in roten T-Shirts Klopapier und Milch in die völlig leeren Regale, eine zieht eine Wischmaschine über den Boden. Auf einem Plakat werden Aushilfskräfte gesucht. Viele arbeiten hier auf 450-Euro-Basis.

Von den Kassen ist nur eine besetzt, eine kleine Schlange hat sich gebildet. Die Kassiererin zieht die Waren über das Lesegerät. „Kundenkarte?“, fragt sie. Es ist eine alltägliche Situation, über die man sonst nicht weiter nachdenkt. Aber im Moment ist nicht mehr viel alltäglich. Im Moment erscheint einem diese Situation alarmierend.

Nur 50 Zentimeter Abstand

Die Entfernung zwischen der Kassiererin und jedem ihrer Kunden beträgt vielleicht 50 Zentimeter, viel weniger jedenfalls als der Sicherheitsabstand von zwei Metern, zu dem die Wissenschaftler raten. Als sie das Geld in Empfang nimmt, berühren ihre Hände die des Kunden, beim Rausgeben noch mal. Gefragt, ob sie sich gefährdet fühle, zuckt die Frau mittleren Alters mit den Schultern. „Was soll ich machen?“ Dann wartet schon der nächste Kunde.

In Berlin sind seit Ende vergangener Woche Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen verboten, selbst die privaten. Wenn man hochrechnet, wie viele Menschen in einer Acht-Stunden-Schicht an einer Kassiererin, einem Kassierer vorbeilaufen, kommt man auf rund 500. Mindestens. Manche husten, manche niesen. Die an der Kasse haben keine Chance auszuweichen.  

Lesen sie auch: Die Coronavirus-Pandemie: Aktuelles, Hintergründe und Analysen >>

Die Menschen, die in den Supermärkten arbeiten, vor allem die an den Kassen, sind genauso systemerhaltend wie Krankenschwestern und Ärzte und einem ähnlich hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Und sie sind noch schlechter bezahlt als die Pflegekräfte. Sie können auch kein Absperrband zwischen sich und den Kunden ziehen, wie das die Berliner Busfahrer völlig zurecht tun, um ihre Passagiere auf Abstand zu halten. Die Versorgung der Bevölkerung sei nicht in Gefahr, sagen die Politiker. Sie ist es auch deshalb nicht, weil diese Menschen auf ihrem Posten bleiben.

Das Corona-Update als Newsletter

* Hierbei handelt es sich um Produkte, die von der oben genannten Gesellschaft angeboten werden: gedruckte/digitale Presseprodukte ggf. mit Zugaben sowie Produkte des Verlags: Bücher, Reisen, Veranstaltungen.

Eine Geste der Geschäftsleitung

Im Bioladen auf der anderen Straßenseite haben sie Schilder am Eingang und an den Kassen aufgehängt: Bitte benutzen Sie das Desinfektionsmittel im Eingangsbereich, heißt es unter der Zeichnung eines Jungen, der in die Armbeuge hustet. Man wird ermuntert, mit EC-Karte zu bezahlen, dann bleibt den Kassierern wenigstens der Kontakt mit dem Bargeld erspart, auf dem sich möglicherweise auch Viren befinden. Der Mann vor mir zückt trotzdem einen Schein, den der Kassierer, ein junger Mann, ohne zu murren entgegennimmt. Nur gibt er danach ein paar Tropfen Desinfektionsmittel in seine Hände, es steht neben der Kasse, die Geschäftsleitung hat es zur Verfügung gestellt. Eine Geste. Bevor er sich mir zuwendet, zieht er auch noch Plastikhandschuhe über.

Ja, er sei beunruhigt, sagt er auf meine Frage. Gar nicht so sehr seinetwegen, aber er lebe mit seiner Mutter zusammen. Nicht mehr arbeiten sei keine Option. „Ich muss Geld verdienen.“ Er hoffe, dass irgendwann auch die Supermärkte schließen, dass die Leute sich die Lebensmittel liefern lassen. „Aber das haben wir nicht zu entscheiden.“

Home Office ist ein Privileg

Horst Seehofer leitet sein Ministerium vom Home Office aus. Die sozialen Medien fließen gerade über von Nachrichten von Menschen, die seit Montag zu Hause arbeiten. Lustige Katzenbilder werden gepostet, Bilder von Kaffeetassen, vom Kind, das neben einem Erwachsenen am Schreibtisch sitzt und malt. Von der schönen Aussicht. Der Gedanke, dass Home Office ein Privileg ist, wird kaum einmal geäußert.

Der Fleischverkäufer ist froh, über den Abstand, den die Theke bedingt, auch wenn es keine zwei Meter sind. Er sagt, in seinem Bereich seien die Hygienevorschriften ohnehin streng, er habe sich auch vorher oft die Hände desinfiziert. Es ist ihm trotzdem recht, dass er nun zwei Wochen in Urlaub geht, weil die Kita seines Kindes zumacht. „Aber danach stehe ich wieder hier.“