Madrid - Mariano Rajoy hat genau den richtigen Ton getroffen. Das ist man nicht von ihm gewohnt. Er hat den katalanischen Ministerpräsidenten um Klarheit gebeten. War das denn nun eine Unabhängigkeitserklärung oder nicht? Das wüssten alle Spanier gerne. Carles Puigdemont wollte seine eigenen Leute ruhigstellen und die spanische Regierung nervös machen. Das Gegenteil ist der Fall.

Wer die Dinge nun klargestellt hat, ist Rajoy. Er ist bereit, den Verfassungsartikel 155 (Entmachtung der Regionalregierung) anzuwenden, eine potenziell scharfe Waffe, die mit Umsicht eingesetzt die verfahrene Lage in Katalonien wieder unter Kontrolle bringen könnte. Vor allem hat Rajoy klargestellt, wer für diesen Schritt die Verantwortung tragen wird: Puigdemont und seine separatistische Regierung. Sie wissen nun, was sie immer schon wussten: Wer den Rechtsstaat provoziert, bekommt die Antwort vom Rechtsstaat.

Am Rande des Chaos

Puigdemont hatte am Dienstag versucht, eine schwere Blutung mit einem Pflaster zu stillen. Die aufgeschobene Ausrufung der katalanischen Republik sollte Unabhängigkeitserklärung sein – und zugleich nicht sein. Seit zwei Jahren macht die separatistische Regionalregierung die Katalanen heiß: Wir schaffen die Abspaltung von Spanien! Europa wird uns mit offenen Armen empfangen! Banken und andere Unternehmen werden sich danach drängeln, nach Katalonien zu kommen! Die eine Hälfte der Bevölkerung glaubte es. Die andere schwieg. Jetzt müssen sie alle sehen, dass Puigdemont sie an den Rand des Chaos gebracht hat.

Schluss damit!

Das Pflaster vom Dienstag wird sich bald lösen. Die Blutung lässt sich nur mit einer klaren Entscheidung stoppen: Schluss mit dem separatistischen Abenteuer. Das ist frustrierend für alle, die ehrlich glauben, dass die Gründung eines neuen Staates ein fundamentales Menschenrecht sei. Doch aus gutem Grund ist es keines: Ein solches Recht würde den Frieden gefährden. Eine zunehmende Aufsplitterung des Staatenverbundes schafft keine neuen Freiheiten, sondern neue Unsicherheiten.

Eine bessere Idee ist die der spanischen Sozialisten: eine Reform der Verfassung, die neue Mitspracherechte der Regionen in der nationalen Politik schafft. Auf eine solche Reform sollte Puigdemont seine Kräfte konzentrieren. Er hat die Chance, sich als Staatsmann zu zeigen, der die Interessen Kataloniens über seine eigenen stellt. So wie sich Rajoy an diesem Mittwoch auf einmal als Staatsmann gezeigt hat.